> > > > > 18.05.2007
Montag, 30. Januar 2023

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Helsinki Philharmonic, Segerstam, Tetzlaff

Atemberaubender Auftaktsieg

Als fulminanter Beginn, wie man ihn eindrücklicher sich nicht vorstellen könnte, wird das erste Semperoperkonzert der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele (Thema: ‘Landschaften’) in die Annalen eingehen. Aus der diesjährigen Partnerstadt der Festspiele – Helsinki – war das Philharmonieorchester unter seinem Chef Leif Segerstam eingeladen und zelebrierte zum Abschluss einer Österreich-Deutschland-Tournee zwei Diamanten aus dem Schatzkästlein finnischer Komponierkunst. Im ‘Konzert für Vögel und Orchester’ von Einojuhani Rautavaara entstiegen zwei sich umspielende Flöten dem ‘Sumpf’ (Titel des ersten Satzes); nach allerlei Mövengekreisch vom Band nahm mir der Einsatz der tiefen Streicher für ein paar Sekunden den Atem. Unglaublich, mit welcher Melancholie die Finnen diese neoromantischen Klangflächen ausbreiteten, ohne einen Moment kitschig zu klingen.

Vor den Augen des noch angenehm benommenen Publikums eilte sodann Christian Tetzlaff auf die Bühne und löste bei den überwältigt lauschenden Zuhörern nun endgültig absoluten Gefühlsnotstand aus. Szymanowskis einsätziges, quasi-impressionistisches Violinkonzert, in dem die Violine sich die meiste Zeit ekstatisch über den farbigen Begleitsatz erhebt, in süßen Tönen schwelgt und zwischendurch immer wieder durch ruppige Einwürfe geerdet wird, habe ich nie so intensiv dargeboten erlebt, sei es durch Orchester oder den Solisten. In halsbrecherischem Tempo raste Tetzlaff, nachdem trampelnd eine Zugabe gefordert wurde, durch den Presto-Satz der Bartokschen Solosonate. Fasziniertes Kopfschütteln der gesamten Rezensentenriege – hatte man sowas in diesem Hause schon in dieser musikalischen Brutalität erlebt? Nachdem Leif Segerstam das Orchester nach der Pause souverän durch die majestätische erste Sinfonie des bekanntesten finnischen Komponisten gelotst und auch den Zwischen-Satz-Klatschern einen freundlichen Kommentar gewidmet hatte (der Maestro spricht sieben Sprachen fließend), wurde, weil Orchester und Dirigent glücklicherweise in Bestlaune waren, einfach zum Abschluss das ganze finnische Schatzkästchen umgekippt. Heraus fielen noch, abgegrenzt durch lange Applauspausen: die unvermeidliche ‘Finlandia’ (stehende Ovationen), ein von Segerstam sehr philosophisch gedeuteter und vom Orchester in feinsten Abstufungen der musikalischen Themen dargebotener ‘Valse triste’ und der Marsch der Karelia-Suite. In unseren vergleichsweise südlichen Breiten nicht oft zu sehen: die sympathischen Bassisten schrieben tatsächlich Autogramme!

Leider ließ sich Christian Tetzlaff nicht mehr überzeugen, zuletzt noch das Sibelius’sche Violinkonzert dranzugeben – trotzdem ein gelungener Abend, der wieder Lust macht auf die Festspiele, die Dresden die nächsten zweieinhalb Wochen fest im Griff haben. Schon heute abend gibt die lebende Klavierlegende Alfred Brendel im selben Haus Einblicke in ‘Wiener Musiklandschaften’, auch Heinrich Schiff und Gidon Kremer machen der (noch-)Welterbe-Stadt in den nächsten Tagen ihre Aufwartung.

Das Konzert wird u.a. am 27. Juli 2007 um 20 Uhr von DeutschlandRadio ausgestrahlt.

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Kritik von Martin Morgenstern



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Dresdner Musikfestspiele - Arktis-Europa: aus der Reihe "Dresden und Europa"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Einojuhani Rautavaara, Karol Szymanowski, Jean Sibelius

Mitwirkende: Leif Segerstam (Dirigent), Helsinki Philharmonic Orchestra (Orchester), Christian Tetzlaff (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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