> > > > > 07.05.2007
Sonntag, 28. November 2021

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Fabio Luisi und die Staatskapelle Dresden

Gute Aussichten

Er hat sich rar gemacht diese Spielzeit: Fabio Luisi, der ab der nächste Saison das lange verwaiste Amt des Generalmusikdirektors der Sächsischen Staatskapelle übernehmen wird. Nach einem Aufsehen erregenden Ring-Dirigat in der letzten Spielzeit ist es vor allem ein großes Sinfoniekonzert mit der Staatskapelle, dem nun in Dresden die Aufmerksamkeit galt.

Jedermann mit René Pape

Auf dem Programm standen Frank Martins ‚Jedermann-Monologe’ und Anton Bruckners 9. Sinfonie. Mit dem gebürtigen Dresdner und längst international gefragten René Pape als Solisten der Bariton-Fassung von 1949 begann Luisi das bemerkenswerte Konzert. Sensibel, filigran in der polyphonen Struktur gearbeitet, mit fast impressionistischen Klangtupfern in den Anfangstakten. René Pape greift die Vorgabe dialogisch auf, mit klarem, entspanntem Tonfall, beginnt er über die sechs Monologe hinweg eine ausgeklügelte Steigerung der Szenen vom ‚Sterben des reichen Mannes’. Hugo von Hofmannsthals Verse artikuliert Pape  mit vorbildlicher Diktion, beginnt die Tongestaltung zu variieren, bis hin zur Expressivität des vierten Monologs und dem großen Crescendo des fünften, um dann mit nach innen gewandter Reflexion den sechsten Monolog ausklingen zu lassen.

Fabio Luisi und die mit kammermusikalischer Transparenz spielende Staatskapelle setzen auf Genauigkeit und Prägnanz, wie in den schneidenden Bläserakzenten des zweiten Monologs oder den trockenen Schlägen des vierten. Es sind oft nicht mehr als illustrative Einwürfe, einer Rezitativbegleitung nicht unähnlich, die Luisi mit atmosphärischer Dichte über die 20 Minuten hinweg zu dramatischer Spannung zusammenführt. Im dritten Monolog besticht die dynamische Staffelung des Streichergewandes, im fünften der Glanz und die Durchhörbarkeit der Streicherstudie. Dass Luisi in Martins Partitur immer wieder Anklänge an Zeitgenossen wie Berg, Puccini oder Strauss entdeckt, macht deutlich in welcher Tradition diese unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges entstandene Komposition letztlich steht. Ihre klangliche Modernität ist letztlich ebenso rückwärtsgewandt, wie ihr textlicher Bezug.

Spannende Fragen mit Bruckner

Nach der Pause dann Bruckners letzte, unvollendet gebliebene Sinfonie. Eine besondere Herausforderung für jeden Dirigenten. Luisi, der in Dresden sein erstes großes Sinfoniekonzert dirigierte, konnte hier mit einer packenden Interpretation überzeugen, die vor allem eines zeigte: Fabio Luisi wird als künftiger GMD der Sächsischen Staatskapelle interpretatorisch durchaus auch Eigenes zu sagen haben.

Auffällig ist, wie genau Luisi dem Partiturtext folgt, ohne sich von eingespielten Traditionen oder gar Konventionen beeinflussen zu lassen. Sorgfältig exponiert und inszeniert er die Themen des Eröffnungsteils. Sperrig, fast karg klingt die folgende Entwicklung. Deutlich strukturell gedacht kommt dieser Kopfsatz daher, mit dominanten Violinen und auffällig präzisen Episoden der Holzbläser; die tiefen Streicher bleiben dabei im Klang vielleicht etwas unterrepräsentierten. Wie Blöcke stehen die Passagen nebeneinander. Der Zusammenhalt entsteht paradoxer Weise jedoch gerade daraus: aus den Spannungsverhältnissen, die dadurch entstehen und den Gemeinsamkeiten, mit denen die klangliche Textur geformt ist.

Luisi stellt vor, beantwortet aber keine Fragen. So auch in den genauestens organisierten, stampfenden Tutti des hier fast schon brachialen Scherzos. Es wird immer deutlicher: Luisi kümmert sich ganz konsequent nicht um die Erfüllung der Tradition des großen, ausladend-warmen Klangbildes der deutschen Romantik. Er vertraut ganz einer Analyse, die hin zu nüchternen, deutlich in Strukturen und Episoden organisierten Klangwelten führt. Die Sinfonie bekommt im Laufe der Interpretation dadurch erstaunliche Übersichtlichkeit. Das Augenmerk Luisis und des Orchesters liegt auf der klanglichen Realisierung und Inszenierung der Stimmenmischung, der Farbgebung, der Dynamik, der Kontrastwirkungen. Immer wieder wird neu angesetzt, als gälte es einer Suche. Doch die Binnenspannung der einzelnen Sätze ist so enorm, dass kein Zusammenhalt verloren geht. Es wird deutlich, wie sich hier Themen und Passagen auf einander beziehen und zu einander verhalten. Gerade diese Präzision der Umsetzung, die Exaktheit der mechanischen Rhythmik erreicht den inhaltlichen Zusammenhalt des Scherzos.

Im dritten Satz, dem Adagio, scheint dann die Zeit kein bestimmender Parameter mehr zu sein. Luisi entwirft einen Problemkomplex, der mehr Fragen stellt, als er klanglich und ästhetisch zu beantworten vermag. Schlagartig wird man sich bewusst, hier mit den Steigerungen und der Dissonanz an der Schwelle zur musikalischen Moderne zu stehen. Keine Klangtradition, schon gar nicht die romantische, vermag dieses Problem mehr zu lösen. Und tatsächlich ist es ja die Wiener Moderne um 1900, die die zwischen 1887 und 1894 entstandene neunte Sinfonie Bruckners weiterführen wird. Richard Wagner, der Bruckner als so großes Vorbild galt, ist hier endgültig überwunden. Mit dieser neu perspektivierten, von Fabio Luisi mit der Sächsischen Staatskapelle so überzeugend umgesetzten Lesart, erscheint auch die ausladende 9. Sinfonie nicht mehr voller ‚Wucherungen’, die man oft in ihr gesehen hat, sondern als eigenständige Ordnung Bruckners auf dem konsequenten Weg in die Moderne um 1900. Und man beginnt zu ahnen, dass der nicht ausgeführte Finalsatz hier hätte weiter gehen müssen  und womöglich so manche musikalische Frage beantwortet hätte. - Im Herbst wird ein Mitschnitt dieses Konzertes auf CD erscheinen.

Fabio Luisi, den vor allem anfänglich nicht ganz unumstrittenen Kandidaten für das Amt des GMD der Sächsischen Staatskapelle ist hier ebenso wie mit seinem Dresdner ‚Ring’-Dirigat im Juni 2006 außergewöhnliches gelungen. Man darf also gewaltig gespannt sein auf seine erste Spielzeit als Dresdner Generalmusikdirektor, die er am 9. September mit einem Sonderkonzert einleiten wird.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


10. Sinfoniekonzert Sächs. Staatskapelle: Pape - Luisi

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), René Pape (Solist Gesang), Frank Martin (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich