> > > > > 21.12.2007
Sonntag, 20. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Wie in Dresden ein Opernhaus seinen Ruf ruiniert

Operettenbankrott in der Semperoper

Pardon! Kann ja mal passieren. Man meint eine Pastete einzukaufen und hat alten Käse bekommen. Aber solchen Käse den Gästen aufzutischen und zu vergessen, den Aufkleber mit dem Verfallsdatum zu entfernen, ist nicht zu verzeihen. Anders lässt sich kaum beschreiben, was anlässlich der jüngsten Premiere an der Sächsischen Staatsoper Dresden passierte. Wer noch nicht wusste, wie lang drei Stunden im Theater sein können, erfuhr es psychisch und physisch an diesem Abend einer gründlich missratenen Inszenierung der Operette ‘Die lustige Witwe’ von Franz Lehár.

Premiere im Probenstadium

Schon nach kurzer Zeit drängt sich die Frage auf, wie oft und wie lange die Menschen auf der Bühne das, was sie da machen, wirklich ernsthaft geübt haben können, ob wenigstens zur Generalprobe schon alle dabei waren, oder ob einige jetzt zum ersten mal auf der Bühne stehen und daher den Eindruck erwecken, sie wüssten nicht so recht warum.

Aber der Reihe nach. Eine alte Theaterweisheit sagt, dass alles, was auf der Bühne ist, etwas erzählt. Na also: Schon bevor es beginnt, stehen leere Flaschen herum. Hier darf Gunther Emmerlich nicht nur den Baron Mirko Zeta spielen, der als pontevedrinischer Gesandter in Paris darauf aus ist, mit den Millionen der Witwe Hanna Glawari die Finanzen seines bankrotten Staates zu sanieren, er darf sogar Töne eigener Wahl singen. Ein musikalischer Schock, denn nach anfänglich gutmütiger Großzügigkeit merkt man, das ist ernst gemeint. Im Verlauf des Abends wird sich der Entertainer von eigenen Gnaden in endlosen, pointenlosen Tiraden ergehen und bald schon in Sachen schauspielerischer Präsenz die Schmerzgrenze überschreiten.

Ein Unglück kommt selten allein. Ahmad Mesgarha vom benachbarten Staatsschauspiel als Faktotum Njegus absolviert lähmende Assistenzen mit verklemmten homoerotischen Andeutungen und der völlig abgelutschten Nummer vom Diktator im Tutu. Irgendwann entwickelt das Publikum Selbstschutzmechanismen. Wenn die beiden Stimmungskiller davon faseln, dass wir hier ja alle mal nach Hause wollen, gibt es Beifall. Keine Chance auf Erlösung, es wird gelangweilt bis zum bitteren Ende. Für Chor und Akteure gibt es maximal drei hilflose Positionen, inklusive Schunkeln, Fähnchenschwenken oder schon mal auf Vorgänge zu reagieren, die erst in Zukunft geschehen werden oder längst vorbei sind.

Hier kommt nichts zusammen, weil nichts zusammen gehört

Trotz großer Zeichen des Dirigenten gibt es unterschiedliche Auffassungen zwischen Bühne und Orchester. Manfred Honeck am Pult der Staatskapelle - der liegt der Marsch mehr als der Walzer. Im Orchestergraben gibt es rege Wanderbewegungen. Als Regisseur benennt das Programmheft Jerome Savary. Er nennt seine nicht mehr ganz taufrische Fassung dieser Wiener Operette ‘Revue’, was ihm die Freiheit gibt, die Handlung dehnend zu verändern, die Musikstücke als pure Nummern einzufügen. Das vornehmliche Interesse eines Regisseurs, Charaktere und Entwicklungen zu inszenieren, ist nicht erkennbar. Savarys Vorstellungen von Revue, Spaß und Unterhaltung sind aber inzwischen dermaßen verklemmt und verstaubt, dass sie Sprengkraft wie feuchtes Schießpulver und die erotische Wirkung erkalteter Ofenrohre haben. Die Operettenwelt dreht sich längst nicht mehr um Aufführungen der Pariser Opera Comique, deren Chef Savary bis vor einem Jahr war. Was anderswo längst abgespielt ist, haben Simone Strickner und Frederique Lombart in einem Kraftakt auf die Bühne der Semperoper gestapelt. Hier wirkt das alles in den witzlosen Bildern von Ezio Toffolutti, trotz Schnee und Helikopter, Weihnachtbaum und Tannenwald, wie ein Fremdkörper.

Das Leichte ist nicht leicht zu machen

Wenn aber an einem Haus vom Range der Semperoper eine Operette inszeniert wird, dann darf man zurecht einen musikalischen Genuss erwarten, eine Überraschung, ein Feuerwerk, ein Fest der schönen Stimmen. Dem Dresdner Sängeraufgebot für dieses Stück mit den klangvollen Ohrwürmern erster Güte fehlt das Gespür für das Besondere des Genres und dieses Stückes, in dem der Tenor in der Buffopartie des Camille de Rosillion seine Höhen schmeichelnd leicht singen und nicht hochreißen sollte, wie es Oliver Ringelhahn tut. Lydia Teuscher als Valencienne trifft weder den silbern irisierenden Ton der erotischen Abenteuerin, noch den dreisten der Grisetten. Dass sie unvorteilhaft zickig agieren muss, geht auf die Regiepauschale, ebenso wie der nervende Einfall, Petra-Maria Schnitzer in der Hauptrolle amerikanisiertes Kauderwelsch zu verpassen. Vor allem aber sollte sie die Partie der Hanna Glawari wesentlich schöner, sinnlicher, und intonationssicherer singen. Für Peter Seiffert sprang rechtzeitig Bo Skovhus ein. Er gibt dem liebenswerten Schlawiner Graf Danilo routiniertem Charme.

Strampeln, hangeln, hecheln hinterher

Das weitere Ensemble strampelt und hangelt sich durch den Abend, zählt eisern in den kleinen Choreografien von Naège Maruta die Schritte, um dann doch zu stolpern, und steht weitestgehend, ganz im Stile des Abends, auf verlorenem Posten. Ein paar müde Anspielungen auf Diktatoren und Diktaturen, Banken und Bankrotte, Treue und Veruntreuungen, Wohlstand und geheucheltes Wohlwollen gegenüber weniger Wohlstehenden, hecheln ohne Chancen dem längst verspielten Anspruch, aktuell und sozialkritisch sein zu wollen, hinterher.

Die Mitglieder des MDR Fernsehballetts liefern ab, was man von ihnen erwartet und auch schon kennt. Sie pfeffern ihre akrobatische Can Can Nummer auf die Bretter. Alles dabei, der Sprung in den Spagat, Radschlagen und Handstand, Schreien und Kreischen. Der Can Can gehört zwar nicht hierher, doch die Einlage kommt an, Erlösung von Stillstand und Langeweile kurz vor Schluss.

Kein Buh zuviel und rasche Flucht 

Ratlos, ratlos, nochmals ratlos. War das nicht zu verhindern? Hat das niemand gesehen? Hat die Chefetage eines so hoch subventionierten Staatstheaters nicht auch eine ästhetische Verantwortung? Das Premierenpublikum reagiert weise. Buhs für die Schnitzer beim ‘Vilja-Lied’, eine unmissverständliche Quittung für Emmerlich, Dank für den Retter Skovhus und die rettenden Tänzer. Als Regieteam und Dirigent erscheinen streben die meisten Gäste schon still den Ausgängen zu. Das ist eine weihnachtliche Gnadenerklärung an die Leitung des Hauses, dessen Glück auch beim dritten Anlauf wohl doch nicht mit der Operette zu machen ist.


Sächsische Staatsoper Dresden
Gunther Emmerlich (Baron Mirko Zeta), Ahmad Mesgarha (Njegus) Gunter Emmerlich (Baron Mirko Zeta), Lydia Teuscher (Valencienne), Ahmad Mesgarha (Njegus) Lydia Teuscher (Valencienne), Gunther Emmerlich (Baron Mirko Zeta)

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Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden: Die Lustige Witwe

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Franz Lehár

Mitwirkende: Manfred Honeck (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Bo Skovhus (Solist Gesang), Oliver Ringelhahn (Solist Gesang), Gunther Emmerlich (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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