> > > > > 08.11.2007
Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Soile Isokoski singt vor leeren Rängen

Braucht Dresden wirklich Weltstars?

Sie ist in Dresden keine Unbekannte. Soile Isokoski gab ihr Debüt als Elsa in ‘Lohengrin’, sie überzeugte die Straussfans als Gräfin in ‘Capriccio’ und als Marschallin im ‘Rosenkavalier’, an der Seite von Stephen Gould war sie die gefeierte Ellen Orford in Brittens ‘Peter Grimes’. Auch als Liedsängerin hat sie sich in Dresden bereits vorgestellt.

Jetzt kam sie erneut um in der Reihe ‘Weltstars in der Semperoper’ einen Liederabend zu geben. Kaum zu glauben, drei Ränge blieben leer im Semperbau, der erste Rang ist mäßig besetzt, und im Parkett sind große Lücken nach der Pause, die ‘Königsloge’ fast leer. Aber der ihr vorauseilende Ruf wurde bestätigt. Alle, die gekommen waren, erlebten einen außergewöhnlichen Konzertabend. Soile Isokoski wird am Ende begeistert gefeiert. Der Beifall gilt ihrem Gesang mit dem ausgeglichenen Klang ihrer lyrischen Stimme. Dazu kommt ihre Gesangskultur und der differenzierte Ausdruck, die Eleganz der großen Linien findet Bewunderung. Ihr Piano ist niemals gehaucht, immer gesungen, dabei von kristalliner Zerbrechlichkeit, die Expression im forte verliert nie das Maß, und hohe Töne krönen den inhaltlich begründeten Aufstieg einer gedanklichen und musikalischen Entwicklung.

Zusammen mit der finnischen Pianistin Marita Viitasalo erschuf die Sängerin musikalische Momentaufnahmen, Gefühlsregungen, persönlich, intim, doch immer ohne den geringsten Versuch, Effekt und Wahrhaftigkeit zu verwechseln.

Ob bei den Proben ihres Mozartgesanges, den Liedern von Franz Schubert und Jean Sibelius, einem Zyklus von Benjamin Britten und fünf Liedern von Richard Strauss, der Genuss des Hörens ist ungetrübt, er ist wissend grundiert, und was betörend schön klingt gleitet nie ab in bloßen Schöngesang.

Die Melancholie herbstlicher Abschiedsstimmung, die in Mozarts ‘Abendempfindung’ anklingt wird in vier Liedern von Franz Schubert aufgenommen und in dunkleren Varianten variiert. Intensiv die Schilderung der Einsamkeit in ‘Heiß mich nicht reden, heiß mich nicht schweigen’ und ‘Nur wer die Sehnsucht kennt’, die leise Intensität beim Vortrag ‘Nacht und Träume’ sowie das gebändigte Pathos im symbolisch aufgeladenen Lied ‘Die junge Nonne’. Der spätromantische Klang aus der Heimat der Sängerin, deren Vorname ‘nordisches Licht’ bedeutet, in vier Liedern von Jean Sibelius schließt da gut an.

Nach der Pause, Brittens Zyklus ‘On this Island’, fünf Lieder auf Gedichte von Wystan Hugh Auden. Schon im ersten Lied, ein Stimmungsumschwung von festlichen, barocken Anklängen zu dunkler Nachdenklichkeit. Mit wiederum herbstlichen Klängen, bewegter Schilderung einer Seelandschaft und dem geheimnisvollen Grundgestus eines ‘Nocturne’ führen diese Lieder in eine überraschend heitere Schlusspointe mit dem beschwingten, tänzerischen Lied ‘As it is, plenty’. Dann Richard Strauss, ‘Das Rosenband’, Die Georginie’, ‘Allerseelen’, ‘Du meines Herzens Krönelein’ und ‘Cäcilie’. Fünf Lieder, fünf funkelnde Edelsteine zum krönenden Abschluss. Jetzt erschließt sich die kluge Dynamik der Sängerin und ihrer Partnerin am Klavier. Mozarts Geläufigkeit, Schuberts Empfindsamkeit, der orchestrale Aufschwung bei Sibelius und die subtile Emotionen bei Britten klingen zusammen in diesen Liedern musikalischer Schilderungen von Aufbruch und Abschied. Drei Zugaben, dabei Hugo Wolff, ‘Du denkst mit einem Fädchen mich zu fangen’ aus ‘Das italienische Liederbuch’, noch eine Facette der Sängerin, der man gerne noch länger zugehört hätte, denn sie versteht es in hervorragender Art mit jedem Lied eine eigene Welt zu erschaffen und zu vermitteln, dass, wie sie selbst sagt, auch ein kleines Lied eine ganze Welt enthalte.

In dieser Saison werden in Dresden nur Liedinterpretinnen Station machen, Violeta Urmana am 10. Januar, Diana Damrau am 29. Februar, und am 2. Mai geben Dorothea Röschmann und Magdalena Kozená einen Duettabend. Bleibt zu hoffen, dass man in Dresden künftig wieder weiß und schätzt, dass Können einen Star macht und nicht die Anzahl und Größe der Plakate.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden Semperoper: Liederabend Soile Isokoski

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Sibelius, Benjamin Britten, Richard Strauss, Franz Schubert

Mitwirkende: Soile Isokoski (Solist Gesang), Marita Viitasalo (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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