> > > > > 07.09.2007
Dienstag, 25. Januar 2022

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Beethovenhalle Bonn, Copyright: Leonce49=Hans Weingartz

Beethovenhalle Bonn, © Leonce49=Hans Weingartz

Mohamed Basha wartet in der Beethovenhalle

Der Orient zu Gast in Bonn

Orient und Okzident begegneten sich am Wochenende in Bonn. Im Rahmen des alljährlichen Orchestercampus, den die Deutsche Welle in Zusammenarbeit mit dem Bonner Beethovenfest veranstaltet, wurden dieses Jahr nach Hochschulorchestern aus der Ukraine, der Türkei, Georgien, China und Polen zum ersten Mal Nachwuchsmusiker aus dem arabischen Raum eingeladen, um eine Komposition auf dem Beethovenfest uraufzuführen. ‘Entizar’, ein Konzert für Oud (arabische Laute) des ägyptischen Komponisten Mohamed Basha stand auf dem Programm. Ausführenden waren die jungen Musiker des Orchesters des Kairoer Musikkonservatoriums. Sie machten aus der Erstaufführung ein Ereignis.

 

Arabesken im Gewand der Wiener Klassik

Bashas zehnminütige ‘Fantasie für Oud und Orchester’ ist der Erinnerung an die Mutter des Komponisten gewidmet. ‘Entizar’ (Arabisch für: Warten) ist Ausdruck einer Hoffnung; Hoffnung des 1972 geborenen Komponisten seine verstorbene Mutter einmal im Jenseits wiederzusehen. Dabei klingt dieses Konzert zu keinem Zeitpunkt bekümmert. Der Komponist, der selbst als Absolvent des Kairoer Musikkonservatoriums Dirigieren und Komposition studierte, wurde in seiner Jugend durch Hardrock, Jazz, Afro und Fusion geprägt. Diese Einflüsse zeigt Basha unverblümt in seiner Musiksprache, die ebenso konkret mit den alltäglichen Erlebnissen des Komponisten spielt. Das bunte Treiben seines heimatlichen Marktviertels in der Kairoer Altstadt, die Farben, Gerüche und Geräusche des Orients und der für den Nahen Osten typische Oud begegnen in seiner Komposition dem Klangkörper des europäischen Orchesters: die Arabesken des Morgenlandes im Gewand der Wiener Klassik – die (mikrofonverstärkten) orientalischen Oud-Klänge (Solist: Hisham Issam) im Dialog mit Rodrigo oder Castelnuovo-Tedesco.

Orientalisches Rhythmusgefühl und Black Sabbath

Formal baut sich ‘Entizar’ aus einem prägnanten tänzerischen Motiv auf, das die Streicher im ersten Takten vorstellen. Es wird durch die Orchesterstimmen gereicht, variiert und akzentuiert. Orientalisches Rhythmusgefühl und die drängenden Beats von Black Sabbath reichen sich die Hände. Der Oud nimmt das Motiv auf und spinnt daraus fragile Gebilde, bis das Orchester wieder die Oberhand gewinnt und ahnungsvolle Trompetenstöße eine neue Klang-Qualität in die Komposition einbringen. Ein wortgewandter Dialog zwischen Streichern und Blech wir eingeleitet. Den Anschluss bildet eine tänzerisch synkopierte Passage, in der das Riqq, ein orientalisches Perkussionsinstrument (Solist: Khaled Abo Hegazy) streckenweise die Leitung übernimmt. Schließlich kehrt das Orchester entschieden zum anfänglichen Material zurück und lässt dieses furios ausklingen.

Durch Krieg, Korruption und islamistischen Terror in den Schlagzeilen

Avantgarde ist das für mitteleuropäische Ohren nicht. Das will das vom Komponisten selbst dirigierte Konzert aber auch gar nicht sein. Es ist Musik, die der Verständigung dient; eine Komposition, die europäische Musikkultur an die begeisterten jungen Musiker aus Ägypten vermittelt und ein Angebot an das europäische Publikum, sich mit den Hörgewohnheiten einer Region auseinander zu setzen, die heute fast ausschließlich durch Krieg, Korruption und islamistischen Terror in den Schlagzeilen ist. Bleibt zu hoffen, dass diese Botschaft, die kommende Woche in Berlin und danach in Kairo zu hären sein wird, ein breites Wirkungsfeld erhält.

 

Im Zeichen von Verständigung und kulturellem Dialog

Ivan Filev, der Dirigent des Orchesters, leitete das restliche Programm des Abends. Passend zum britischen Motto ‘Joy’ des diesjährigen Beethovenfestes interpretierten die jungen Ägypter zunächst Brittens ‘Simple Symphony’ und ließen darauf Beethovens vernachlässigte 2. Sinfonie folgen. Eine beachtliche Leistung angesichts der für europäische Orchester kaum vorstellbaren Schwierigkeiten, unter denen die jungen Musiker ihre musikalische Ausbildung in ihrer Heimat absolvieren. Selbst sanierungsbedürftige Instrumente, knappe Mittel und die politische Situation, die 10 Jahre lang Auslandsaufenthalte verhinderte, können der Begeisterung der Musiker im Alter von 20 bis 25 Jahren offenbar nichts anhaben. Bis zum letzten Takt war das Orchester mit Feuereifer dabei . Eine Begeisterung, die auf das Publikum in der Beethovenhalle übersprang. Die Besucher, unter ihnen hochrangige ägyptische Polit-Prominenz und die Intendantin des Beethovenfestes Ilona Schmiel, die sich gemeinsam im Zeichen von Verständigung und kulturellem Dialog für dieses Konzert eingesetzt haben, feierten das Orchester mit Standing Ovations.

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Kritik von Miquel Cabruja

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Der Orient zu Gast in Bonn: Mohamed Basha wartet in der Beethovenhalle

Ort: Beethovenhalle,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Benjamin Britten

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