> > > > > 25.05.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Debüts und andere Überraschungen in Dresden

Carmen, die keusche Variante

Die Geschichte der aktuellen Carmen-Inszenierung in der Dresdner Semperoper ist keine glückliche. Die Regisseurin Konstanze Lauterbach erntete bei der Premiere im Dezember 2004 viel Ablehnung für ihre unentschiedene Haltung, für beliebigen Schnick-Schnack, für nichtssagende Chorauftritte und vor allem für die Aufreihung von Versatzstücken des Regietheaters. Unglücklich erwies sich die Besetzung der Hauptpartie mit Waltraud Meier, die inzwischen diese Rolle auch in Dresden nicht mehr singt. ‘Carmen’ als Vorstellung geht aber immer gut, es ist ein beliebtes Stück, zurecht, und insgesamt darf man auch in Dresden immer eine musikalische Widergabe erwarten, die dem Stück seinen Platz in den oberen Rängen der Opernhierarchie sichert.


In der 23. Vorstellung seit der Premiere gibt Gregor Bühl sein Dresdner Debüt als Dirigent der ‘Carmen’. Bühl hat hier bereits ‘Madama Butterfly’ dirigiert, wurde eingeladen, konzertante Aufführungen des Mozartschen ‘Idomeneo’ in der Fassung von Richard Strauss zu dirigieren und legt jetzt mit dem Vorspiel zum ersten Akt der Oper ‘Carmen’ von Georges Bizet einen gelungenen Einstieg hin. Das macht richtig Laune, leicht, aber nie leichtgewichtig geht es in die zwischen volkstümlicher Komik und hochdampfender Tragik changierende Geschichte. Solchen Höhenflug des Musizierens gibt es aber erst wieder im Vorspiel zum vierten Akt und dann in stimmiger Übereinkunft – was nicht immer der Fall ist – zwischen Orchester und Bühne im dramatischen Schlussduett zwischen Carmen und Don José.

    
Mit Ausnahme des Tenors Frank Porretta stehen jetzt Ensemblemitglieder auf der Bühne. Mit besonderer Spannung wurde das Debüt von Anke Vondung als Carmen erwartet. Jedes Opernensemble kann sich glücklich schätzen, eine Sängerin wie diese Mezzo-Sopranistin zu seinen Mitgliedern zählen zu dürfen. Nach Anfangsjahren am Tiroler Landestheater in Innsbruck, Gastspielen in Paris, bei den Salzburger Festspielen, Konzerten in Frankreich, Portugal, Spanien, der Schweiz, in Nord- und Südamerika, gehört die in Speyer geborene und in Mannheim ausgebildete Sängerin seit 2003 zum Dresdner Ensemble. Wir verdanken Anke Vondung unvergessene Abende, ihre Auftritte als Komponist in ‘Ariadne auf Naxos’ oder als Octavian in ‘Der Rosenkavalier’ von Richard Strauss setzten Maßstäbe, haben Bestand trotz namhafter und klingender Konkurrenz in diesen Paraderollen junger Sängerinnen aus aller Welt.

Jetzt präsentiert sich Anke Vondung als ‘Carmen’ und beschert uns ein Missverständnis auf höchstem Niveau. Die Rolle der freiheitsliebenden Verführerin um jeden Preis scheint ihr nicht auf den schlanken Leib geschrieben zu sein. Vondung wirkt in der Dresdner Inszenierung verloren, die Regisseurin hat das alles für eine andere Frau konzipiert. Die stimmige Variante für Anke Vondung wäre erst zu erarbeiten. Natürlich kann sie die Partie der Carmen singen, natürlich lässt sich ihr Gesang auch gut vernehmen, aber fehlt es dann doch (noch) an Volumen, an kräftiger Tiefe, an Schärfen der Ausdeutung und an den Nuancen solcher Art, in der jeweiligen Situation, dem jeweiligen Mann gegenüber, den unwiderstehlichen Ton zu treffen und manchmal auch am Mut zum Schroffen, zum weniger Schönen.     


Auch Markus Marquardt aus dem Dresdner Ensemble ist die Partie des Escamillo weder auf den Leib geschrieben noch in die Kehle gelegt. Steif wirkt sein Spiel und unpersönlich, sein Singen angestrengt, weniger stolz, siegessicher gar nicht. Marquardt vermag dem Stierkämpfer nicht jene Präsenz zu geben, die einen Konflikt der Konkurrenzen glaubhaft machen könnte. Unbeweglich und unberaten im Spiel, dafür schmiegsam im aufblühenden lyrischen Gesang Kyung-Hae Kang als Micaela mit schönem jugendlichem Sopran. Temperamentvoll, engagiert und pointiert in der szenischen und musikalischen Präsenz weitere Ensemblemitglieder wie Roxana Incontrera und Stephanie Atansov als Frasquita und Mercédès, oder Timothy Oliver, Tom Martinsen und Markus Butter als Remendado, Dancairo und Zuniga.


Die Überraschung des Abends aber ist der Tenor Frank Porretta als Don José, besonders in gesanglicher Hinsicht. Er steigert sich, kommt in den Bereich jener höchstberührenden Tenortöne, die unausweichlich in den tötenden und tödlichen Wahnsinn führen müssen. Und weil das Publikum nichts besser in rasende Stimmung versetzen kann als das Unglück anderer, das tödliche zumal, gibt es nach drei Stunden gemischter Gefühle großen Jubel für das Ensemble und besonders für den Gast Frank Porretta.  

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: Georges Bizet "Carmen"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Georges Bizet

Mitwirkende: Gregor Bühl (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Anke Vondung (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Kyung-Hae Kang (Solist Gesang), Roxana Incontrera (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), Markus Butter (Solist Gesang), Tom Martinsen (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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