> > > > > 15.07.2007
Samstag, 19. Oktober 2019

Festspielkonzert mit Royal Philharmonic Orchestra

Gesamtkunstwerk auf Herrenchiemsee

Ein Highlight – nicht nur musikalisch, sondern im Sinne eines Gesamtkunstwerkes – war das Konzert des Londoner Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dirk Joeres am Sonntagabend bei den diesjährigen Herrenchiemsee-Festspielen. Es passte einfach alles: Angefangen bei herrlichem Sonnenschein, der den Chiemsee in ein glitzerndes Meer verwandelte, über die adäquate Kulisse des königlichen Schlosses mit seinem pompösen Spiegelsaal, bis hin zu einer ausgezeichneten musikalischen Leistung. ‘Pathétique’ – leidenschaftlich, leidend, pathetisch – war das Programm umspannende Motto mit Peter Iljitsch Tschaikowskys Sechster Sinfonie als Hauptwerk, welche erst am Tag ihrer Uraufführung den Beinamen ‘Pathétique’ erhielt und zweifellos den am stärksten biographischen Charakter in Tschaikowskys Oeuvre besitzt. Das grandiose Werk zeugt von den Qualen und Leiden, denen sich der übersensible Komponist ausgesetzt sah. Auch die beiden weiteren Werke schlossen sich im weitesten Sinne der Programmatik an: Robert Schumanns ‘Manfred’-Ouvertüre, deren Held aus Lord Byrons literarischer Vorlage von Wehmut und Aussichtslosigkeit geprägt ist und Benjamin Brittens ‘Les Illuminations’, deren Textvorlage Arthur Rimbauds leidenschaftliche, homoerotische Züge skizziert und vielleicht gerade deshalb Britten zur Vertonung inspirierte.

Romantisches Pathos

Die eröffnende Ouvertüre war von natürlicher, klanglicher Ausgewogenheit bestimmt. Dirk Joeres verstand es vom ersten Moment an, sein Orchester mit romantischem Pathos zu führen. Trotz minimalistischen Dirigats folgten die Musiker jeder Agogik und dynamischen Schattierung, die die Verzweiflung und Resignation des ‘Manfred’ gelungen zum Ausdruck brachte. Die so aufgebaute Hörerwartung war hoch und erlitt einen kleinen ‘Knick’ durch die Darbietung des Tenors Christopher Gillett, der zwar die schwierig zu singenden ‘Illuminations’ intonationssicher darbot, dem es aber an Volumen und Stimmkraft fehlte. Ihm waren die Anstrengung deutlich anzuhören. Das Orchester aber glich die stimmliche Einschränkung durch präzise und klare kammermusikalische Spielfreude aus.

Höhepunkt des Abends war eindeutig Tschaikowskys Sechste Sinfonie, zu der der Komponist in einem seiner unzähligen Briefe an die verehrte Freundin Nadesha von Meck schrieb: ‘Nur jene Musik kann rühren, welche der Tiefe einer durch Inspiration bewegten Künstlerseele entströmt’. Und in der Tat: die Musik bewegte, was nicht zuletzt der feinfühligen Interpretation zu verdanken war. Joeres und seine ‘Königlichen Musiker’ entfachten leidenschaftliche Empfindungen, zogen Spannungsbögen zwischen düsterer Grundstimmung, sehnsuchtsvoller Wehmut und tänzerisch-beschwingten Themen.

 

Ausgezeichnete musikalische Darbietung

Entgegen allem Usus beendete Tschaikowsky seine sechste Sinfonie nicht mit einem brausenden Allegro-Satz, sondern mit einem melancholischen, untröstlichen ‘Adagio lamentoso’ – eine bewegende Klage, über die Vergänglichkeit des Lebens. Legenden erzählen, dass Tschaikowsky bereits seinen nahenden Tod – er starb neun Tage nach der Uraufführung – geahnt haben soll, als er im Vorfeld zu seiner Sechsten sagte, dass sie ‘den Schlußstein meines ganzen Schaffens bilden soll’. Als abschließende Paukenwirbel und leise Fanfarenklänge einfühlsam die Sinfonie beenden, waren die Zuhörer gebannt vor Spannung und belohnten die ausgesprochen hochwertige musikalische Darbietung mit langem Applaus.

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Kritik von Florian Lang



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Gesamtkunstwerk auf Herrenchiemsee: Festspielkonzert mit Royal Philharmonic Orchestra

Ort: Spiegelsaal,

Werke von: Robert Schumann, Peter Tschaikowsky, Benjamin Britten

Mitwirkende: Dirk Joeres (Dirigent), Royal Philharmonic Orchestra (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Herrenchiemsee Festspiele

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