> > > > > 14.07.2007
Mittwoch, 12. August 2020

Franz Liszt

Symphonische Fehlzündungen

Die beiden letzten Orchesterkonzerte des Kissinger Sommers 2007 standen ganz im Zeichen der großen symphonischen Schlachtrösser. Im Abschlusskonzert exekutierte der nach langjähriger Pause wieder aktive Tzimon Barto Tschaikowskys b-Moll Konzert mit derart brachialer Gewalt, dass man um den filigranen Steinway im Max-Littmann-Saal des Regentenbaus bangen musste. Hinzu kamen im ersten Satz eklatante Koordinationsprobleme mit Christoph Eschenbach und den völlig überforderten, nachhinkenden Bamberger Symphonikern (Bayerische Staatsphilharmonie). Erst im lyrischen zweiten Satz gelangen den Interpreten durchaus schöne Passagen. Das Finale brauste dem Publikum schließlich wieder mit unbändiger, interpretatorisch wie klanglich indiskutabler Härte um die Ohren. Eine Bach-Zugabe, gespielt mit breitem, dicken Anschlag und peinlich versuchter historischer Artikulation vom Orchester, setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Es wäre wohl besser gewesen, Tzimon Barto hätte seine Karriere ruhen lassen. Nach der Pause stand Peter Tschaikowskys ?Pathétique? auf dem Programm. Die Bamberger Symphoniker agierten auch hier mit labilem Zusammenspiel, das größtenteils auf das Konto des recht nervös dirigierenden Christoph Eschenbach ging. Peinlich für das Kissinger Publikum, dass tosender Beifall bereits nach dem marschartigen Allegro molto vivace hereinbrach. Die Wirkung des Finale (Adagio lamentoso) war somit völlig verpufft. In der Tat kein würdiger Abschluss des Kissinger Sommers 2007.

Wesentlich erfolgreicher als Tzimon Barto agierte hingegen am Vortag der französische Starpianist Jean-Yves Thibaudet. Er brillierte mit feinem, nuancierten Anschlag in Franz Liszts erstem, einsätzigen Klavierkonzert. Wie der Hexenmeister höchstpersönlich zauberte er so manchen Triller auf den Steinway, ließ phänomenale Läufe durch die Luft wirbeln und entzückte das Publikum mit seinem charmanten Auftritt im modischen Outfit mit Stehkragenhemd. Leider konnte hier das Royal Philharmonic Orchestra unter Dirk Joeres nicht mithalten. Das Londoner Orchester agierte klanglich pauschal, intonationstechnisch bedenklich und unflexibel verhärtet im Zusammenklang. Nach der Pause musste man Brahms? Vierte in einer wenig inspirierten Wiedergabe über sich ergehen lassen. Anstatt zu formen, Nebenstimmen hörbar zu machen und neue interpretatorische Ansätze zu liefern, versank Joeres immer tiefer im kapellmeisterlichen Sumpf bloßer Routine. Besonders das Finale wurde unter seinem Dirigat dermaßen zerklüftet und sinnentfremdet, dass man sich allen Ernstes fragen musste, ob der Dirigent sich bewusst war, welch großartige Partitur er hier buchstäblich demontierte.

Mit zeitgenössischen Werken auf dem Programm hätte man so mancher Schmach entgehen können, aber hierfür sind die meisten durchschnittlich begabten Dirigenten anscheinend immer noch zu träge.

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Abschlussgala Kissinger Sommer 2007: Konzerte im Regentenbau

Ort: Regentenbau,

Werke von: Peter Tschaikowsky, Franz Liszt, Johannes Brahms

Mitwirkende: Dirk Joeres (Dirigent), Christoph Eschenbach (Orchester), Bamberger Sinfoniker (Orchester), Royal Philharmonic Orchestra (Orchester), Tzimon Barto (Solist Instr.), Jean-Yves Thibaudet (Solist Instr.)

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