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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Schoecks Oper nach 81 Jahren wieder in Dresden

Penthesileas Heimkehr

Eine Stunde und fünfzehn Minuten. Gefüllte Zeit. Kurz und schmerzvoll. Der Atem stockt, das Entsetzen ist groß, Theater ja, mit allen Mitteln, nach allen Regeln der Kunst, und daher unausweichlich. Nur 75 Minuten dauert Othmar Schoecks Oper ‘Penthesilea’, nach Kleists Trauerstück von 1807, die 1927 in Dresden uraufgeführt wurde und leider in Vergessenheit geriet. Die jetzt zur Premiere gefeierte Dresdner Wiederentdeckung, von Günter Krämer, in Jürgen Bäckmanns Bühnenräumen inszeniert, mit Gerd Albrecht am Pult der Staatskapelle, und Iris Vermillion in der Titelrolle, wird man so leicht nicht vergessen. So intensiv kann Oper sein, so intensiv muss Oper sein.

Dunkle deutsche Romantik

Krämer gibt dem Genre was das Seine ist. Er setzt die großen Bilder, die wir durch den romantischen Schleier eines Caspar David Friedrich sehen. Er gibt den einsamen Helden ihre Auftritte. Er bringt das Blut zum Kochen, die Gefühl zum Rasen um am Ende auch mit glänzendem und klebrigem Theaterschaublut nicht zu sparen. Der Mann weiß genau, dass hier das Leben mit allen dunklen Träumen und aller ungelebten Lust einen Dichter, für den das Paradies verloren, und dem auf Erden nicht zu helfen war, als Ausflucht in die Dramatik der antiken Sagenwelt geführt hat. Ein Blick in die dunkle Seele deutscher Romantik. 120 Jahre später verknappt der seelenverwandte schweizerische Komponist das Drama und gibt ihm mit Techniken des Melodrams und chorischen Sprachattacken die antike Wucht der Deklamation. Erregtheit und Geheimnis haben Schoecks Klänge, die der späten Romantik noch nicht ganz entkommen sind. Fahl sind sie, dann wieder glutvoll. Geradezu unbeholfene, täuschende, Süße meint man zu vernehmen, wenn sich Penthesilea und Achilles begegnen. Vernichtend ist die tödliche Wucht der Musik am Ende jener unbändigen Seelenvision zweier Menschen, die verlorenes Einssein durch unterwerfendes Ineinanderdringen und Verschlingen zu überwinden suchen.

Gefesselte auf goldenem Grund

Die Dresdner Inszenierung ist ein dunkler Traum von weiß geschminkten, streng frisierten Frauen in weiten, blauschwarzen Reifröcken, deren Auftritte in choreografisch stilisiertem Amazonenkampf, bei Aufgeregtheit und gespannt verfolgtem Kampfgeschehen, die Bühne in einen Raum voller geheimnisvoll wogender Wolken verwandeln. Niemals zu unterscheiden, was Schein, was Sein ist, was Traum, was wahr ist. Auf goldenem Grund erscheinen Penthesilea und Achilles, beide Gefesselte ihrer Träume und ihrer Bilder voneinander.

Für den Augenblick der Begegnung verabschiedet sich das Theater. Vor geschlossener Bühne ein Moment der Nähe. Die Krieger sind Menschen. Sie schreiben wie Kinder ihre Namen in die Luft. Das ist vielleicht das Süßeste. Wenn nur die Konvention nicht doch aus Menschen wieder Mann und Frau machte und einen Kampf darum, wer wen besiegt, wer unten und wer oben ist. Mag sein, dass Achilles Penthesilea bei Kleist aus Liebe täuscht, sich als Besiegter gibt, um sie dann aber, weil er ist, wer er ist, doppelt, als Feindin und als Frau, zu besiegen. Ganz fern ist auch in dieser Aufführung Christa Wolfs Ausruf ‘Achill das Vieh’ nicht, und ihre Vision vom namenlosen Weichen, das den Mensch zum Menschen macht, nicht sehr nahe.

Kein Unterschied in Blut und Tod und Klang

Am Ende liegt der getötete Achilles nackt in seinem Blut. Besudelt wankt Penthesilea, kannibalische Lustmörderin und verstörtes Kind zugleich, mit Tönen, die die Seele frieren lassen, an den Bühnenrand als wollte sie hinabsteigen in die Tiefe des Klanges, wo nur Musik ist, nicht männlich und nicht weiblich. Iris Vermillion ist in der dunklen Titelpartie eine Sängerdarstellerin von bezwingender Intensität. Ihre Töne holt sie aus archaischer Tiefe und führt sie hinauf in zarte, lichte Höhen. Die Kraft ihrer Darstellung kommt aus der Musikalität. Keine Illustration. Keine Bewegung zu viel, immer Abbild und Widerklang innerer Vorgänge, Anklang und Ahnung so unvorstellbarer Gefühlskraft, die den Geliebten zu zerfleischen und sich selbst zu töten vermag.

Der blonde Gegensatz, jungenhaft, naiv, ein strahlender Draufgänger, der sportliche Achilles des Mark Niemienen. Prothoe, die Vertraute Penthesileas, singt und spielt Milana Butaeva, die Partien der Fürstin Meroe, der Oberpriesterin und Priesterin der Amazonen, in den Erscheinungen kaum unterscheidbar, geben Stephanie Atanasov, Alexandra Petersamer und Birgit Fandrey. Als Griechenkönig Diomedes, in doppelter Ausführung, wüten in der Kriegerkleidung einzig gegenwartsbezogen, Thomas Müller und Mirko Tuma in Siegermanier unter den Amazonen. Peter Lobert ist ein kräftiger Hauptmann, Christoph Pohl ein klangschöner Herold.

Dresdner Tradition? Hier lebt sie.

Von großer Intensität sind die Auftritte des Chores, insbesondere der Damen, denen es ausgesprochen gut tut, in sehr klaren Vorgaben der Choreografie ganz und gar nicht naturalistisch, dafür aber sehr realistisch und glaubwürdig, zu agieren. Und natürlich ist dies ein großer Abend der Staatskapelle, außergewöhnlich reichlich besetzt mit Bläsern, Schlagwerk und Klavier. Gerd Albrecht findet immer das rechte Maß mit den Musikerinnen und Musikern, kein Lärmen, kein Säuseln, kein dumpfer Hochdruck. Die große Dynamik dieses Musiktheaterereignisses bezieht ihre anhaltende Spannung aus dem Wechsel der Emotionen. Schoeck entfaltet nicht, wie etwa Strauss, melodiöse Bögen. Eher versteht er es, aus der Sprödigkeit Funken sprühen zu lassen, die dann aber gewaltig in rauschhaft verzehrende Brände umschlagen können.

Nach 81 Jahre ist ein Werk an den Ort seines Ursprunges zurückgekehrt. Endlich! Die ‘Penthesilea’ von Kleist und Schoeck gehört in das Repertoire des Dresdner Opernauses.


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper
Alexandra Petersammer, Peter Lobert,  Anna Srna, Milana Butaeva, Markus Nieminen, Iris Vermillion Markus Nieminen (Achilles), Iris Vermillion (Penthesilea) Amazonenheer, Milana Butaeva (Prothoe), Stephanie Atanasov (Meroe), Iris Vermillion (Penthesilea)

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Othmar Schoeck, Penthesilea

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Othmar Schoeck

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Gerd Albrecht (Dirigent), Günter Krämer (Inszenierung), Falk Bauer (Kostüme), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Peter Lobert (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang), Birgit Fandrey (Solist Gesang), Alexandra Petersamer (Solist Gesang), Stephanie Atanasov (Solist Gesang), Milana Butajewas (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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