> > > > > 09.09.2007
Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ein neuer

Eine taufrische Wiedergabe des Heldenleben

Mit der Oper, vor allem mit der italienischen, machte Fabio Luisi, der neue Generalmusikdirektor der Semperoper und Chef der Staatskapelle, Karriere. Bisher hat es in Dresden die Personalunion, Chef der Staatskapelle und der Oper, noch nicht gegeben. Lediglich für den verstorbenen Giuseppe Sinopoli war diese Doppelrolle vorgesehen. Graz, Wien, Bregenz, München, Genf, Berlin, Leipzig, Salzburg und in letzter Zeit auch New York waren Zentren von Luisis künstlerischem Wirken. Die Zuhörer schätzen den gebürtigen Genuesen als einen sympathisch liebenswürdigen Maestro.

Brillant, wie der elegante und feingliedrige Dirigent mit rhythmischem Furor die Musiker zu inspirieren versteht. Intensiv kostet er Kantilenen und lyrische Passagen aus. Emotion und Kalkül stehen in schöner Balance zu einander. Luisi liebt den schlanken Klang,  pflegt wohldosiert die Rubati. Das gibt dem musikalischen Geschehen große Variabilität. Mag Fabio Luisi auch für einige Jahre einen erheblichen Teil seiner Dirigierzeit in Opernhäusern zugebracht haben, als reiner Spezialist für die Oper wollte er sich noch zu keiner Zeit abstempeln lassen, so interessant die Aufgabe auch immer gewesen sei. So rückte bei ihm zusehends auch das sinfonische Repertoire in den Vordergrund. Das spannte sich von Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven, Anton Bruckner, Franz Liszt, Héctor Berlioz bis hin zu den arg vernachlässigten Sinfonien von Franz Schmidt. Doch dem Main-Stream folgte er keinesfalls unbedenklich. Fabio Luisi scheut sich nicht, Unbequemes wie „Il canto sospeso“ von Luigi Nono oder Maurizio Kagels St.-Bach-Passion (Bachfest Leipzig 2005 im Gewandhaus mit den MDR-Chören und –Orchester) dem Publikum zu präsentieren.

Auch in den Studios der Schallplattenindustrie ist Luisi ein gern gesehener Gast. Große Anerkennung gebührt seinem Dirigat der Oper „Die Königskinder“ an der Bayerischen Staatsoper. Eine Studio-Aufnahme mit dem Münchner Rundfunkorchester (Hänssler classic) gilt als Edelstein unter den Einspielungen mit Werken von Engelbert Humperdinck. Auch die wenig gespielten frühen Opern Giuseppe Verdis, die im Katalog von Philips geführt werden, brachten es zu diskographischen Ehren.

Der mit großem Beifall bedachte Einstand, das offizielle Antrittskonzert, fand vor geladenen Gästen am Sonntagabend in der Semperoper statt. Fabio Luisi und die Staatskapelle knüpfen hier an die große Dresdner Strauss-Tradition an, die mit einer Gesamtaufnahme der Orchesterwerke in Kooperation mit Sony Classical eine Fortsetzung finden soll.

Mit feinem Geschmack machte Fabio Luisi den fülligen Orchestersatz der Tondichtung „Ein Heldenleben“ transparent, hielt Auftrumpfendes in Schach, ließ auch die Resignation zu Wort kommen, die Strauss nach dem ersten Auftreten der „Widersacher“ so nobel melancholisch auskomponiert hat. Wie leicht kann ein Dirigent ins Fettnäpfchen treten, wenn er sich auf überzogene Schönmalerei und tiefgründige Unterstreichungen einlässt. Aufgedonnertes und Verquollenes liebt der auf Klarheit und Präzision drängende architektonisch klug denkende Dirigent gar nicht. Und das ist gut so. Denn wenn die klangrund intonierenden Blechbläser, dazu akkurat aufspielende Streicher und Holzbläser ihre typischen Themen vorführen, dann lässt sich Fabio Luisi nicht nur von der Vorstellung des prallen Klanggeschehens leiten: prägnant kommen die einkomponierten Kontrapunkte, ebenso klappt die klangliche Balance perfekt. Im bombastischen Höllenlärm des berühmt-berüchtigten Schlachtgemäldes lassen bei Luisi subtil heraus präparierte Feinheiten innerhalb des gewaltigen Klangapparates aufhorchen. Freilich: das Optimum an klanglicher Transparenz wird sich im trockenen akustischen Umfeld in der Konzertmuschel auf der Bühne der Semperoper wohl nicht erreichen lassen. Gut vorstellbar, dass der Musikvereinssaal in Wien dem Orchester eine viel leuchtkräftigere Entfaltung des Klangs böte. Ein neuer Konzertsaal mit installierter Studioeinrichtung für Aufnahmen täte in Dresden beiden Orchestern, der Staatskapelle wie den Philharmonikern, gut. Was in München jetzt bald Gestalt annehmen wird, sollte auch für die Kulturstadt Dresden Anlass sein, sich darüber Gedanken zu machen.     

Staunen macht die spieltechnische Fertigkeit des Orchesters, insbesondere die Leuchtkraft in den vielfach geteilten Klangräumen. Der Held der Tondichtung stellt sich bei Fabio Luisi unerschrocken seinen Widersachern, den Kritikern, Neidern und kontrovers denkenden Konkurrenten. Nach Richard Strauss eine aufsässige Clique, die sich in einer schrill keifenden Sprache orchestral ankündigt und in der Gruppe der Holzbläser ihren Meister findet. Die schwelgerisch-kapriziösen Gebärden der „Gefährtin“ meisterte Matthias Wollong mit erwärmendem Strauss-Timbre, technisch makellos. Gemäß der Urfassung des „Heldenleben“ lässt Fabio Luisi die Tondichtung im besinnlich ruhigen Orchesterton ausklingen. Gegenüber dem bombastischen Final-Getöse der viel gespielten späteren Fassung ein nobler Schluss.

Zum Entrée des Konzertes kam die Komponistin in „Residence“ Isabel Mundry mit einer Uraufführung zu Wort. „Balancen“, ein Auftragswerk der Sächsischen Staatskapelle Dresden, formt rhythmisch pulsierende Assoziationsketten zu einem Spiel, in dem sich musikalische Wellenschläge permanent überlagern. Das Jonglieren mit den musikalischen Gestalten weckt farbenreiche Impressionen. Allenthalben waltet strenges kompositorisches Kalkül. Dem Orchester wird große Virtuosität abverlangt. Auch wenn sich das Geschehen auf scheinbar schwankendem Boden bewegt, stellt sich immer wieder ein Gleichgewicht ein. Zwölf Minuten weckten das Bewusstsein der Zuhörer für das klangliche Profil der Staatskapelle und Fabio Luisis Differenzierungsvermögen. Das kunstreich auskomponierte Werk, schon beim erstmaligen Hören recht gut nachvollziehbar, könnte zu einem zeitgenössischen Repertoire-Erfolg werden.

In „Sieben frühe Lieder“ von Alban Berg machte Anja Harteros mit variablem, dynamisch subtil variiertem Ausdruck den Inhalt der Lieder erfahrbar. Es handelt sich um Jugendlieder, die verschiedene Einflusssphären erkennen lassen. So ist „Nacht“ vom Impressionismus angehaucht, während „Nachtigall“ eine hoch romantische Stimmung spiegelt– andere lassen wiederum das Vorbild von Arnold Schoenberg erkennen. Dass Alban Berg hier sein persönliches unverwechselbares Idiom sprechen lässt, reflektiert ein sehnsuchtsvoller, ja inbrünstiger Ton. Anja Harteros entwickelte mit ihrer bruchlos in den Registern geführten Stimme wohl dosiert Expressivität, fand so zu einer schönen Balance von Lyrik und Emphase. Ihre Töne verschmolzen im musikalischen Wohllaut und der Präzision des Wortlauts. Nie drängte sich das vorzügliche Spiel des Orchesters vorlaut vor die Sängerin.

Kritik von Prof. Egon Bezold



Kontakt zur Redaktion


Amtseinführung von Fabio Luisi: Mundry, Strauss und Berg zum Amtsantritt

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Paul Strauss, Isabel Mundry

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Alban Berg (Solist Gesang), Anja Harteros (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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