> > > > > 21.06.2008
Samstag, 25. November 2017

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ein musikalisches Ereignis in der Semperoper

Rigoletto oder die Hölle der Vaterliebe

Er kommt von unten. Zu den Klängen des Vorspiels steigt ein Biedermann aus dem Souffleurkasten auf die schwarze Bühne. Er legt seine ‘Arbeitskleidung’ an, grünes Narrenzeug am Leib, die Kappe auf dem Kopf, in der Hand die Marotte. Rigoletto an seinem Arbeitsplatz. Der systemerhaltende Spaßmacher. Der Mittäter auf Menschenjagd. Das Rädchen im Getriebe einer Frischfleischbeschaffungskette für zeitlose Abnehmer. Könige, Herzöge usw., Zeitgeister jeder Zeit. Rigoletto der Narr meint, er könne die Welten trennen.

Vater, Kind, Tochter, Opfer, Fluch

Am Anfang der Fluch, am Ende auch. Ein Kind, eine Tochter, vernichtet. Das Leben geht weiter. Neue Väter, neue Kinder, neue Opfer, neue Flüche. Väter kommen in Giuseppe Verdis Opern nicht besonders gut weg. Auch wenn sie es angeblich, zwar niemals gänzlich ohne Eigennutz, gut meinen. Für ihre Kinder, die Töchter besonders, geht es nie gut aus. Für Rigolettos Tochter Gilda endet es tödlich. Das Fluchmotiv in dieser Oper musikalischer Kontraste aus abgründiger Finsternis und himmlisch strahlendem Licht eröffnet das rasante Werk mit wenigen düsteren Takten, vornehmlich der Trompeten und Posaunen. Dann ein scharfer Bruch. Schmetternde Blasmusik der Banda, hektische Klänge des Vergnügens an lebenden Leckerbissen.

Ein Narr bei seiner Arbeit

Es gibt viel zu tun. Rigolettos Arbeitgeber, der Herzog von Mantua, ist auf der Jagd. Dass dessen Jagdlust längst seiner unter Verschluss gehaltenen Tochter Gilda gilt kann Rigoletto noch nicht wissen. Dass er selbst zum Handlanger bei nächtlicher Beschaffungskriminalität wird, auch nicht. Der Narr meint schlau zu sein. Er tritt andere. Den Grafen Monterone, dessen Tochter gerade erlitt, wovor er sein Kind mit närrischen Wegsperrängsten bewahren will. Schon nimmt das Verhängnis seinen opernhaften Lauf. Auf dem Weg von der Arbeit in der Hölle, nach Hause in sein Paradies, jenem Verlies, das für seine Tochter, die er dort versteckt hält, die Hölle ist, trifft der Mann, der mit Worten tötet auf einen Berufsmörder, für den er bald einen Auftrag haben wird.

Verfolger und Erlöser. Der Mörder und sein Engel.

Davon, dass das engelgleiche Kind längst seinen Verfolger als Befreier verklärt, kann er ebenso wenig wissen wie davon, dass sich die Wärterin etwas dazu verdient. Die Kupplerin schleust den als Studenten verkleideten Herzog bei Gilda ein. Die Fäden seines Netzes hält der Narr längst nicht mehr in Händen. Einziger Ausweg, Mord am Herzog. An dessen Stelle aber stirbt Gilda in dem Bewusstsein, den Mann zu schützen, dem sie in allem Unglück zumindest einen himmlischen Augenblick verdankt. Es ist die Befreiung vom Vater. Dass die Sterbende die Kraft hat, mit überirisch schönen Tönen ihren wahren Mörder, den jammernden Narrenvater zu trösten, ist klingender Beweis dafür, wer die Hauptperson dieses Stückes ist.

Beifall für den Engel…

Das hörten und sahen die Premierenbesucher in der Semperoper zur Premiere auch so und überschütteten Diana Damrau als Sängerin der Gilda mit überaus herzlichen Ovationen. Mit dem ersten Auftritt dieser in allen Phasen souveränen Künstlerin war klar, dass sie das musikalische und emotionale Zentrum dieser Aufführung ist. Traumwandlerisch, mit zärtlichen Klängen und tänzerischen Bewegungen, entführt sie sich und uns in erträumte Seligkeiten. Ihre Schmerzenstöne im Duett mit Rigoletto am Ende des zweiten Aktes treffen ins Herz. Wie ein Gruß aus anderen Welten erhebt sich die Klarheit ihres von sinnlichem Flirren durchpulsten Soprans über der Erotik aus Begehren, Tod und Geschäft, im berühmten Quartett des letzten Bildes.

… und alle, die er rettet.

Mit Zeljko Lucic, der als Rigoletto sein Debüt gibt, hat sie einen Partner, der in Spiel und Gesang überzeugende Haltungen und Töne für die tragische Zerrissenheit seiner Narrenfigur findet. Das ist eine existenzielle Leistung. Juan Diego Flórez gibt einen vornehmlich auf sich selbst bezogenen Herzog. Mit schlankem, hellem Tenor nähert er sich dem Charakter des gefährlichen und gewissenlosen Verführers eher mit Vorsicht als mit Bravour.

Eine gefährliche Mördergestalt zeichnet Georg Zeppenfeld mit beängstigenden, nüchternen, geschäftliche Tönen, deren subversive Wirkung nicht zu unterschätzen ist, als Sparafucile. Der pralle Gegensatz, als Abbild und Klang des Lebens im Augenblick, ist Christa Mayer als seine Schwester Maddalena. Diesen Sängern, dazu den weiteren Mitgliedern des Ensembles, den Herren des Chores, den engagierten Tänzerinnen und Tänzern, gilt großer, zustimmender Applaus eines begeisterten Publikums. Etwas weniger euphorisch fallen die Reaktionen für Fabio Luisi, die Staatskapelle und – mit vereinzelten Missfallensbekundungen – das Inszenierungsteam aus. Dabei bevorzugt Luisi mit den Musikerinnen und Musikern vor allem Tugenden der Begleitkunst. Aufsehen erregende Akzenten, besonders prägnante Tempowahlen oder ausgeklügelte Raffinessen sind deren Sache nicht. Dieser nachvollziehbare Anspruch geht aber etwas zu Lasten der Intensität und der Gesamtspannung des Opernabends. Groß ist der Dirigent mit den Musikern bei der Auslotung kammermusikalischer Tiefenschärfe, etwa in der düsteren Begegnung Rigolettos mit dem Mörder Sparafucile im zweiten Bild des ersten Aktes. Unaufdringlich, doch unüberhörbar, drängende, dumpfe Figuren tiefer Streicher mit den Holzbläsern. Musikalisch neigt die Aufführung zur Intimität eines Kammerspiels, szenisch weniger.

Heile, heile Hölle, ist nur Maske, Fantasie und Tanz

Regisseur Nikolaus Lehnhoff will uns in den Bildern von Raimund Bauer mit gesellschaftskritischen Fingerzeigen in die psychologischen Abgründe einer unangenehmen Gesellschaft führen. Dabei ist das Leben die Hölle. Abstieg und Gefangenschaft in Gier und Lüsten, die der einen, im Verlies väterlich krankhafter Fürsorge, das Inferno für Gilda. Dass Menschen zu bissigen Vögeln, gefräßigen Reptilien oder Teufeln werden können, hätte der Regisseur wirksamer und glaubwürdiger durch Personenregie erarbeiten sollen, als durch attraktive aber letztlich plakative Maskierungen von Bettina Walter ganz allgemein in hausbackenen choreografierten Haltungen zu behaupten. Die optische Wirkung behindert die akustische nicht, die man sich insgesamt auch akzentuierter und etwas verführerischer denken kann.


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper
Diana Damrau (Gilda), Georg Zeppenfeld (Sparafucile), Christa Mayer (Maddalena) Juan Diego Flórez (Der Herzog von Mantua), Damen der Komparserie Juan Diego Flórez, Herren des Staatsopernchores, Tänzerinnen und Tänzer, Damen der Komparserie

Klicken Sie auf ein Bild von Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper, um die Fotostrecke zu starten (15 Bilder).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Giuseppe Verdi, Rigoletto

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Fabio Luisi (Dirigent), Nikolaus Lehnhoff (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Christa Mayer (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Juan Diego Flórez (Solist Gesang), Zeljko Lucic (Solist Gesang), Diana Damrau (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Edvard Grieg: op. 60, Vilhelm Krag - Margarethlein

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Winfried Rademacher im Portrait "In jedem Ton schwingt der Mensch mit, der ihn produziert"
Winfried Rademacher sucht als Geiger auch gerne Kostbares auf Nebenwegen

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich