> > > > > 24.08.2007
Montag, 27. Mai 2019

Das Berliner Konzerthausorchester feiert

Angewandtes und Funktionales

Berlin erwacht langsam aus dem Sommerschlaf, den die etablierten Kultureinrichtungen traditionell in den Monaten Juli und August zu halten pflegen und damit Nischenprojekten, wie dem jüngst mit neuem Besucherrekord zuende gegangenen Nachwuchsorchesterfestival young.euro.classic, Räume schaffen. Den Anfang der Erweckungsbewegung machte nun das Konzerthausorchester Berlin mit einem Orchesterfest zur Saisoneröffnung. Chefdirigent Lothar Zagrosek geht in seine zweite Spielzeit im Haus am Gendarmenmarkt und hatte, wie schon im vergangenen Jahr, das Parket stuhlfrei werden lassen – passend zum proletarischen Charakter der Musik des Abends wurde hier im Stehen gelauscht. Programmatisch galt der Focus heuer der dem Berliner Umfeld entstammenden Musik der Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, einem heimlichen Steckenpferd des langjährigen Stuttgarter GMDs, der sich speziell um Komponisten verdient gemacht hat, deren Werke in der Nazi-Zeit als ‚entartet’ galten. Ernst Krenek fand sich auf dem Programmzettel ebenso, wie Franz Schreker, Hanns Eisler, Kurt Weill, Arnold Schönberg und Edmund Meisel.

Auf den eröffnenden, witzig-kurzen Marsch Ernst Kreneks aus dessen Opus ‚Drei lustige Märsche’, zudem ein Teil der Bläser- und Schlagwerkfraktion in den Saal und auf das Podium einzog, folgte das Vorspiel zu Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten (UA 1918) – ein Werk spätromantischer Prägung, dessen Klangfarbenspielereien der französischen Schule näher scheinen, als der Tonsprache eines Richard Strauss. Hier zeigte sich Zagrosek mit seinem Orchester um größtmögliche Stimmendifferenzierung bemüht; fein ziselierte Registerschichtungen und die Auffächerung großer dynamischer Gegensätze waren die wichtigsten Zutaten der ebenso uneitlen wie tiefgründigen Darbietung. Für das moralistische Moment musste einmal mehr Hanns Eisler herhalten mit Ausschnitten aus seinen Balladen op. 22 und op. 41. ‚Angewandte Musik’ hat Eisler sein Bestreben, Werke mit offenkundig politischer und sozialer Funktion zu schreiben, genannt. Funktionale Musik sagt die Musiksoziologie heute dazu: Arbeiter- und Kampflieder fallen ebenso darunter, wie Balladen, Theater- und Filmmusiken, hier auf Texte von Berthold Brecht, Kurt Tucholsky und Julian Arendt. Mit Georg Blüml als singendem Sprecher hatte man einen stilsicheren Interpreten verpflichten können, der das Kämpferische der Texte ebenso zu betonen wusste, wie die unter einem breiten Lächeln verborgenen Moralpredigten.

Der optische Höhepunkt des seriösen Konzertteils war sicher der auf die große Leinwand projizierte, vom Orchester live begleitete Ausschnitt aus Walther Ruttmanns Stummfilm Sinfonie einer Großstadt (1927). Edmund Meisels Musik zu diesem eindrucksvollen Berliner Stadtportrait, (er hatte auch 1925 die Musik zur deutschen Fassung von Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin verfasst) war schon im Uraufführungsjahr legendär; ein über 70 Mann starkes Orchester bestritt die Erstaufführung, deren Partitur heute verschollen ist. Mark-Andreas Schlingensiepen hat in den Achtzigerjahren aus der erhaltenen Klavierfassung eine Neuorchestrierung angefertigt, die hier den dritten Akt des filmischen Meisterwerks untermalte. Lobenswert engagiert, wenn auch ein wenig pauschal in der musikalischen Umsetzung, ging das Konzerthausorchester dabei zu Werke. Spannender geriet da Arnold Schönbergs Begleitmusik zu einer Lichtspielszene op. 34; eine Musik zu einem Film, der nie gedreht wurde. Dem zwölftönig komponierten Werk liegt das Programm ‚Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe’ zugrunde, jene Befindlichkeiten also, die schon in den Kinderjahren des Films wichtige Ingredienzen waren. Die Musik Schönbergs versteht bestens, solche Bilder vor dem inneren Auge des Hörers zu erzeugen. Lothar Zagroseks Fähigkeit, neben der Struktur eines Werkes, auch im Dissonanten die Musik, die Emotionen zu entdecken und zu vermitteln, erwies sich hierbei als besonders hilfreich. Kurt Weills ‚Kleine Dreigroschenmusik’ beschloss den Arbeitsabend des Konzerthausorchesters, wobei sich vor allem Sören Linke an der Trompete besonderes Lob erblies, während die Kollegen sich auf hohem technischen Niveau etwas ‚hüftsteif’ durch das fremdartige Metier tasteten. 

Hiernach galt es, für Hörer und Profimusiker die Seiten zu tauschen. Das Publikumsorchester, dessen Mitglieder aus so fernen Ländern wie Schweden, Norwegen, den Niederlanden, Österreich und Nordrhein-Westfalen angereist waren, erarbeitete sich (im wörtlichen Sinne) unter Zagroseks ergebnisorientierter und keinesfalls humorloser Anleitung Bedrich Smetanas ‚Die Moldau’. Es spricht nicht zuletzt für die Musik des Tschechen, dass ihr 16 Flöten und 14 Klarinetten eben sowenig anhaben können, wie 12 Posaunen und 32 Celli. Eine für Hörer wie Hobbymusiker nachhaltige Erfahrung.

Zu später Stunde stürmte dann das Capital Dance Orchestra aufs Podium, um mit der Darbietung beswingter Melodien der wilden Roaring Twenties verblasstes Berliner Tanzlokalflair der Zeit zwischen 1920 und 1940 neu aufleben zu lassen. Nicht ohne Erfolg: Das Parkett des Großen Saals war auch noch weit nach Mitternacht proppevoll mit tanzenden Pärchen, die nach vielstündigem Stehen, die körperliche Betätigung ausgiebig genossen.

Schon in der kommenden Woche gilt es sich wieder dem musikalischen ‚Tagesgeschäft’ zu widmen, das mit Werken von Schreker, Korngold und der Schottischen von Mendelssohn ebenso Spannendes wie Herausforderndes bereithält – mit Hochkaräterin Viviane Hagner an der Geige und natürlich Lothar Zagorsek am Taktstock.

Kritik von Frank Bayer



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Konzerthausorchester Berlin - Orchesterfest: Werke von Eisler, Schreker, Schönberg, Weill

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Hanns Eisler, Franz Schreker, Arnold Schönberg, Kurt Weill, Bedrich Smetana

Mitwirkende: Lothar Zagrosek (Dirigent)

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Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthausorchester Berlin

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