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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Im alpinistischen Sprung zum Gipfel mit Strauss

Souverän gemeistert

Konzerte hochkarätiger Orchester gleichen Schaufenstern des internationalen Musikmarktes, angereichert mit feinen kulinarischen Genüssen. Sie spiegeln zugleich das jeweils aktuelle Schallplatten-Angebot. Die geplante Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Richard Strauss wirft jetzt live zum Einstand von Fabio Luisi ihren Schatten voraus. Im ersten Sinfoniekonzert (treffend mit Klanggipfel thematisiert) trat eine Hundertschaft der Staatskapelle aufs Podium, zusätzlich Bläser ‘hinter der Szene’, Orgel und allerhand akustisches Inventar, um der alpinen Tagestour von Richard Strauss’ ‘Eine Alpensinfonie’ zur klanglichen Hochblüte zu verhelfen. Wer das bombastische Werk als nur illustrativ oberflächlich abqualifiziert, sich an Herdenglocken, altbayerisch-stämmiger Thematik und Windmaschine stößt, verkennt den eigentlichen kompositorischen Sinn. Letztlich ging es ja Richard Strauss, dem Antichristen, um die heidnische Anbetung der Natur, um den Schauder vor der Bergwelt, um reine subjektive Empfindungen eines Bergwanderers. Die Staatskapelle rückte diesem Virtuosenstück (einst Leib- und Magenstück von Karajan mit den Berliner Philharmonikern) mit professioneller Klangdisposition zu Leibe. Diskographische Vergleiche öffnen da reizvolle Perspektiven, etwa den tonmalerisch sich extrem ausschwelgenden Herbert von Karajan oder Christian Thielemann, der in der ‘Nacht’ (Beginn der Sinfonie) eine fast Wagner spezifische Ring-Dämonie beschwört. Fabio Luisi lotst durch die opulente Materialschlacht mit einer wohltuend sportiven Gangart. Im Stile gut durchtrainierter Alpinisten schreitet die Staatskapelle zügig zum Gipfel, lässt bei den einzelnen Stationen feine instrumentale Farbeffekte leuchten, ohne sich in klangkoloristischer Detailmalerei zu verlieren, welcher der leider viel zu früh verstorbene Giuseppe Sinopoli  (Wasserfall, Erscheinung, auf blumigen Wiesen, auf der Alm) nicht immer widerstehen konnte.

Immer wieder eröffnet das großatmig angelegte Hochgebirgspanorama erregende Einblicke in einkomponierte Reibungen und Dissonanzen. Die clusterartigen Verdichtungen erscheinen optimal präsent. Vorbildlich phrasierende Holzbläser sorgen für die notwendige innere Ruhe. Und wenn mit ausladender Dynamik in Tornado-Stärken die Unwetter hereinbrechen, dann bricht die große Stunde der Schlagwerker an. Sie begleiten den Abstieg mit gnadenlos donnernden Einschlägen. Es spricht für die akkurate Artikulation des Orchesters, dass weder im Pathos der Hörner und Posaunen, noch in den Eruptionen des Schlagzeugs oder im Überschwang der Streicher die notwendige Konturenschärfe verloren geht. Das gilt gleichermaßen für den Aufstieg wie für den erzwungenen Rückzug vom Berg. Alles wird mit der wünschenswerten Präzision realisiert, hinterlässt einen vorzüglichen Eindruck. Und es spricht für den das Orchester mit leidenschaftlichen Gesten befeuernden Fabio Luisi, dass der große alles überwölbende Bogen gewahrt bleibt. So wurde die sinfonische alpine Tagestour in bayerische Gefilde zur Demonstration prächtiger orchestraler Entfaltung. Zum Nachhören empfohlen eine soeben veröffentlichte Einspielung der Alpensinfonie auf Sony Classical (88697141972).

Die Kunst, mit dramaturgisch schlüssig gebauter Programmdramaturgie die Zuhörer zu fesseln, zahlte sich im Eröffnungskonzert der Konzertreihe besonders aus. Ein aufregender Programmpunkt war ‘Arcana’ des visionären Edgar Varèse, dessen skandalträchtiges ‘Amérique’ in der Urfassung vor Jahren beim Lucerne Festival durch Riccardo Chailly zum Ereignis wurde. ‘Arcana’ entstand zwischen l925-27 und assoziiert die Sternenwelt des Kosmos. Das hoch explosive Werk, eine Widmung an Paracelsus, wurde l927 vom Widmungsträger Leopold Stokowski aus der Taufe gehoben und sollte das Gefühl für die Unendlichkeit des nächtlichen Himmels wecken. Der Komposition wurde durch Luisi und die Staatskapelle eine präzise, die dissonanten Schärfen kristallklar pointierende Wiedergabe zuteil. Im großen Orchester-Wumm (reich besetztes Schlagwerk) emanzipieren sich die geräuschhaften Strukturen zu einem ekstatisch klingenden Kaleidoskop. Den dynamischen Aggressionen und Widerborstigkeiten (March militaire) wird die Staatskapelle mit virtuoser Brillanz gerecht.

Das Klaviergenie Hélène Grimaud, die ihre Person ja so treffend ins Rampenlicht zu setzen vermag, spielte Ludwig van Beethovens 4. Klavierkonzert. Zwingend war das Andante con moto angelegt. Ein wenig gedämpft artikulierte Grimaud die Erschütterungen der Triller. Besänftigend verklang das sensibel nuancierte Andante. Mit der Spiellaune der großen Virtuosin stürzte sich Grimaud auf die Durchführungspassagen des Kopfsatzes und brannte im mobilen Passagenwerk ein Feuerwerk ab. Da wurden bei kräftigem Tritt aufs Pedal die Figurationen durch Akzente explosionsartig beschleunigt, um in weichen Bögen wieder ins Piano zurückzusinken. Brillant gespielte Abschnitte kontrastierten mit Oasen, die sehr lyrisch empfunden wurden. Hèlène Grimaud, die jetzt mit der Staatskapelle in einer Aufnahme des fünften Klavierkonzertes von Beethoven (Universal) an die Öffentlichkeit tritt, erwies sich als eine souveräne, mitunter dehnungsfreudige, Akzente gelegentlich eigenwillig setzende Tastendenkerin. Die Koordination mit dem Orchester funktionierte tadellos. Stürmischer Applaus in der ausverkauften Semperoper.

Kritik von Prof. Egon Bezold



Kontakt zur Redaktion


1. Sinfoniekonzert in der Semperoper 2007/2008: Fabio Luisi dirigiert

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss, Edgard Varése, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Hélène Grimaud (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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