> > > > > 10.01.2008
Sonntag, 20. Oktober 2019

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ein Liederabend mit Violeta Urmana

Das Licht aus der Tiefe

Das geht ja gut los. Wieder macht ein Weltstar in Dresden Station und zwei der drei Ränge in der Semperoper bleiben gleich geschlossen, der erste ist mäßig besetzt und im freundlich gefüllten Parkett versammeln sich Fans und solche, dies es nach diesem Abend geworden sein könnten.
Im Dresdner Blätterwald erschallt dieweil erneut der Ruf nach neuen Konzertsälen. Alles durchgerechnet, nur wer rechnet mit dem Publikum?
Für das auffällig junge Publikum, das den Weg am 10. Januar in die Semperoper fand, die ob Akustik und Ambiente durchaus für Liederabende und Kammermusik in angemessenen Dimensionen geeignet ist, gab es so etwas wie ein grandioses Neujahrsgeschenk. Und wer gekommen war hatte auch reichlich Gelegenheit sich zu erfreuen und zu bedanken. 

Die weltweit gefeierte und gefragte Sopranistin Violeta Urmana, gewissermaßen auf dem Weg nach Madrid, wo sie demnächst als „La Gioconda“ zu erleben ist,  gibt einen Liederabend in der Semperoper. Sie wird mit ungewöhnlich starkem und herzlichem Applaus begrüßt. Etliche Konzertbesucher mögen die Sängerin von ihrem triumphalen Debüt als „Norma“ in Dresden gekannt haben. Mit ihrem Pianisten Jan Philip Schulze lernten sie dazu einen Künstler kennen, den man ob seiner Frische, seiner freundlichen Distanz, seiner so umsichtigen, temperamentvollen uns bisweilen sogar heiteren Akzentuierung seines Parts am Klavier aufs herzlichste einschließen konnte in den Jubel am Ende dieses außergewöhnlichen Liederabends.

Aus dem Vollen geschöpft

Violeta Urmana schöpft aus dem Vollen. Sie hat sich vom Mezzosopran in die leuchtenden Höhen der dramatischen Soprane entwickelt, sie hat die dunkle Grundierung ihrer Stimme nicht verloren, die Mittellage verströmt Wärme, deren Kraft bis in die leuchtenden Spitzentöne wirkt. Niemals kalte Pracht, keine Manierismen, keine ausgestellten Einzeltöne. Wüsste man nicht, dass solcher Gesang exzellenter Technik bedarf, würde man von natürlicher Legatokunst sprechen müssen. Natürlichkeit des Auftritts, der Ausstrahlung und der Interpretation lassen rasch den Funken überspringen, aufmerksame Freude im Publikum, wunderbare Hingabe auf dem Podium.
Eine minimale Irritation zu Beginn kann der Größe dessen was folgt keinen Abbruch tun.
Violeta Urmana bringt ein Programm, mit dem sie sich und uns etliches zumutet. Zu Beginn vier Lieder aus „Les nuits d´ été“ von Hector Berlioz. Stimmungen und Ansprüche der einzelnen Titel könnten unterschiedlicher nicht sein. Die unaufdringliche, daher aber besonders intensive Art, mit der die Sängerin sich dem wohlig-geheimnisvollen Traum in „Le Spectre de la rose“ hingibt und dem sich weitenden Strom der Musik ihre immer ebener werdende Stimme folgen lässt, wird man so schnell nicht vergessen.

Der Reiz des Unbekannten

Dann geht es auf weitestgehend unbekanntes Terrain. Lieder von Sergej Rachmaninow gibt es hier so oft nicht zu hören, obwohl der Komponist einige Jahre in Dresden verbrachte. Das ist wahrhaft schade, denn Violeta Urmana und Jan Philip Schulze präsentieren uns zunächst fünf Kostbarkeiten. Eine weitere wird als Zugabe folgen. Rachmaninows Lieder sprengen die klassische Form, sie werden wie im Falle des außergewöhnlichen Liedes „Dissonanz“ zu einer großen lyrisch-dramatischen Szene in der die Sängerin ihre Klangpräsenz der Opernbühne wunderbar einbeziehen kann, ohne die Maße der Genres zu vermischen. Rachmaninows bekanntes Lied „Vokalise“, eine melancholische Melodie für die instrumental auf einer Silbe, oder im Summen geführten Stimme kommt bei der verinnerlichten, schlichten dabei aber stets kraftvollen, Interpretation der Urmana und ihres Pianisten nicht mal in die Nähe oft nachgesagter Salonsentimentalität.

Starke Töne, kräftige Farben

Nach der Pause wieder neue Töne, neue Farben, auch neue Diktion und vor allem die Überfülle stimmlicher Pracht. Violeta Urmana überschüttet uns mit starken Tönen und ebensolchen Farben, Kraft verwechselt sie nie mit Lautstärke, und Farbgebung nie mit verhuschtem Säuseln. Sie singt für und mit heißem Herzen und aus voller Seele. Und das alles tut den ausgewählten Liedern von Richard Strauss unwahrscheinlich gut, ganz zu schweigen vom spürbar bewegten, geradezu aufgewühlten Publikum. So emotional wurde „Die Georgine“ selten gesungen, so geheimnisvoll und von dunkler Romantik umflort erblühte die „Wasserrose“ lange nicht in Dresden, und dem so fulminant auffahrenden Gestus liebeskranker Herzen in „Zueignung“ konnte sich wohl niemand entziehen, ganz schweigen von der ungewöhnlichen Miniatur „Wir beide wollen springen“.
Zum Beschluss drei Lieder nach Gedichten von Heinrich Heine. Die Sängerin trifft den romantisch-ironischen Ton – was eher selten ist – auch mit der ganzen Fülle ihrer Stimmkraft, Überinterpretationen und belehrende Verdeutlichungen sind ihre Sache nicht, sie hat den Klang zum Text und das Finale wird fulminant. Zunächst heiter, „Schlechtes Wetter“, dann etwas schwärmerisch mit eingedunkeltem, leichten Klang „Mit deinen blauen Augen“ und schließlich mit turbulenter Dramatik, Seufzen, Lachen und Jammern in einer ironischen Szene der hellenistischen Mythologie, „Frühlingsfeier“.

Ganz ohne Oper aber geht es nicht

Natürlich kann und will die Liedsängerin Violeta Urmana die Opernsängerin nicht verbergen, führte sie uns mit der Auswahl der Lieder schon von Höhepunkt zu Höhepunkt so erschließt sich am Ende die musikalische Dramaturgie der mitreißenden Dynamik eines glutvollen Opernabends.
Die wunderbaren Töne der Leonora di Vargas aus Verdis „La forza del destino“ in der Arie „Pace, pace, mio dio“ oder die den freigebigen Zugabenteil abschließende Arie der Tosca „Vissi d´ arte, vissi d´ amore“ müssten das Herz des Intendanten erreicht und bewegt haben. Und wir müssen hoffentlich nicht zu lange auf eine erneute Begegnung mit Violeta Urmana  warten. Nach „Norma“ im Konzert und Liederabend, weil aller guten Dinge mindestens drei sind, dann doch bitte auf der Opernbühne.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Weltstars in der Semperoper:Violeta Urmana

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Hector Berlioz, Sergej Rachmaninoff, Richard Strauss, Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini

Mitwirkende: Jan Philip Schulze (Solist Gesang), Violeta Urmana (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Andante con moto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich