> > > > > 27.04.2008
Samstag, 19. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Edita Gruberova als Lucia di Lammermoor

Wahnsinn in der Semperoper

Das ist der Opernwahnsinn von der besten Art, der Opernalltag ist es nicht. Das Publikum tobt, schon nach Arien und Ensembles, am Ende erheben sich alle, der Beifall donnert, es gibt Blumen von Verehrern und Verehrerinnen und immer wieder Bravi für die bereits vor ihrem ersten Ton mit Beifall begrüßte Primadonna in Rosa inmitten eines prächtigen Ensembles. Wir befinden uns an diesem Abend in der Semperoper in einem Ausnahmezustand. Gaetano Donizettis Oper ‘Lucia di Lammermoor’ wird konzertant aufgeführt, das Werk wäre durchaus einer szenischen Realisierung wert, aber es würde wohl an Protagonisten fehlen, die diesem Prachtstück der Belcantokunst jenen vokalen Mehrwert verleihen, ohne den dieser Wahnsinn einfach nicht funktioniert. Donizettis berühmteste tragische Oper steht und fällt mit der Besetzung ihrer Titelpartie. In Dresden steht Edita Gruberova als wahnsinnige Schottin und unglückliche Braut von Lammermoor auf dem Konzertpodium, das doch irgendwie zur Bühne wird. Denn ganz ohne Emotionen und Körpersprache lässt sie sich eben nicht besingen, jene Geschichte von der schönen Lucia, die um des Bruders Finanzen zu sanieren einen ungeliebten Mann heiraten muss, deren Herz jedoch einem anderen gehört. Das geht ganz operngemäß nur durch Intrige und Verleumdung, Täuschung und Verrat. Und das sind genau die Anlässe für einen Komponisten wie Donizetti Arien, Duette, Szenen und prächtige Ensembles mit Jagd- und Festgesellschaften zu komponieren, von denen viele Opernfans einfach nicht genug hören können, andere hingegen nicht vertragen können. Letztere sind an diesem Abend gar nicht erst erschienen, die Fans bleiben unter sich, und deren Wahnsinn kann man sich – ist man einmal dabei – wahrlich schwer entziehen, und warum eigentlich auch.

In dieser Oper hören wir der Primadonna nicht beim Sterben zu, das ist unseren Augen und Ohren entzogen, dafür dürfen wir den Tönen ihres Wahnsinns lauschen, der sie dazu brachte den ungeliebten Gatten im Hochzeitsbett zu töten. Edita Gruberova, die mit der Partie der Lucia di Lammermoor weltweit seit Jahren Maßstäbe setzt, vor allem darin, dass Virtuosität und technische Brillanz der Empfindung ganz und gar nicht im Wege stehen müssen, überzeugt auch im vierzigsten Jahr ihrer Bühnenkarriere bei ihrem Dresdner Gastspiel auf überwältigende Weise. Das ist ungetrübte Freude an hellen hohen Tönen ohne Schärfen, die Bewunderung der Koloraturen und immer wieder ihrer so einzige Art, wie aus dem scheinbaren Nichts oder aus unendlicher Ferne im zartesten Piano einen Ton zu formen, der aufblüht, aufsteigt wie ein heller Schein, um dann zu verlöschen. So gestaltet sie im Detail das Ganze ihrer wahnsinnigen Existenz, umgeben von drei jungen Männern. Diese aber, und auch das ein Aspekt des Wahnsinns dieses Opernabends, sind außergewöhnlich attraktiv musikalisch und optisch. Massimo Cavalletti singt mit kernigem, sehr geschmeidigem Bariton, den verräterischen Bruder, Lord Enrico Ashton, mit bestimmendem Gestus. Ismael Jordi, ein lyrischer Tenor aus Spanien mit italienischem Timbre, charmantem Klang in allen Lagen, vor allem sicheren und klingenden Höhen, ist Sir Edgar, der verleumdete Geliebte, dem in diesem Werk die Sterbeszene vorbehalten ist. Nur kurze, aber eindrucksvolle Auftritte hat der junge Tenor Joel Prietro als Lord Arturo Buklaw, dessen Tod durch die Hand der Wahnsinnigen szenisch leider nicht vorgesehen ist.


Zu den bejubelten und gefeierten Gästen kommen aus dem Dresdner Ensemble Andrea Ihle, Michael Eder und Gerald Hupach und werden gern in den herzlichen Dank des Publikums gern eingeschlossen. Der gilt natürlich einem vorzüglich durch Christof Bauer vorbereiteten Chor, der prächtig und mit großer Lust singt, und in besonderer Weise den Damen und Herren der Staatskapelle, die diesem oftmals unterschätzten Stück unter der Leitung von Stefan Anton Reck die besondere Würde ihres Klanges geben. Genuss der Extraklasse bereitete das Spiel der Soloflötistin Rozalia Szabo, die es vermochte in den berühmten fünfzehn Minuten der Wahnsinnsszene mitfühlende Töne des Echos auf die der Seelennöte eines Menschen zu spielen.
Natürlich hat dieser ganze Wahnsinn Methode, die aber zurücktritt hinter dem emotionalen Ereignis, und das wiederum ist gänzlich operngemäß.   

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsisch Staatsoper Dresden Semperoper: Konzrtante Aufführung "Lucia die Lammermoor"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Gaetano Donizetti

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Gerald Hupach (Solist Gesang), Michael Eder (Solist Gesang), Andrea Ihle (Solist Gesang), Ismael Jord (Solist Gesang), Edita Gruberova (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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