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Mittwoch, 14. November 2018

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

David Dawsons Version eines Klassikers in Dresden

Giselle DD und Bach in Blau

Handlungsballette zu kreieren ist eine der größten Herausforderungen für jeden Choreografen. Beliebt beim Publikum sind sie nach wie vor. Dennoch bleiben Neuschöpfungen hier die Ausnahme. David Dawson, Hauschoreograf des ‘dresden SemperOper ballett’ greift mit seinem ersten narrativen Abend, den er jetzt vorstellt, nach den Sternen. Dawson präsentiert als Uraufführung eine eigene Fassung des Klassikers ‘Giselle oder die Wilis’ mit der Musik von Adolphe Adam. Tänzerisch gesehen bietet dieser Abend drei Sternstunden, denn Dawsons Tänzerinnen und Tänzer der Dresdner Company, unter der Leitung von Aaron S. Watkin sind einfach himmlisch. Der choreografische Reichtum im Ausdrucksvermögen des 36jährigen Engländers kann neben dem großer Kollegen bestehen.

Streitbar ja, authentisch vor allem

An der Art aber, wie Dawson die Geschichte der Giselle erzählt und gewissermaßen materialisiert, scheiden sich die Geister. Mich kann seine ‘neue’ Geschichte, die er immerhin äußerst behutsam in die Gegenwart zu führen versucht, nur bedingt überzeugen. Das mag auch an der Musik von Adolphe Adam liegen, die der Dirigent David Coleman bearbeitet und nach eigener Aussage dem Original so nahe als möglich zu bringen versucht hat. Von der Sächsischen Staatskapelle, unter seiner Leitung gespielt, ist das ein großer Genuss. Der Schwung bleibt im Maß, die Zartheit irdisch, und alles ist grundiert von der Sehnsucht nach Überwindung aller Erdenschwere. Geht es in der romantischen Geschichte zwar auch um die Geschichte einer ersten Liebe, einer ersten so schweren Enttäuschung, dass einzig der Tod als Ausweg bleibt, gibt es darin doch auch die andere Ebene der Erzählung, die vom Narkotikum des Tanzes als Flucht, als Befreiung als einzig angemessenen Ausdruck von Trauer und Hoffnung darüber hinaus.

Erlösung unter Blütenregen

Dawson erzählt eine so frische, wie handgreifliche Geschichte. Da walten so viele Emotionen, dass die Logik beurlaubt werden muss. Da wird aber leider auch in schwarz und weiß gezeichnet und Schuld zu eindeutig zugeschrieben, wo es um jenes Unglück gehen sollte, das Menschen befällt, wenn sie als Opfer ihrer Affekte und Gefühle schuldlos schuldig werden. Einschränkungen hin oder her. Der erste Teil des Balletts, erzählend und reichlich mit tänzerischen Überraschungen ausgestattet, ist für mich von stärkerer Wirkung. Er verkraftet die neue Sicht besser als der zweite Teil, wenn die weißen Seelen der vor ihren Hochzeiten verstorbenen Bräute unerbittlich im Mondlicht tanzen, und es für Giselle im Tod, für Albrecht im Leben, Erlösung unter herabschwebenden Blütenblättern gibt.

Tanz, ein Fest fürs Leben

Was den Tanz angeht, sind beide Teile Feste der schönsten aller darstellenden Künste. Der hoch gewachsene Raphael Coumes-Marquet tanzt die Partie des Albrecht und gibt ihr besondere Aufwertung. Coumes-Marquet besticht durch raumgreifende, weite Gesten, strebt in die Höhe, gerät beständig an Horizonte, die es in seinem Tanz zu durchbrechen gilt. Zart, ein wenig verschlossen, still im Ausdruck, schmiegsam, ohne leisesten Anklang aber an mögliche Selbstaufgabe, die Giselle der Yumiko Takeshima. Als Hilarion, selbstbewusst in der Enttäuschung, nicht von Giselle geliebt zu werden, Jirí Bubenícek in Hochform. Britt Juleen als Bathilde, hier schwarze Anführerein einer gefühlssatten Vergnügungsclique, besticht durch tänzerische Präsenz der Extraklasse. George Hill, Oleg Klymyuk und Pavel Moskvito sind ihre kalten, smarten Begleiter. Und ganz große Sonderklasse die Party der Hochzeitsgesellschaft mit temporeichen Sprüngen, Drehungen, Hebungen und Übermütigkeiten bester Tanzkunstsorte. Das sind Leslie Heylmann, Fabien Voranger, Jón Vallejo, Mariane Joly und Arika Togawa. Vieles wäre zu sagen, den Tanz dieser Aufführung zu würdigen, da müssten Details genannt werden, etwa Dawsons so besondere Art, die Arme seiner wunderbaren Tänzerinnen und Tänzer zu führen, in Gesten, die niemals zu Posen werden. Schließlich noch die Bemerkung, dass sich etwa in den von ihm geschaffenen Duetten, geschult am klassischen Pas de deux, Fähigkeiten zeigen, die auf weitere Handlungsballette hoffen lassen.

Am Anfang Bach in Blau

Der Abend begann mit Bach in Hellblau. Im Jahre 2000 kreierte Dawid Davson für Het Nationale Ballet in Amsterdam seine getanzten Empfindungen jugendlicher Glückseeligkeit. Kribbeln auf der Haut, Schmetterlinge im Bauch und das Gefühl, die Welt umarmen und den Himmel im Sprung erreichen zu können. Zu Johann Sebastian Bachs Klavierkonzert d-Moll, BWV 1052, schuf er eine Choreografie für drei Paare und drei Frauen. Manches meint man in späteren Arbeiten wieder zu erkennen. Von Kopien kann nicht die Rede sein.

‘A Million Kisses to my Skin’ gibt den Tänzerinnen und Tänzern viele Möglichkeiten, ihr Können in einem Rausch aus irrwitzigen, rasanten oder langsamen, schwingenden, Bewegungen zu zeigen. Alle neun Tänzerinnen und Tänzer sind in Bestform. Besonders auffällig, stellvertretend hier zu nennen, Claudio Cangialosi im fliegenden Sprung mit unglaublich eleganter Führung der Arme.

Bei aller Fröhlichkeit der tänzerischen Höhenflüge dieser frühen Arbeit von David Dawson, seine Nachdenklichkeit – auch der Musik Bachs geschuldet – kündigt sich an, und findet nicht zuletzt ihre Fortsetzung in seiner Version von ‘Giselle’.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: dresden SemperOper ballett

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Adolphe Charles Adam, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: David Dawson (Bühnenbild), Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), David Dawson (Choreographie), David Coleman (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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