> > > > > 13.07.2008
Donnerstag, 18. August 2022

Georges Bizet

Dressur im Mistral-Wind

Einen abgestorbenen Baumstrunk, wie ihn das nahe Mittelmeer anspült, legt sich Nadine Duffaut für ihre bildhaft erzählende „Carmen“-Inszenierung rechts vor die Römermauer des Théâtre Antique im südfranzösischen Orange. Die dortigen „Chorégies“-Festspiele – das südfranzösische Verona sozusagen – haben im Vier-Jahres-Rhythmus wieder einmal „Carmen“ im Spielplan. Keine Frage, dass die Vorstellungen hier in der Nähe der Stierschauen „Courses Camarguaises“ beliebt sind. Das Publikum nimmt der eines Gewitters abgesagten Premiere wegen sogar eine Zweit-Anreise einen Abend später in Kauf.

Noch ein zweites Manko haben die Chorégies in Kauf zu nehmen: Die chinesische Zweitbesetzung einer Koproduktion mit Shanghai musste abgesagt werden, weil die Partner in China mit der Vorbereitung nicht klar kamen. Am nachgeholten Premierenabend fegt dann zwar kalter Mistralwind den Himmel von den eine Stunde zuvor nieder gehenden letzten Regentropfen frei. Er sorgt aber auch für unfreiwillige Komik, als er im Schlussakt weit nach Mitternacht am Bettlaken der im hinteren Bühnenportal tot aufgebahrten Mutter Don Josés zerrt.

Nadine Duffaut erzählt nämlich Prosper Mérimées „Carmen“-Novelle detailgenau. Da darf zu Bizets Akt-Vorspielen die Mutter des Unglücks-Soldaten José ihren Kummer ausagieren und zur Briefszene Micaelas im ersten Akt gar als Sprechstimme erscheinen. Denn Michel Plasson hat Bizets Originalfassung mit den gesprochenen Dialogen gewählt. Nadine Duffaut spart auf der 50 Meter breiten Bühne vor der „Grand Mûr“ Oranges nicht mit pittoresken Massenbewegungen. In Okertönen harmonieren die Kostüme Katia Duflots sogar mit dem Römertheater-Gemäuer. Da wird Wäsche gewaschen, handfest herum gebalgt, exerziert und Schmugglerware transportiert. Zu Escamillos Feria führen sogar vier Pferde Dressur vor. Und bei Lillas Pastia legt José-Manuel Huertas Flamenco-Truppe eine rasante Seguidilla auf die Sohle.

In der Breite dieser bunt bewegten Massenszenen gehen die Personenkonflikte unter. Mangelnde Lichtregie rückt sie erst recht nicht in den Blick. Statt auf Personenregie setzt Regisseurin Nadine Duffaut zu sehr auf Bildsymbolik. Der riesige, abgestorbene Baumstrunk ist die Spielfläche der Schmuggler- und Zigeuner-Gegenwelt. Er bedeutet Freiheit und Tod zugleich: Carmen wird nach ihrer Befreiung dort hinauf gezogen. Auch Don José steigt nach seinem Sinneswandel auf dieses Geäst und kommt zum Mord an Carmen von diesem toten Baum herunter. Zur Mordtat führt ihm Micaela die Hand. Denn die Frauen sind bei Nadine Duffaut die Starken. Hatte diese „Carmen“-Inszenierung bei handwerklichen Mängeln eine akzeptable Konzeption, so galt für Michel Plassons musikalische Leitung in etwa das Gegenteil. Er ließ das namentlich in seinen Bläsern delikate und kultivierte Orchestre de la Suisse Romande mit Feinsinn und auch mit genauem Schliff aufspielen. Doch kam Bizets Musik zu bedächtig und saftlos daher. Es fehlten Leidenschaft und Impulsivität. Den temperamentvollen Durchzug suchte man vergebens.

Große Namen zieren immer die Besetzungen von Orange. Als Don José warf Marcelo Alvarez Kraft und Schmelz in die Waagschale. Er begeisterte die Zehntausend im Römertheater stimmlich mit passionierter Leidenschaft, die er spontan übertrug. Effektvoll, prägnant und in sauberer Kontur, nur gelegentlich mit leicht näselndem Unterton, sang der Spanier Angel Odena den Escamillo. Deutlich und wohlgesetzt interpretierte François Harismendy den Zuniga. Spritzig und beweglich erwiesen sich Olivier Grand und Florian Lacon als Dancaire und Remendado.

Bei den Frauen fehlten der technisch untadeligen und dunkel-samtenen Béatrice Uria-Monzon in der Titelrolle die Raffinesse und das stimmliche Ausreizen der schillernden Untertönungen der Carmen. Die feinsinnige, innig belebende Micaela der Albanerin Ermonela Jaho bekam zunehmend Probleme mit der Stimmsubstanz und flüchtete ins Vibrieren. Klangvoll und gewandt sangen Magali de Prelle und Karine Deshayes Frasquita und Mercedes.


Dressur im Mistral-Wind
Szenenfoto "Carmen" Szenenfoto "Carmen" Szenenfoto "Carmen"

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Dressur im Mistral-Wind: „Carmen“ im Römertheater von Orange

Ort: Chorégies d'Orange,

Werke von: Georges Bizet

Mitwirkende: Michel Plasson (Dirigent), Orchestre de la Suisse Romande (Orchester), Marcelo Álvarez (Solist Gesang), Béatrice Uria-Monzon (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Chorégies d'Orange

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