> > > > > 27.05.2007
Freitag, 19. Juli 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Das Concilium Musicum Wien in der Semperoper

Auch kleine Dinge können uns entzücken

So geht es auch. So entstehen die schönsten Klanglandschaften. Ohne Postkarten, ohne Projektionen, allein durch die Musik. Durch einzelne Kompositionen, die eigentlich weniger beschreibend, schildernd oder malerisch gedacht sind, sondern Moden und Launen folgend, Länder, Städte, Jahreszeiten, Felder und Wiesen, Gegenden und damit auch Lebensarten als Titel bekamen. Wer die Donau nicht kennt, wird auch nach Anhören des ‘Donauwellenwalzers’ nicht mehr wissen als zuvor, und wer nie in Prag war, weiß nichts von Karlsbrücke und Moldau, wenn er die Polka francaise ‘Gruß an Prag’ gehört hat und wie eine Alpenrose aussieht kann keine noch so schöne Melodie zeichnen. Und doch ist dieses Konzert mit dem Motto ‘Landschaftswalzer’ in seiner Art sehr angemessen, wenn schon ein Musikfestival das Thema ‘Landschaft’ wählt und dabei seinem Anliegen treu bleibt, nämlich die Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Nun erklangen in diesem Konzert ja nicht nur Walzer, sondern so eigentlich fast das ganze Spektrum der Wiener Tanzmusik des 19. Jahrhunderts. Ein total gelungener Nachmittag. Alles stimmt. Der Raum, die Zeit, das Thema und die Kunst dazu. Fehlt am Ende nur der große oder kleine Braune, dazu ein Stück Sachertorte, eine Portion Schlagobers oder wenigstens ein Viertel vom Grünen Veltliner.

Zur besten feiertäglichen Kaffee- und Kuchenzeit, am Pfingstsonntag, sind Parkett und Ränge in der Sempeoper gut besetzt und auf dem Podium sitzt das Concilium Musicum aus Wien. Das sind unter anderem die Spezialisten für die Wiener Tanzmusik des 19. Jahrhunderts, für die Walzer, die Märsche, die Polkas und Galoppen von Johann Strauss Vater und Sohn, dem Eduard, dem Joseph, Joseph Lanner und Carl Michael Ziehrer. Es ist eine Freude den Damen und Herren zuzusehen, verschmitzt, mitschwingend oder völlig akkurat spielen sie die beseelte Tanzmusik. Es ist eine noch größere Freude, ihnen zuzuhören, denn mit schönster, selbstverständlicher Eleganz entlocken sie ihren Instrumenten jene Miniaturen der Fröhlichkeit und Lebensfreude, die gar nicht in Beschlag nehmen, sondern freundliche, werbende Einladungen bleiben. Die lichte Klarheit durchsichtiger Kammermusik fällt auf. Gezupfte und gestrichene Passagen der Streicher wechseln organisch einander ab, gedeckt und wohltuend die Töne der Holzbläser und wie es möglich ist, wohl aufzutrumpfen, zu strahlen ohne zu schmettern, demonstrieren die Blechbläser.


Festspielgemäß haben die exzellent musizierenden Wienerinnen und Wiener Tanzmusik mit nach Dresden gebracht, die nach Landschaften benannt wurde, solchen gewidmet ist, deren Andenken, ihren Geschichten oder einfach sich der Lust am Reisen verdankt.
Das sind insgesamt höchst charmante Miniaturen, treffend gesetzt und im Verlauf der nachmittäglichen musikalischen Reiseimpressionen immer herzlicher, eleganter und vor allem pointierter vorgetragen.

Die Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von Paul Angerer, der das Ensemble mit seinem Sohn Christoph 1982 gründete geben insgesamt siebzehn Proben ihrer Kunst, die nicht zuletzt dadurch so groß ist, dass sie bereit ist, im Kleinen zu entzücken, mit Hingabe ein praktikables Tanzstück so hingebungsvoll zu musizieren, dass sich schönster Geist augenblicklicher Freude am Dasein im freundlichen Rund des Dresdner Opernhauses ausbreitet und alle einschließt, die darin sind. Fröhliches Pfingstfest. Da sind die irrsinnig flink dahineilenden Stücke wie die Schnellpolka ‘Über Feld und Wiese’ von Eduard Strauss, ‘Winterlust’ mit Schlittenglöckchen und Peitschenknall von Joseph Strauss, und wiederum von Eduard, noch einmal schnelle Polka ‘Unter der Enns’.


Ja und die Walzer, ‘Stadt- und Landleben’ von Johann Strauss (Vater) ist in Musik gewandelte Lebensfreude, nicht schreiend, nicht schrill, nicht aufgedreht, aber so wunderbar beschwingt im Maß des Menschlichen. Mit dem poetischen Walzer ‘Geschichten aus dem Wienerwald’ vom Sohn Johann Strauss erklingt der Höhepunkt vor der Pause. Im zweiten Teil, noch gesteigert in Intensität und Virtuosität, die sich aber nie vor das Werk drängen, Lanners ‘Die Schönbrunner’ und zum Finale ‘An der schönen blauen Donau’ von Johann Strauss. Das ist nicht der aufgeschäumte Sound anbiedernder Neujahrkonzerte, sondern die gleiche Liebe zum Werk, als gelte es ein Stück der Wiener Klassik zu präsentieren. Am Pult des Concilium Musicum der achtzigjährige Paul Angerer, der in seiner so launigen wie intelligenten Moderation bei zeitgeschichtlichen, unterhaltenden und erhellenden Reminiszenzen einfließen lassen kann, dass bei diesem oder jenem Stück sein Großvater die Uraufführungsklarinette spielte. Einsamer Glanzpunkt des an Höhepunkten nicht armen Nachmittags das Couplet auf die Melodie eines Lanner-Walzers mit dem uns Paul Angerer als uneitler Sänger in olympische Landschaften entführt, da sich alle treffen, deren Musik uns wie Walzerschritte und Himmelsgrüße erscheinen mögen. Angerer als Coupletsänger beglückt uns mit der so selten gewordenen Kunst eines Vortrages, der die Miniatur ganz ernst nimmt, die kleinen Humorigkeiten nicht größer macht als sie sind, dabei die Pointen aber gekonnt zu setzen vermag, weil er den Fluss der Musik nicht durch beliebige Interpretationen verhindert. So fasst dieser berührende Vortag des so unwahrscheinlich jungen Achtzigjährigen noch einmal zusammen, was ungenannt zum Thema des Nachmittags wurde ‘Auch kleine Dinge können uns entzücken’ – und die Betonung gilt hier wirklich - altmodisch oder nicht - dem ‘Entzücken’!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresdner Musikfestspiele: Concilium Musicum Wien

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Johann Strauß, jun., Johann Strauß, jun., Josef Lanner, Eduard Strauss, Josef Strauss, Carl Michael Ziehrer

Mitwirkende: Paul Angerer (Dirigent)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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