> > > > > 12.04.2008
Sonntag, 20. Oktober 2019

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Die Kasarova als einsamer Star an der Semperoper

Und keiner will Rosina wirklich

Rossini ist immer gut fürs Repertoire. Mit der Musik des Meisters der Kompositions- und Kochkünste lassen sich auch Inszenierungen ertragen, die von der optischen Wirkung mehrfach tiefgefrorene und ebenso oft aufgetaute Tortenstücke sind. Von besonderer Verehrung für den in Paris gestorbenen Italiener zeugt es aber nicht gerade, wenn man wie im Falle der jüngsten Premiere, eine an sich schon recht fade Inszenierung aus den wesentlich anderen Dimensionen des Züricher Opernhauses ins tiefschwarze Nichts der Dresdner Semperopernbühne setzt. Dass Rossini selbst die köstlichsten seiner Kreationen mehrfach verwendete, kann solchen ästhetischen Missgriff nicht begründen.

Seine brillante Ouvertüre zum Barbier, nach dem Uraufführungsfiasko 1816 in Rom, einer der größten Opernerfolge überhaupt, hatte er mindestens zwei anderen Stücken schon vorangestellt. Der Mann ließ nichts anbrennen oder umkommen, was einmal gelungen war konnte er gut garniert und frisch gewürzt gern neu verkaufen, und er tischte damit niemandem alte Hüte auf. Regisseur Grischa Asagaroff kann mit seiner beliebigen Organisation der Auf- und Abgänge in der geviertelten Fächertorte auf der Drehbühne von Luigi Perego dem Belcantocharme dieser Oper aus dem Geist der Commedia dell` arte, die vielleicht nur aus Versehen gut ausgeht, ihre musikalische Fortsetzung bei Mozart finden wird, keinen angemessenen Akzent geben. Da soll vieles spanisch aussehen, was einem aber bestenfalls nur so vorkommt und sich in hohlem Operngetue verliert.

Das ist aber ganz und gar nicht so, wenn die Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von Riccardo Frizza vor einem heruntergelassenen Fächer die Ouvertüre spielen. Hier werden zwar keine Temporekorde aufgestellt, auch regiert nicht der Übermut, aber wie aus dem zögernden Beginn sich die Funken aufschwingen, Komödiengewitter ankündigen, um ganz tänzerisch und sanglich ins sprühende Finale zu drängen, das sind gut sieben wundervolle italienische Minuten á la Sächsische Staatskapelle Dresden. Die schöne Pianopassage zu Beginn der Gewittermusik im zweiten Teil wird leider vom Krach der Drehbühne überrumpelt. Sonst muss der Dirigent alle Aufmerksamkeit auf die Szene richten, denn die Herren des Ensembles sind unterschiedlich gut abgestimmt aufeinander, miteinander, und partiell unterschiedlich gut bis kaum den Anforderungen ihrer Partien gewachsen.

Dass da überhaupt eine Frau im Spiel ist, um derentwillen Fabio Maria Capitanucci, als Figaro und Barbier von Sevilla, Listen und Fäden spinnt, mag man ja kaum glauben angesichts einer dermaßen schmalen Wirkung von Kenneth Tarver als von Angst und Gesangsnot gezeichneten Grafen Almaviva. Dass dieser völlig überforderte Jüngling auf Eroberungstour sein soll bleibt eine sehr dünne Behauptung, szenisch und musikalisch. Und die anderen Partien? Da gibt sicher jeder, wie Michael Eder als Bartolo und Roberto Scandiuzzi als Basilio, sein Bestes, aber so richtig gut und überzeugend wird das alles nicht. Es mangelt an Leichtigkeit und Charme, keine Verblüffung, von der mit Ironie gewürzten Virtuosität, ohne die dieses Genre nicht auskommt, gänzlich zu schweigen. Natürlich kommen die bekannten Stücke an, aber die brillanten und aberwitzigen Ensembles bleiben bemüht. Der Mehrwert fehlt einfach im abgestandenen Ambiente, das mitunter den Laubenpiepercharme aus Gartencenter hat.

Da steht und singt der bejubelte Star des Abends, Vesselina Kasarova, als Rosina ziemlich verlassen in der Szenerie alberner Männer. Also erfreuen wir uns an ihren wie aus dem Nichts gehauchten Tönen, an den Koloraturen, die freilich eigentümlich für sich stehen, an ihrer sehr individuellen dunkel getönten Stimme mit der nie gänzlich zu verbergenden Traurigkeit und horchen nicht ohne leichtes Erschrecken auf bei gelegentlichen, recht kraftvoll ins Dramatische verweisenden Tönen.

Freuen wir uns mit Christoph Pohl, der als Interpret kleiner Partien, Offizier und Fiorillo, gut im Gedächtnis bleibt, und halten wir es mit Andrea Ihle, die sich als Berta erst dem Likör und dann gänzlich Rossini zuwendet. Den marmornen Meister im Arm triumphiert sie rollengerecht mit ihrer Arie, bei der auch Maestro Frizza mit den Musikern noch einmal ganz unbeschwert und sorglos in Schwung kommen kann.

Sollte diese, zur Premiere mit starkem Beifall im Einheitstakt aufgenommene, Produktion so etwas wie ein Faktor derzeit vielbeschworener Umwegrentabilität sein, um Produktionen wie ‘Penthesilea’ oder die kommende Uraufführung möglich machen, wollen wir der weisen Voraussicht, die solche Entscheidungen verantwortet, zähneknirschend dankbar sein.


Semperoper Sächsische Staatsoper Dresden
Fabio Maria Capitanucci (Figaro), Michael Eder (Bartolo), Roberto Scandiuzzi (Basilio) Vesselina Kasarova (Rosina), Fabio Maria Capitanucci (Figaro) Vesselina Kasarova (Rosina), Michael Eder (Bartolo)

Klicken Sie auf ein Bild von Semperoper Sächsische Staatsoper Dresden, um die Fotostrecke zu starten (11 Bilder).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Semperoper Sächsische Staatsoper Dresden: Gioacchino Rossini, Il Barbiere di Siviglia

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Riccardo Frizza (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Andrea Ihle (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang), Roberto Scandiuzzi (Solist Gesang), Michael Eder (Solist Gesang), Fabio Maria Capitanucci (Solist Gesang), Kenneth Tarver (Solist Gesang), Vesselina Kasarova (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Schubert: Winterreise op. 89, D 911 - Das Wirtshaus

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich