> > > > > 19.09.2007
Samstag, 4. Februar 2023

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Brillanter Start der Ballettsaison in Dresden

Wiedersehen macht Freude

Dieser Ballettabend, ‘Wiedergeburt und Auferstehung’ genannt, in seiner 11. Vorstellung seit der Premiere im November letzten Jahres, hat eindeutig gewonnen. Alle drei Choreografien sind mit dem Ensemble, das zusehends gut zusammenwächst und bereits von kräftiger Präsenz ist, gereift. Dieser Abend mit seinen drei Teilen fällt ganz und gar nicht mehr auseinander, vom ersten hochvirtuosen Moment an bis zum letzten leisen Aushauchen, baut sich ein Spannungsbogen auf, der das nicht übermäßig zahlreiche aber dafür ziemlich junge Publikum dran bleiben lässt.

George Balanchines ‘Thema mit Variationen’ von 1947 mit der Musik von Peter I. Tschaikowski für 12 Paare und ein Solistenpaar hat fließende Eleganz gewonnen. Die Bilder, aus den wechselnden Konstellationen der unterschiedlich formierten Gruppen von Tänzerinnen oder Tänzern, die im Augenblick des Entstehens schon wieder vergangen sind, werden zu einer funkelnden Hommage an das aufblitzen glücklicher Schönheit in Bruchteilen von Sekunden. Die Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von David Coleman lassen die knappen Klangvariationen von Elegie und Ekstase so aufklingen, wie Tschaikowski die Stimmungswechsel liebte. Im Wechsel zwischen Gruppen und den Parts der beiden Solisten genügt der Tanz gänzlich sich selbst, keine Geschichten, keine Ideologien, nur bewegte Körper im Klangraum, zu dem die Bühne wird, freilich nach gestrenger und an Schwierigkeiten nicht gerade armer Choreografie.

In ihren solistischen oder gemeinsamen Passagen leuchten Natalia Sologub und Dmitri Semionov. Beider Drehungen, Sprünge, Querungen des großen Raumes, die gemeinsamen Variationen, alles von der Klarheit eines Kristalls. Hoch aufstrebend, mutig raumgreifend, an der Schwerkraft nicht verzweifelnd, wird hier der Tanz zum festlich gestalteten Sinnbild menschlicher Existenz.

Um deren Schattenseiten geht es auch in William Forsythes Choreografie ‘Enemy in the Figure’, 1989 für das Frankfurter Ballett kreiert, deren ganzer Irrwitz sechs Damen und fünf Herren der Dresdner Company mit Haut und Haar erfasst hat. Eingeschlossen von hohen schwarzen Wänden ein quadratischer Raum, den in der Mitteldiagonale eine auf die Seite gelegte materialisierte Welle durchteilt, mit deren statischer Form in Wellenbewegungen geschleuderte Taue korrespondieren. Diese Folge von Variationen zu verschiedenen Themen existenzieller Auflösungen und Verlustempfindungen in Ermangelung von Mittelpunkten, und der Zerfaserung von Kraftzentren hat an Brisanz gewonnen, der albtraumartige Humor im Geschwindigkeitsrausch der Tänzerinnen und Tänzer unter den elektronischen Klanflächen von Thom Willems sucht seinesgleichen. Forsythes skizzenhafte Choreografie spielt ausdrücklich mit den Wirkungen von Licht und Schatten, von Licht und Finsternis, von hell und dunkel, schwarz und weiß. Mythische Gestalten, Bruchstücke archaischer Rituale, clowneske Bewegungen von gehexter Geschwindigkeit, bei beständigen parallelen Prozessen in wechselndem Licht verstören und faszinieren den Betrachter zugleich. Ein rauschhaftes Spiel, es saugt die Blicke in den schwarzen Raum, und wo das Auge nicht folgen kann sprühen Funken im eigenen Auge und bringen die Farben zum Feuerwerk im Kopf, das sich an dieser Tanzkunst entzündet.

Viel Applaus, großer Jubel für das Ensemble, besonders aber für den fulminanten Jirí Bubenícek in verkantetem Bewegungs- und Geschwindigkeitsrausch.

Und auch David Dawsons Dresdner Kreation ‘Das Verschwundene’ mit der Musik von Arvo Pärt, hat noch stärker an Konturen gewonnen. Seine Meditation über Werden und Vergehen in kaltem Blau gibt sich jetzt freier, die Bewegungen aus Stimmungen wie Stille und Abschied haben bei den sechs Damen und den drei Herren an Authentizität gewonnen. Hier liegt die Kraft in der Zurücknahme, im Verschmelzen der einzelnen Tänzerinnen und Tänzer mit einer zunächst großen, dann abnehmenden und endlich verebbenden Wellenbewegung. Jörg Fassmann und Reinhard Krauß als Violinsolisten, Rodica Buica am präparierten Klavier und Streicher der Staatskapelle unter der Leitung von David Coleman nehmen sich der sonderbaren, antriebslosen Musik aus dem 1977ger Katalog modischer Meditationsmaschen beherzt an.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett: Wiedergeburt und Auferstehung

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Arvo Pärt, Peter Tschaikowsky, Thom Willems, David Dawson

Mitwirkende: Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), George Balanchine (Choreographie), William Forsythe (Choreographie), David Coleman (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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