> > > > > 11.11.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Stark und zart. Der neue Ballettabend in Dresden

Zwischen Tag und Traum

Das ist zunächst der Abend des Ensembles. Das ‘dresden SemperOper ballett’ präsentiert sich in einer bislang so nicht wahrgenommenen Weise als wahrhaft starke Truppe. Die Stärke besteht in der Unterschiedlichkeit der einzelnen Tänzerinnen und Tänzer. Der ausgesprochen große Mut von Ballettdirektor Aaron S. Watkin zur Individualität sowohl im Corps de Ballet als auch bei den acht Coryphées, den Halbsolisten, den Solisten und der Gruppe von acht ersten Solisten, führt zu einem Weg, auf dem durchaus klassisch, neoklassisch getanzt werden kann ohne rückwärtsgewandt zu wirken. Die Modernität eines solchen zeitgemäßen Ansatzes besteht darin, dass im Ballett exemplarisch der Versuch unternommen wird, innerhalb gesetzter Grenzen, bei Anerkennung und Beherrschung der Traditionen und Techniken, ein Höchstmaß an individueller Entfaltung zu erreichen. Bewegter Beweis ist der neue Ballettabend mit dem Titel ‘Dreamlands’ mit vier Choreografien, unterschiedlich ja, aber verbunden auch, vor allem aufeinander bezogen. Man mag solchen Tanz, wie ihn die Arbeiten von William Forsythe, David Dawson, Pascal Touzeau und Johan Inger zeigen als abstrakt empfinden. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Bilder und Verläufe brennen sich ein, und die zweiten, dritten und folgenden Bilder im Gedächtnis kommen uns näher als wir zunächst meinen, und in ihrer Intensität sogar näher, als dem einen oder der anderen lieb sein mag.

Grundsätzlich geht es vier mal um die Fragen nach Werden und Vergehen, nach der existenziellen Wahrheit, die uns mitunter klar und eindeutig zu erfassen scheint, in den Momenten zwischen dem Weichen der Dunkelheit und dem ersten Aufkommen des Morgenlichtes. Das sind fröstelnde Situationen, da mischen sich die Momente des gegenwärtigen Glücksempfindens wenn die Zeit stillzustehen scheint mit denen der Trauer über unwiederbringlich Vergangenes und der Furcht vor kommendem Unbekanntem.

Aus solcher Wahrnehmung von Gefühlsverwirrung und persönlicher Unbefindlichkeit scheint David Dawsons Choreografie ‘The grey Area’ entstanden zu sein. Das 2002 entstandene Werk des Dresdner Hauschoreografen mit der Musik von Nils Lanz ist jetzt erstmals in Deutschland zu sehen. Die Bewegungen der sechs Tänzerinnen und Tänzer sind fließend und weich, dabei stets exakt und von technischer Brillanz. So wie sie und teilhaben lassen an ihren persönlichen Erkundungen von Raum und Zeit, den Einflüssen von Licht und Finsternis, Furcht und Befreiung im Zwischenlicht, führen sie uns an die Grenzen der Wahrnehmung von Sichtbarem und Unsichtbarem. Wie bereits in seiner Dresdner Kreation ‘Das Verschwundene/The Disappeared’ bekennt sich Dawson auch in ‘The grey Area’ zu den meditativen und spirituellen Dimensionen des Tanzes, womit er sich ja – verfolgt man aktuelle Diskussionen in Kultur, Philosophie und Politik – auf der Höhe der Zeit befindet.

Die folgende Arbeit ‘No Thumb’ von Pascal Touzeau ist dieser verwandt. Sie gibt sich direkter, vielleicht weil Peteris Vasks´ Komposition ‘Dona nobis pacem’ mit dem Erklingen des kurzen lateinischen Gebetstextes auch die visuellen Assoziationen der Zusehenden stärker geformt werden. Acht Tänzerinnen und Tänzer in einer Folge knapper Szenen und Situationen, deren Spannungen im Aufzeigen von Gegensätzen aufgrund körperlicher Konstitutionen bestehen können, aber durch das Aufeinandertreffen von disparaten Bewegungsansätzen. Szenische Unterstützung erfährt diese Dresdner Uraufführung durch den Einsatz einer Lichtinstallation die sich über die Tänzerinnen und Tänzer nieder senkt bzw. hoch über ihnen entschwindet.

Am Beginn des vierteiligen Abends eine der erfolgreichsten Choregografien von William Forsythe. Mit ‘The second Detail’ von 1991 lässt sich wiederum feststellen, wie gut seine Arbeiten in Kontexten und Korrespondenzen platziert sind. Das Stück für sieben Tänzerinnen und sieben Tänzer mit der Musik von Thom Willems stellt mit seinen Sprüngen und atemberaubenden Laufbewegungen höchste Ansprüche an das Ensemble. Hier ist für den Tanz die Höhe noch nicht tabu, wie in den aktuellen Arbeiten Forsythes. Natürlich haben die Schwingen der tanzenden Seelenvögel schon Brüche und Verletzungen, aber trotz immer wieder gebrochner Bewegungen und Figuren aus dem neoklassischen Kosmos a lá Balanchine oder Cranko findet die Auseinadersetzung immer noch mit den Originalen statt, inzwischen ja lediglich mit deren Schatten, oder besser Schemen.

Der Charakter des Experimentellen wird unterstützt durch die Arbeitsraumatmosphäre der Bühne, das Kommen und Gehen der Protagonisten. Wenn die Tänzerinnen und Tänzer sich in die traditionellen Formen begeben, dann wohnen wir einer Befragung bei, dem Ausreizen der Mittel und die hier vorsichtigen Entfernungen und Veränderungen. Immer wenn es um die absolute Bewegung geht, finden sich Kongruenzen zwischen Tradition und Gegenwart, wenn es um formale Diktate geht, beginnt der Prozess der Entfernung. Ein großartiges Stück über Nähe und Distanz, über Beschleunigung und Entschleunigung, über Oben und Unten, Höhen und Tiefen, im direkten und im übertragbaren Sinn, insofern – was auch für alle anderen Stücke dieses Abends gilt – nur ein bedingt abstraktes Werk.

Empty House’ auf die so aufgeraute wie aufgedrehte und wild rhythmische Musik für Solovioline von Félix Lajkó, ungarisch geprägte Folklore mit Elementen des Jazz, eine Choreografie von Johan Inger zum Finale. Das passt! Melancholie und Hintersinn, Schermut und Augenzwinkern, das Spiel mit der attraktiven Geschwindigkeit und der Kraft der Ruhe. Verrätselte Kostüme mit schrägem Pfiff von Mylla Ek für zehn Tänzerinnen und Tänzer in Höchstform. Wirbelt hier etwa schon eine mögliche Zukunftsidee, auch mal den Geist attraktiver Unterhaltung, die dem neueren Ballett ja durchaus eigen ist, ein wenig mehr im ehrwürdigen Semperopernhaus zu beheimaten?

Lautstarker Jubel, fröhliche Begeisterung für einen Ballettabend, den es leider vorerst in Dresden nur noch zwei mal in einer Doppelvorstellung, am 14. November gibt, dafür noch vier mal, vom 22. bis zum 25. November, in Heilbronn. Das Berliner Festival ‘Tanz im August’ hat für 2008 schon drei Aufführungen gebucht.


Dresden SemperOper ballett
Johan Inger: Empty House Pascal Touzeau: No Thumb William Forsythe:The second Detail

Klicken Sie auf ein Bild von Dresden SemperOper ballett, um die Fotostrecke zu starten (11 Bilder).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden SemperOper ballett: Dreamlands

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Thom Willems, Péteris Vasks

Mitwirkende: Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), William Forsythe (Choreographie), David Dawson (Choreographie)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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