> > > > > 11.07.2007
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Gioacchino Rossini

Unterkühlt und brav: „Il barbiere di Siviglia“

Stadttheater auf Gut Immling

Einige der Musikerinnen und Musiker der Münchner Symphoniker machen den Eindruck als wären sie selbst erstaunt, als es nach der Ouvertüre Beifall gab. Unter der Leitung von Georg Schmöhe, dem neuen Chefdirigenten, der mit dieser Aufführung sein Debüt in der Reithalle auf Gut Immling gibt, brauchte das Orchester eine erhebliche Anlaufzeit, und auch dann gab es immer wieder unangenehme Zwischentöne. Weder die Frische noch der Duft, schon gar nicht die Leichtigkeit dieser Blüte italienischer Meisterschaft der Opera buffa, deren Töne überm Abgrund gelöst und heiter, zart und verführerisch schweben, nach burlesker Manier in irrwitzigem Tempo kreiseln oder in lyrischem Belcanto verweilen, konnten sich in der zweiten Vorstellung nach der Premiere am 7. Juli ausbreiten. Das Orchester erfüllt seinen Begleitauftrag.

Martin Philipp lässt Theater im Theater spielen, fügt dazu eine Puppenspielerin in die Handlung, die mal mehr oder mal weniger passend – immer zum Vergnügen des Publikums – mit lebens- und überlebensgroßen oder auch spaßig kleinen Puppen die Figuren der Rosina und des Figaro doppelt, mit sich selbst in den Dialog, oder losgelöst von sich als Fantasiegebilde, in Parallelhandlungen führt. Er hat auch die Idee, Graf Almaviva besuche mit seinen Höflingen jeden Abend das gleiche Stück wegen der von ihm verehrten Protagonistin, was natürlich nicht funktionieren kann, weil es eben dieses Stück nur gibt, wenn er selbst mitspielt und alles andere als ein Zuschauer ist. Auch die Idee, dass Figaro Theaterchef ist und die Puppen an den Fäden von seiner Hand geführt tanzen lässt, bekommt kaum handlungstragende Kontur. Zu oft muss die Puppenspielerin Sabine Schramm – zudem in der alle Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Haltung, dass sie ja ganz unbemerkt agiere – die Funktion der Fadenhalterin übernehmen. Das wäre alles kein Problem und in einem solchen, dem Geist der Improvisation nahe stehenden Stück, gut möglich. Der Regisseur gibt leider seine Ideen zu rasch auf, treibt sie nie auf die Spitze. Die Figuren geraten nicht wahrhaft in die Klemme. Zu wirklich absurden, total konfusen oder abgedrehten Situationen aus dem Geist der Musik und der Vorlage von Beaumarchais kommt es so gar nicht. Das aber hätte dieser Typenkomödie aus dem Geiste der Commedia dell´ Arte zu mehr Drive, Doppelbödigkeit und Tiefenschärfe verholfen.

Das ist um so mehr bedauerlich, als ja ein wahrhaft properes Ensemble vorhanden ist, dem es auch gar nicht an Lust und Talent für einen solchen Scherz zu fehlen scheint. Diese Typen sind herrlich. Kwan-Keun Lee gibt den Figaro mit jungenhafter Leichtigkeit, die wachen Augen blicken noch ohne Zorn und Aufbegehren aus dem weiß geschminkten Gesicht, aber ‘Figaros Hochzeit’ wird schon als Fortsetzung angekündigt. Rund und leicht ist die schöne Stimme, geläufig dazu, was an Volumen noch fehlt macht sein Charme wett. Den kann auch die figürlich zerbrechliche aber stimmlich ganz handfeste Priya Palekar in der Rolle der Rosina einsetzten. Ihr Gesang ist ein schönes Bekenntnis zur Kunst der Soubrette mit Koloraturtechnik, ihr Spiel als Type Kolumbine aus der Commedia, verkraftet einige Schärfen in der Höhe gut und nutzt den Effekt. Dass Dr. Bartolo, den Noé Colín eine Spur zu gutherzig, gesanglich etwas schmal, aber wohlklingend gibt, mehr als ein Auge auf sie geworfen hat und weiterhin werfen möchte ist verständlich. Sie wirft hingegen beide Augen, das Herz dazu, dem Grafen Almaviva entgegen, zunächst unerkannt, dann in Kenntnis aller Titel und Güter. Auch hier wird die Fortsetzung zeigen, dass er bald weniger als ein halbes Auge für sie übrig haben wird. Jetzt aber will er sie, egal wie, und Figaro muss helfen. Verkleidung, Finte, Täuschung, Bestechung, Entführung. Sieg! Auf und nieder geht es auch mit der Tenorstimme von Guillermo Dominguez in der Partie des Grafen. Schöner Klang, aber erhebliche technische Probleme. Basilio, der seine Verleumdungskünste weder gesanglich noch darstellerisch recht glaubhaft machen kann ist Jacek Janiszewski. Koba Sardalashvili und Gottfried Thalmeier sind Fiorillo und ein Offizier, die Herren des Festivalchores sind dienst- und einsetzbar in mancherlei Funktionen und Monika Bohinec singt und spielt eine saftige und am Ende wirklich siegreiche Berta, die den Bartolo überleben und beerben wird.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


11.Operfestival Chiemgau Gut Immling : Der Barbier von Sevilla

Ort: Gut Immling,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Georg Schmöhe (Dirigent), Münchner Symphoniker (Orchester), Jacek Janiszewski (Solist Gesang), Monica Bohinec (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernfestival Gut Immling Chiemgau

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich