> > > > > 04.10.2007
Sonntag, 15. September 2019

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Rekonstruktionen der „Ballets Russes“ in Dresden

Petruschka, Feuervogel Chopiniana

Es ist die 13. Vorstellung dieses Ballettabends seit der Premiere im Juni 2005. Es wird ein glücklicher Abend für die ‘Hommage an Serge Diaghilev’, wie diese Produktion um Untertitel heißt. Nichts mehr von der verwackelten Wiederaufnahme der Produktion zu Beginn der letzten Spielzeit und dem Beginn der neuen Ballettdirektion von Aaron S. Watkin, Adi Luick und David Dawson. Wie das Dresdner Ensemble im Verlauf des ersten Jahres seiner Neuordnung und Neuorientierung zusammen gekommen ist zeigt auch dieser Abend, dem es sehr gut bekommt, mit ‘Copiniana’ von Aaron S. Watkin, in der Tradition von Michail Fokine eröffnet zu werden.

Zudem scheint die Chemie zwischen der Staatskapelle und dem Ballettdirigenten David Coleman zu stimmen, denn was man schon immer ahnte, ist jetzt zu hören. Die für Orchester bearbeiteten Préludes, Walzer, Mazurken und ein Nocturne Chopins von Alexander Glasunow, und Maurice Keller, sind keine Gipfelwerke der Sinfonik, aber bei so elegantem Spiel wie an diesem Abend gut zu hörende Stücke.

Drei Ballerinen, unterschiedlichen Temperaments und ein Danseur noble, dazu 20 weitere Tänzerinnen geben sich den jeweiligen Stimmungen der Musik in entsprechenden brillanten, elegischen, oder immer wieder lyrischen Tanzvariationen hin und erschaffen im romantischen, mondbeglänzten Ambiente, vor allem emotionale Schwingungen, die das Publikum im total ausverkauften Opernhaus vom ersten bis zum letzten Moment verzaubern. Die noble Eleganz von Olga Melnikova und Raphael Coumes-Marquet entspricht den Nuancen dieses tänzerischen Kleinods, dessen Inhalt der Tanz selbst ist, dazu kommen technische Raffinessen und Stärke der persönlichen Ausstrahlung. Gleiches gilt für die beiden Ballerinen Britt Juleen und Leslie Heylmann. Ein Traum in Weiß, eine Hommage an Diaghilew, sicher, aber mehr noch an die Ursprünge des romantischen Balletts, der weißen Bilder, einer Verzauberung der ein leichter Schauer innewohnt ob der Schönheit die im Augenblick der Wahrnehmung bereits vergangen ist. Fortsetzung solcher Tanzkunst folgt noch in dieser Saison mit der Neueinstudierung des Balletts aller romantischen Ballette, ‘Giselle’.

In der Mitte des Abends mit Werken der ‘Ballets Russes’ Igor Strawinskys Burleskes Ballett in vier Bildern ‘Petruschka’. Andris Liepa, vom Ballett des Rigaer Opernhauses in Lettland hat dieses unsterbliche Stück in der Tradition von Michail Fokine in Szene gesetzt. In den Rigaer Werkstätten wurden auch die Ausstattungen für ‘Petruschka’ und ‘Der Feuervogel’ nach den Originalzeichnungen von Alexander Golowin und Leon Bakst für die Pariser Uraufführung von 1910, in höchster Qualität hergestellt. Die Tänzerinnen und Tänzer mögen verzeihen, aber nicht zuletzt wegen dieser fantasie- und farbgewaltigen Bilder aus der Poesie russischer Märchenwelten, aus Jugendstil und folkloristischem Symbolismus, ist dieser Abend ein optisches Glanzstück.

Glänzend sind die drei Hauptpartien inmitten eines gut aufgelegten großen Ensembles besetzt. Fabien Voranger tanzt die unsterbliche Puppe Petruschka. Trotz strenger choreografischer Vorgaben gelingt es Voranger der typisierten Figur sehr warme Züge zu geben, das Herz schlagen zu lassen. Katherina Markowskaya gibt die zerbrechliche Ballerina, eine mit viel Liebreiz ausgestattete Figur aus dem Repertoire zum Leben erweckter Puppen. Ralf Arndt ist der Mohr, ungelenk und unbeholfen, daher tragisch in seiner tödlichen Eifersucht, die Petruschka mit dem übervollen Herzen voll unerwiderter Liebe zur Ballerina trifft. Eine Folge von Märchenbildern, unterhaltsam, exotisch, doppelbödig auch, wenn etwa Petruschka der Eislandschaft seiner übergroßen Behausung entfliehen will und ein Sprung durch die Wand ihn im von üppigen Blüten und Pflanzen geschmückten Raum des Mohren landen lässt.

Zum Schluss des Abends ‘Der Feuervogel’, Ballett in zwei Bildern, ebenfalls mit Musik von Strawinsky, ebenfalls von Andries Liepa, in der Tradition von Fokine, nach der Pariser Uraufführung von 1910 einstudiert. An diesem Werk ist die Zeit nicht so spurlos vorüber gegangen, zu offensichtlich ist auch die wenig überzeugende Dramaturgie dieser Märchenhandlung ohne eigentlichen Höhepunkt. Von der Musik angeregt hat dieses Ballett daher immer wieder neue Deutungen erfahren. Die Orientierung an der Originalfassung hat sicher am stärksten die Opulenz des Bildes für sich, dazu die tänzerische Brillanz, die aber allein der Tänzerin des Feuervogels vorbehalten ist. Olga Melnikova gibt das rot gewandete Fabeltier in Menschengestalt in frappierender technischer Perfektion. Ihre Sprünge, ihre fliegenden Figuren bestechen.

Am Ende viel Applaus für diesen Abend des Balletts und der schönen Bilder, aber auch spürbar für das musikalische Engagement der Staatskapelle unter der Leitung von David Coleman.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett: Les Ballets Russes

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Frédéric Chopin, Igor Strawinsky, Alexander Glasunow

Mitwirkende: Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), Aaaron S. Watkin (Choreographie), David Coleman (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich