> > > > > 28.06.2007
Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ballettpremiere ohne Duft und Dornen

Dresdner „Dornröschen“ als Disneyverschnitt

Es war der sehnliche Wunsch des langjährigen Dresdner Ballettdirektors Vladimir Derevianko ‘Das Ballett der Ballette’, wie Rudolf Nurejew das Gipfelwerk klassisch-romantischer Tradition – zudem in der schlüssigsten Zusammenarbeit Peter Tschaikowskis und Marius Petipa – bezeichnete, zu inszenieren. Mit seinen durchaus kreativen Übertragungen klassischer Choreografien wie ‘Giselle’ oder ‘Don Quixote’ hatte er bewiesen, dass er das rechte Maß an Gespür, Geschmack, Takt und Erfahrungen hat. Mit der Aufnahme einer so genialen Arbeit wie John Neumeiers ‘Illusionen wie Schwanensee’ bescherte er uns eine Aufführung, die zeigt, wie begründet und dramaturgisch schlüssig ein klassischer Stoff zeitlich und psychologisch versetzt werden kann, ohne seine Aura zu beschädigen. Derevianko durfte ‘Dornröschen’ in Dresden nicht inszenieren. Zu teuer, zu aufwändig, mangelnde Kapazitäten der Werkstätten und dergleichen mehr wurden zur Begründung aufgeführt. Jetzt, am Ende seiner ersten Saison als neuer, nach anfänglich überhasteten Wiederaufnahmeproduktionen, durchaus nicht glückloser Ballettdirektor, durfte Aaron S. Watkin ‘Dornröschen’ produzieren. Das ist durchaus keine Billigvariante geworden. Dekorationen und Kostüme sind aufwändig und für ‘Handlung und Erzählung’ zu den angepassten originalen Choreografien von 1890 wurde eigens Francine Watson Coleman engagiert.

Das Ergebnis ist bei aller optischen Opulenz ziemlich enttäuschend. Dabei wird nach anfänglichen Verunsicherungen im Verlauf des Abends zunehmend gut getanzt, brillant sogar der Grand Pas de deux der Prinzessin Aurora und des Prinzen Désiré, der hier ‘Florimund’ heißt, im dritten Akt zum feierlichen Hochzeitsfest. Dmitry Semionov als Prinz ist erste Wahl, ihm fehlt lediglich mehr Anleitung zu intensiverer Gestaltung und die Ermunterung mehr Emotionen zuzulassen. Mit Emotionen hat Natalia Sologub als Prinzessin so gut wie nichts im Sinn, ob am Geburtstag sechzehnjährig, ob einhundert Jahre später, wachgeküsst, verliebt und letztlich glückliche Braut, sie zieht zeitlos ihre exakten Bahnen. Sie verbreitet die kühle Schönheit der Morgenröte und scheinbar war es nicht die Absicht der Inszenierung diese in der Begegnung mit einem jungen Mann, dessen Name (Désiré von Desiderius, der Begehrenswerte) auf das Begehren und Wünschen hinweist, zu erwärmen und in neuem Licht aufstrahlen zu lassen. Das gesamte Ensemble mit den größeren und kleineren solistischen Aufgaben, wenn allerdings die Damen und Herren nicht gerade in angestaubten Pantomimeszenen so tun müssen, als könnten sie nicht bis drei zählen, tanzt dass es nur so eine Freude ist.

Warum die ‘Ballett-Erzählerin’ Francine Watson Coleman statt der ursprünglich sieben Feen, zu denen neben der obergütigen Fliederfee jene fünf gehören, von denen eine aus der Erdentiefe kommt, eine aus dem Zauber der Gärten, eine aus der Weite der Flora und eine aus dem Kosmos des kreatürlichen Gesangs der Vögel sowie eine als Vertreterin des Frohsinns und der Wahrheit des goldenen Weines und als siebte – mit Namen bezeichnet – ‘Carabosse’, die Böse, nur noch fünf Feen auftreten lässt bleibt eines der vielen Ungereimtheiten. Man muss ja nicht viel von Mythologien verstehen, von Symbolik dazu, um zu merken dass es so unbedeutend nicht sein kann, wenn insgesamt, als kosmische Abgeordnete, sieben Vertretrinnen an die Wiege des langersehnten Königskindes treten, die Geladenen und die Ungeladene auch. Zudem hat Tschaikowski auch entsprechende Variationen für den Prolog geschrieben. Die neue Erzählung lässt einfallslos die Feen für ‘Schönheit, Lebendigkeit, Großzügigkeit’ an eine Säuglingsattrappe treten. Die Liste solcher Ungereimtheiten lässt sich fortsetzen. Besonders ärgerlich ist der Umstand, dass originellerweise zwar die ganze Handlung nach Dresden auf Schloss Albrechtsberg und dessen Gärten in den Hängen, hoch überm weltkulturerbegeschützten Elbtal, verlegt wurde, aber lediglich aus puren Gründen der Attraktivität, der Anbiederung an das heimische Publikum oder an die Touristen?

Kein Gedanke wird daran verwendet, dass in diesem wunderbaren Stück eine ganze Hofgesellschaft für einhundert Jahre einschläft und genau einhundert Jahre später weiter macht, als wäre nichts geschehen. Nach exakter Zeitrechnung würde ein Prinz, vermutlich FDJ- Sekretär oder so, mitten in der Dresdner DDR, im Pionierpalast, sein Märchenglück finden und eine Versöhnung zwischen sächsischer Märchenmonarchie und sozialistischem Bewusstsein stattfinden.

Nein, keine Angst, das gibt es nicht. Stattdessen – und Riesenapplaus für die Werkstätten und die Damen und Herren im Malsaal – ist Arne Walthers Bühnenbild, in Anlehnung an historische Modelle und den Meininger Zauber, was die Räume des Schlosses und die Poesie des verwunschenen Gartens angeht, in Verwendung der Farben, Formen und dem Spiel mit Perspektiven, ein optischer Hochgenuss. Erik Västhed hat die Kostüme entworfen und wahrscheinlich das Bühnenbild nicht gekannt. Wie ist sonst erklärlich dass er grelle und vornehmlich bonbonbunte, ungebrochene Farben hineinknallen lässt, als feiere Barbie hier Geburtstag in historischer Verkleidung.

David Coleman am Pult der Staatskapelle bringt nicht immer zusammen, was abgestimmter sein könnte. Wenn aber der satte Streicherklang sich aufschwingt, wenn zu den illustrierenden Momenten die grundierenden Passagen kommen, wenn die zarte Poesie den Rausch ablöst, dann lohnt es zu horchen und nachzuspüren, wie Tschaikowski in tänzerischen Klängen auszudrücken vermag, was für ihn Transzendenz bedeutet. Der Wald ist tief, der Schlaf fast tödlich und das Erwachen zu ungetrübtem Glück bleibt die Vision des Märchens. Die neue Dresdner Dornröschenproduktion will so weit nicht gehen, sie bleibt an der Oberfläche, attraktiv und zuckersüß. Wer Vorurteile gegen Tschaikowski und das klassische Ballett hat kann sie hier nähren.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden SemperOper ballett: Tschaikowsky, Dornröschen

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), Aaaron S. Watkin (Choreographie), David Coleman (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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