> > > > > 29.02.2008
Sonntag, 20. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Iris Vermillion und ihr Liederabend in Dresden

Eingesprungen und gelungen

Es war keine Blitzentscheidung. Diana Damrau hatte schon andere Konzerte absagen müssen, ganz überraschend kam die Nachricht nicht, dass ihr mit Spannung erwarteter Liederabend in Dresden nicht stattfinden könne. Vor allem als Zerbinetta und Adele konnte sie die Dresdner begeistern, zum Spielzeitfinale ist sie als Gilda, zusammen mit Juan Diego Flórez in einer Neuproduktion des ‘Rigoletto’ angekündigt.
Stimmlich, gesanglich, vor allem was das Rollenrepertoire angeht, liegen zwischen Diana Damrau und Iris Vermillion Welten, so war das Publikum ihres schnell angekündigten Abends gar nicht in der Versuchung, Vergleiche oder Mutmaßungen anzustellen. Aber die rasante Gestalterin der ‘Penthesilea’, vor wenigen Tagen noch brachte Iris Vermillion mit dieser Mordspartie von Othmar Schoeck, nach Kleists Tragödie, das Publikum zum Rasen, machte schon sehr neugierig darauf, wie sie denn als Kammermusikerin in ihrem ganz und gar romantischen Liedprogramm bestehen werde.             

Nein, eine kühle Perfektionistin ist diese Sängerin nicht. Das schöne Singen an sich, um des reinen Klanges Willen, ist ihre Sache auch nicht. Auch brilliert sie nicht mit exzellenter Technik zum Zwecke der Überwältigung des Auditoriums durch artistische Attraktionen. Nein, es ist ihre eigene so authentische Stimme, mit der Iris Vermillion ihr Publikum erreicht, berührt und reich beschenkt entlässt, wie jüngst beim Liederabend. Es war ein Konzert der besonderen Art in dieser ohnehin hochkarätig besetzten Saison der Liederabende, an der es bislang nur eines zu bedauern gibt, das mangelnde Interesse des Publikums. Bislang sangen sowohl Soile Isokoski als auch Violeta Urmana vor leeren Rängen des Semper-Baus, für den zweiten Mai ist ein Duettabend mit Dorothea Röschmann und Magdalena Kozená angekündigt, und Diana Damrau holt ihr Konzert am 15. Juni nach.  


Iris Vermillion und Axel Brauni am Klavier gestalteten ein Programm mit Liedern von Franz Schubert und Johannes Brahms. Alle Lieder, mal direkter, mal indirekter, umspielen Motive menschlicher Sehnsucht nach Momenten des Glücks, nach erfüllten Träumen. Das gilt besonders für die Auswahl der Lieder von Franz Schubert. Es setzt sich in denen von Johannes Brahms fort, wird noch verstärkt durch die bewegtere Musikalisierung thematischer Facetten der Liebe und ihren Momenten in der Erfahrung von Treue und Untreue.
Mit den eindringlichen Tönen des Unglücks und der Klage in Schuberts Lied ‘Der Wanderer’, wird der Abend eröffnet und thematisch grundiert. Auf die dunkle Elegie folgt mit ‘Rastlose Liebe’ die musikalisch dahineilende Liebes- oder Lebensvision Goethes als ‘Glück ohne Ruh’. Hier, wie in den folgenden Liedern, geht es nicht darum, sie schön, im Sinne von makellos, zu singen, sondern diesen dramatischen Miniaturen jene gebrochene Schönheit des Scheitens aller menschlichen Existenz zu geben.


Ja, mit vollem Eigensinn, mit der ganzen Authentizität ihrer Person, gestaltet Iris Vermillion diesen Abend. Das kann bedeuten, dass sie sich Töne abringt, dass sie mit körperlichem Nachdruck performative Situationen von existenzieller Unerbittlichkeit gestaltet. Das kann aber auch immer wieder dazu führen, dass wir verweilen möchten, wenn ihre dunkle Stimme aufsteigt, uns der warme Klang berührt und selber träumen lässt. Aber das Erwachen im ‘Frühlingstraum’ ist frostig, die Ballade ‘Der Zwerg’ endet tödlich. Axel Brauni am Klavier ist ein idealer Partner, der situativ mitspielt, und dabei durchaus eigene Akzente zu setzen weiß.

In der zweiten Gruppe der Schubertlieder ‘Der König in Thule’, ‘Gretchen am Spinnrad’, ‘Nacht und Träume’, bevor wir mit ‘Der Musensohn’ in die Pause entlassen werden. Sollten sie doch im Publikum gewesen sein, ‘der stumpfe Bursche’ oder das ‘steife Mädchen’, spätestens jetzt hätte auch sie die besondere Melodie dieses Abends erreicht und bewegt. Nach der Pause zunächst vier Lieder von Brahms, die der Sängerin besonders am Herzen und in der Stimme zu liegen scheinen. Sofort, bei ‘Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuss gehen’, ist das Publikum im Bann der Sängerin, absolute Konzentration im Saal, kein Abfall der Spannung, nein, immer neue Klangfarben bei ‘Dein blaues Auge’, ‘Die Mainacht’ und ‘Von ewiger Liebe’. Ganz wunderbar gelingt darauf der Zyklus ‘Zigeunerlieder’, tänzerisch im elegisch aufklingenden Rhythmus des Csardas, innig im nachempfundenem Volkston, schwermütig in den Klängen der Vergeblichkeit und Sehnsucht.

So wie mit Schuberts ‘Der Wanderer’ der Abend programmatisch begann, beschließen ihn Iris Vermillion und Axel Brauni mit der ersten Zugabe. Ich kenne kein Liebeslied, bitterer in seiner Ironie und trauriger in der Schönheit, als Brahms´ ‘Da unten im Tale fließt´s Wasser so trüb’. Noch einmal ist zu spüren was diesen Abend ausmacht. Iris Vermillion versteht es mit den Liedern, die eine Geschichte erzählen, in der Rolle zu singen, ohne das Konzertpodium mit der Opernbühne zu verwechseln. Mit Richard Wagners ‘Träume’ aus dem Zyklus nach Gedichten von Mathilde Wesendonck werden wir entlassen. ‘Sag´, welch wunderbare Träume…’ Langes Nachklingen, Nachsinnen auch, vor allem aber Stille, große Stille im Opernhaus.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: Liederabend Iris Vermillion

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Johannes Brahms, Franz Schubert, Richard Wagner

Mitwirkende: Iris Vermillion (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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