> > > > > 24.03.2007
Samstag, 22. Januar 2022

Felix Mendelssohn Bartholdy

Norrington debütiert endlich in Dresden

Klarheit und Energie

Das Dresdner Debüt des britischen Dirigenten Sir Roger Norrington bei der Sächsischen Staatskapelle hätte kaum eindringlicher ausfallen können. Norrington, der als einer der maßgeblichen Vertreter einer historisch informierten Aufführungspraxis, die das vibratolose Spiel in modernen Sinfonieorchestern kultiviert, bekannt ist, konfrontierte das Dresdner Traditionsorchester in bislang kaum erprobter Konsequenz mit diesem spieltechnischen Neuland. Nicht erst seit er von Stuttgart aus das Klangideal des „pure tone“ in Deutschland kultiviert, muss man in Norrington einen der prägendsten Dirigenten der letzten Jahrzehnte sehen. Höchste Zeit also, dass er endlich auch am Pult der Sächsischen Staatskapelle stand.

Mit lockerer, gelöster Gestik formte er am Sonnabend in der ausverkauften Dresdner Frauenkirche unaufgeregt und stets auf größtmögliche Genauigkeit bedacht, drei auf den ersten Blick stilistisch recht unterschiedliche Werke. Ihr thematischer Zusammenhalt, die Auseinandersetzung mit der Kirchentradition, jedoch prädestinierte sie geradezu für den Sakralraum.

Mit, nicht gegen die Akustik

Norrington gelang bereits mit Ralph Vaughn Williams’ spätromantischer Fantasie über ein Thema des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Tallis die expressive Gestaltung der einzelnen Streicherstimmen in großer Transparenz. Die Streicherstudie, die sich mit ihren verschiedenen Gruppen in komplexe Polyphonie steigert, blieb mit schlank geführten Stimmen und dank klarer Liniengestaltung sowie überlegter Gestaltung der Binnendynamik, in Struktur und Wirkung stets übersichtlich und intensiv. Zudem hatten die konzertierenden Soli große Prägnanz und spielten klanglich überzeugend mit ihrer Gratwanderung zwischen Altem und Neuem, die bereits einen Kritiker der Uraufführung beeindruckte. Es war das perfekte Musizieren mit und nicht gegen die heikle Akustik des halligen Frauenkirchen-Raumes, an der schon viele Orchester und Ensembles gescheitert sind.

Igor Strawinskys intime und nüchterne „Mass“ (1947) für gemischten Chor und doppeltes Bläserquintett erreichte mit vergleichbar ausgeklügelten Dynamik- und Tempogestaltung große Eindringlichkeit. Der symmetrische Aufbau des Werkes betont die Strenge der Form, der Text als rein phonetisches Material behandelt, rückt die Messe weit weg von den opernnahen Vorgängern des 18. und 19. Jahrhunderts. Norrington erwies sich hier als Leiter, der die klare Formung der Phrase zum Impuls für musikalische Energie zu nutzen versteht. Rhythmus und Melodieführung verschmelzen zur Einheit, erreichen gelegentlich gar tänzerisches oder swingendes Eigenleben, wie in den „Hosanna“-Stellen des Sanctus. Der Fluss der hierbei entsteht – und der von den ebenso rein wie differenziert geführten Stimmen des exzellenten Dresdner Kammerchors kongenial aufgegriffen wurde – verdichtet sich zu enormer Spannung ohne dabei vordergründig expressiv oder gar gekünstelt zu wirken. Die zehn Bläserstimmen und der Chorsatz verschmolzen zur Einheit, die sich nur noch in den Klangcharakteristika unterschied. Eine enorm konzentrierte Darbietung, die selbst hustende Touristen nicht zu stören vermochten.

Die abschließende „Reformationssinfonie“ von Felix Mendelssohn Bartholdy geriet noch einmal zum furios entwickelten Bekenntnis an den „pure tone“ des vibratolosen Spiels, den die Staatskapelle, die sich in dieser Saison stilistisch so bemerkenswert vielfältig zeigt, mit Brillanz umsetzte: Mit furiosen Streicher- und Bläserkapriolen im ersten Allegro, mit schwebender Leichtigkeit, Trillertransparenz und tanzender, walzernaher Leichtigkeit im zweiten Satz, fahlen Farbschattierungen, die von kammermusikalisch-zartem Triospiel unterbrochen wurden im Andante und klar gesetzter Choralfestigkeit im Final-Satz. Beendet mit einer konsequenten Steigerung, bei der die Verdichtung eben nicht auf Kosten der Durchhörbarkeit ging und selbst bis zum Forte der letzten Takte Übersichtlichkeit und Attraktivität von Mendelssohns einst gewagter Formensprache erlebbar machte. Großer Applaus für Dirigenten und Orchester.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatskapelle - Roger Norrington:

Ort: Frauenkirche,

Werke von: Ralph Vaughan Williams, Igor Strawinsky, Felix Mendelssohn Bartholdy

Mitwirkende: Sir Roger Norrington (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Jetzt Tickets kaufen
Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich