> > > > > 29.05.2007
Dienstag, 25. Februar 2020

Opfertanz und Hosenpoker mit Tero Saarinen

Ein Mann. Ein Solo. Und noch eins.

Auf der Bühne ein Mensch im Quadrat aus Licht. Die knappe, ausgeleuchtete Fläche bleibt zunächst sein Bewegungsfeld. Bald kommen, wie Pokerkarten, weitere gleichgroße Lichtquadrate dazu. Vom Poker wird gesungen, Fetzen sind zu verstehen von Männerstimmen, gemeinsam mit dem Cello-Quartett Apocalyptica, das mit einer Klarinette mit Musik von Gavin Bryars zu hören ist, die eingespielt wird. Bryars Melancholie für vier Celli, da stellt sich ganz von selbst die Frage nach dem Woher-Wohin-Wozu-Warum...und letztlich zusammengefasst: Wer bin ich überhaupt?


Das Tanzsolo heißt ?Man in a Room? choreographiert hat es Carolyn Carlson und getanzt wird es von Tero Saarinen in wunderbaren Lichtstimmungen von Mikki Kunttu. Saarinens Tanz ist zum einen ganz in sich gekehrt. Die Figur wirkt schmerzhaft verschlossen, in engster Selbstumklammerung behindert sich der Körper selbst. Dann streckt er seine Arme dermaßen expressiv, dass Körper und Raum neue Dimensionen erhalten. Es hat den Anschein, als würde an Armen und Beinen von unsichtbarer Kraft gerissen. Das Pokerspiel der Koordinationen in nur einem winzigen Moment, der für den großen Moment eines ganzen Lebens stehen mag. Immer wieder Sprünge auch, voller Schwung, gegen die Schwerkraft, Zitate klassischer Traditionen, oder kindhaft, gehüpft und die zärtliche Rückkehr der Hände zum eigenen Körper. Das Tanzsolo bezieht seine suggestive Kraft aus der Verbindung von Geheimnis und Humor, nicht zuletzt wenn der Tänzer von den lichten Spielfeldern zum übergroßen Schulpult wechselt, das den erwachsenen Mann als Kind erscheinen lässt. Lustvoll und schmerzlich zugleich ist das Spiel jetzt, sinnlich und direkt die Szenen, wenn der Kindmann erfährt, dass eine Farbe für Kopf und Körper, Innen und Außen, nicht ausreichen wird, und dass am Ende jede Hose, die zum Mann gehört und das Kind verabschieden soll, zu groß sein wird. Die Kostüme, im wesentlichen eine Kollektion heiterer, großer Hosen, die um den Leib gewickelt auch in Richtung Rock changieren, hat Rachel Quarmby entworfen. ?Man in a Room? ist ein so erfrischendes wie verstörendes Solo mit performativen Elementen, eine Erkundung des Spielraumes.

Nach der Pause die solistische Variante eines Klassikers der Moderne. ?Hunt? heißt die Choreografie von Tero Saarinen für Tero Saarinen zu ?Le Sacre du Printemps? von Igor Strawinsky. (Einspielung mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen) An der Produktion sind zudem Marita Liulia mit Multimedia und Filmografie, Jakke Kastelli mit der Multimedia-Programmierung, Mikki Kunttu als Lichtdesigner und Erika Turunen als Kostümbildnerin beteiligt.

Das Opferritual, Zeremonien, die einen Menschen in den Tod jagen, ?Bilder aus dem heidnischen Russland? im Untertitel, der aber ob seiner Missverständlichkeit seit der Berliner Choreographie des Werkes durch Mary Wigman so gut wie verschwunden ist. Auch für Saarinens Tanz spielen zunächst weder Historisierung noch direkte Sozialisierung die entscheidende Rolle, er verbindet den Ritus des Opfers und den des Tanzes als zwei einander bedingende Grundantriebe menschlichen Lebens in seiner Begrenztheit, Endlichkeit und Zerbrechlichkeit sowie dem Trieb der Überwindung dessen durch Selbstentäußerungen, Techniken der Grenzüberschreitungen durch Bewegung, woraus in ritualisierten Formen der Tanz wird.

So spielen für den Tänzer in einem rockähnlichen Gewand, das Erinnerungen an den klassischen Tanz assoziiert, drehende Bewegungen eine wesentliche Rolle. Der gejagte Mensch im Rückzug, in der endlosen Drehung um die eigene Mitte. Verbindungen zum rituellen Tanz als Mittel zur Gewinnung von Trancezuständen stellen sich ein. Elemente des klassischen Tanzes werden raffiniert zitiert und verfremdet. So begibt sich der Tänzer immer wieder in Varianten jener Positionen einer zum Innbegriff klassischen Ballettes gewordenen Choreografie, die Michail Fokine 1907 für Anna Pawlowa schuf: ?Der sterbende Schwan? zur Musik von Camille Saint-Saens. Die Auseinandersetzung mit jenen getanzten Momenten kreatürlicher Todesangst und dem tänzerischen Aufbegehren bis zum letzten Atemzug ist das Thema des beeindruckenden Solos, in dem sich der Tänzer aller Kreatürlichkeit solidarisiert. Eine so rätselhafte wie berührende Szene vollzieht sich, wenn aus dem Bühnenhimmel ein neues Gewand herabschwebt, er dasselbe anlegt, und nach dem Ritus einer Häutung, Initiation, oder Erhebung erneut in den Kreislauf von gejagtem Opfer und in den Tanz führenden Gegenritus gerät. Tero Saarinens Tanz, seine authentische Präsenz sind stark, die Projektionen, Stroboskopeffekte, bleiben bei aller Attraktivität Draufgabe. Sollten sie ? Medienpräsenz und Medienfluch ? der Wink in die Gegenwart sein, dann kommen sie zu spät, denn mit dem Aufklingen der ersten hohen Töne des Fagotts und den ersten Tanzbewegung besteht kein Zweifel daran, dass uns dieser Opferritustanz unbedingt angeht.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Dresdner Musikfestspiele: Solo-Tanzabend Tero Saarinen

Ort: Hochschule für Musik ,

Werke von: Gavin Bryar, Igor Strawinsky

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