> > > > > 14.06.2007
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Tsangaris mixt Lichter und Geräusche mit der Bibel

Memento?

Sonderlich viel gibt es nicht zu berichten über die aktuelle Uraufführung in der Kleinen Szene der Semperoper in Dresden. Zum einen, weil Manos Tsangaris in seinem ‘Stationentheater für gemischtes Ensemble’ das machte, was er eigentlich immer macht, zum anderen, weil das Ergebnis in ‘Memento (Lots Weib)’ so offensichtlich mit gängigen Versatzstücken einer eigentlich schon überkommen geglaubten Avantgarde hantiert, dass man über den tatsächlichen Gehalt des Abends zumindest Zweifeln darf.

Die Grundsituation ist denkbar einfach: In vier dunklen Räumen werden gleichzeitig Stationen aus der biblischen Geschichte um Lot gegeben. Das Publikum wandert von Raum zu Raum, Wartezeiten, die jegliche Spannungsanflüge zerstören, inbegriffen. Entstanden sind vier operas minutes, deren Situationen sich mühelos im Alten Testament nachlesen lassen. Sie werden singend, tanzend, rezitierend performt. Die Prägnanz und  Pointiertheit, die Darius Milhaud dieser Sondergattung einst abgewann ist hier durch assoziative Verweise einer Avantgarde ersetzt, wie sie schon die 1970er Jahre kannten. Anspielungen auf Höhlengleichnis, Diskurse um Medialität, Perspektive und Erinnerung, Fragen der Hermeneutik und ähnliche Suhrkamp-Modethemen sind dem, der gewillt ist alles von einer Metaebene aus zu betrachten, schnell offensichtlich. Ebenso wie Anspielungen auf den Ort der Aufführung. Der ist in einem Modell des Festspielhauses Hellerau präsent. Jener Ort Dresdens, der einst ein Symbol für Avantgarde und die Aufhebung der Grenzen der Künste war und heute als eine inhaltlich kaum wieder belebte Renommier-Spielstätte Dresdens vor sich hindümpelt. Unübersehbar, weil das Modell in einer bescheidenen Umsetzung des vor 100 Jahren Aufsehen erregenden Hellerauer Beleuchtungseffektes, also von Lichtern hinter weißer Gaze, inszeniert ist. Der Intellektuelle oder der Theaterhistoriker, der das erkennt, mag sich freuen. Dahinter etwas Wichtiges finden wird er jedoch kaum.

In allen vier Räumen erklingen bedeutungsvolles Streicher-Gezirpe, Perkussion und die mitkalkulierten Geräusche von Plastikplanen und Kostümen. Dazu kreiseln Taschenlampen an Schnüren oder die Darsteller beleuchten sich selbst mit kleinen Lämpchen in unterschiedlichem Licht. Es gibt etwas Simultangeschehen oder man zieht auch schon mal salzgefüllte Gesichtsmasken an, bekanntlich wurde Lots Weib ja zur Salzsäule. Und man verrenkt sich gerne im Palucca-Tanzstil oder sagt einen Text auf, bei dem Kate Strong als Lots Weib etwas mehr Sprachtraining im Vorfeld nicht geschadet hätte. Diese Szene sieht man übrigens doppelt, von zwei Perspektiven aus und - großer Aha-Effekt – beim zweiten Mal erschließt sie sich anders, weil dazu Text projiziert wird. Solcherlei Spielchen mit dem Publikum bleiben so vorhersehbar, wie das Gekicher, wenn man mit Taschenlampe in den nächsten dunklen Raum geführt wird. Vieles was der Ankündigungstext verspricht, sucht man vergebens, etwa die ‘drastische Abgründigkeit’ des Abends oder die ‘überraschenden Erscheinungen, nie gehörten Klänge und eigentümlichen Texte’. So bleibt es ein Abend des routinierten Handwerks etablierter Avantgardeversatzstücke, dem Sinnlichkeit, tatsächlicher Publikumsdialog und – ja, sprechen wir’s aus – Tiefgang fehlt.

Bleibt festzuhalten: die Dresdner Kleine Szene sucht weiter nach dem, was sie eigentlich machen kann und soll, experimentiert weiterhin mit für die Spielstätte neuen Theaterformen – und bleibt dabei wieder einmal nur Mitläufer einer Avantgarde, die woanders schon längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Der Mut (oder das Vermögen?) tatsächlich Eigenständiges zu schaffen und die Chancen dieser Werkraum-Spielstätte tatsächlich zu nutzen, in einer Stadt, die derzeit ohnehin keine nennenswerte Avantgarde-Szene hat, sie ist nach wie vor da. - Wer greift zu?

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Kritik von Uwe Schneider



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Manos Tsangaris: Memento (Lots Weib): Uraufführung

Ort: Kleine Szene,

Werke von: Manos Tsangaris

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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