> > > > > 26.04.2007
Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ballettabend „Freudentänze“ in der Semperoper

Der schöne Wahnsinn

Magische Geometrie in tiefer Verehrung für die Disziplin des klassischen Tanzes am Anfang und am Ende eine Choreografie mit dem Titel ‘Reverence’, zärtliche Hommage an das Wunder des menschlichen Körpers, dabei von sanfter Trauer um dessen Endlichkeit überschatteter Tanz. Dazwischen schwindelerregende Schauer der Exaktheit und zum anderen jener Schwindel der uns überkommt, wenn wir durch labyrinthartige, nächtliche Gärten der Seelen und Sehnsüchte traumartig irren.
Mit zwei bereits in Dresden gezeigten Choreografien von Victor Gsovsky und William Forsythe, sowie zwei erstmals in Deutschland zu sehenden Arbeiten von Stijn Celis und David Dawson gibt es einen neuen Ballettabend, der seinem Namen vollends gerecht wird. ‘Freudentänze’ ja, aber dabei ist zu bedenken, dass es gilt, die Facetten der Freude zu entdecken, ihre strahlenden und hell klingenden ebenso wie die stillen, leise und allein, in der Dämmerung zu singenden, oder die stummen im verharrenden Blick verschwimmender Erinnerungen.


So ist dieser Abend, den man sicher mehrfach sehen kann, nicht zuletzt auch deshalb so gelungen, weil er die Dresdner Compagnie in erfreulicher künstlerischer Geschlossenheit präsentiert auf deren Grundlage sich das reiche Potenzial höchst individueller Persönlichkeiten der Tänzerinnen und Tänzer bestens entfalten kann.

Ein Wunderwerk klassischen Tanzes

Victor Gsovskys ‘Grand Pas Classique’ von 1949 mit der Musik von Daniel-Francois-Esprit Auber ist ein großes Wunderwerk des Tanzes aus dem klassischen Geist der Mathematik als Symbol allumfassender Ordnungen. Partiell, nur für minimale Augenblicke, die es gilt über das Maß des scheinbar natürlichen zu dehnen, üben sich hier die Tänzerin und der Tänzer gemeinsam oder solistisch in den Künsten der Grenzüberschreitung, die dem Tanz seit seinen rituellen Ursprüngen eigen ist. Ohne jeden Rausch, in der totalen Selbstkontrolle, in der absoluten Hingabe unter Aufbietung äußerster Konzentration, gelingt es dem klassischen Tanz den Widerschein verlorener Vollkommenheit zu imaginieren.


Myriam Ould-Brahm, als Gast vom Ballett der Pariser Oper, und Dmitry Semionov bilden das ideale Paar für diesen Pas de deux. Sie beherrscht die Kunst auf der Spitze zu verharren dermaßen verblüffend, dass sich aus Vorsicht und Erstaunen für Momente das Atmen im Publikum verbietet, zudem sind ihre Sprünge und Drehungen exzellent. Er vermag seinen Tanz dermaßen in die Höhe zu treiben, dass ihm jene vom Aneinanderschlagen der Füße beleiteten aufsteigenden Flugbewegungen in nahezu vollendeter Schönheit gelingen, raumgreifend sind seine wunderbaren Sprünge. Von solchem Tanz geht reines, klares Licht aus. Unerklärlich, warum es den Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von Hans E. Zimmer nicht gelingen will, dem kleinen Stück Musik etwas mehr Eleganz und Geschmeidigkeit und zumindest den Anschein von Freude zu verleihen.

Heitere Seelenvögel drehen ab

Zum dahineilenden Finalsatz ‘Allegro Vivace’ aus Franz Schuberts C-Dur Sinfonie, jetzt als Nr. 8 gezählt, hat William Forsythe 1996 für das Ballett Frankfurt ein ausgelassenes, fröhliches Bravourstück für drei Tänzerinnen und zwei Tänzer geschaffen, das schon zur Zeit der Ballettdirektion Vladimir Dereviankos ins Repertoire genommen wurde. Jetzt, neu platziert, in neuen Korrespondenzen, wirkt das Stück wie neu. Das Tanztempo ist irrwitzig, aber die Geschwindigkeit der ironisch und heiter gebrochenen klassisch grundierten Burleske hat Untiefen und Abgründe, wie die Musik deren Eile auch manchmal an Gehetztsein und Flucht denken lässt. Im Tanz freilich eine heitere Hatz, eine launige Flucht, ein himmlisches Lachen gegen alle Erdenlast. Forsythes Freudentänze hier als Herzstück eines Abends der intelligenten Heiterkeit, zu der auch melancholische Brüche gehören, die in den beiden folgenden Arbeiten von Celins und Dawson anklingen werden. Noch aber drehen, springen, sausen und fliegen die atemberaubenden Tänzerinnen Katherina Markowskaya, Leslie Heylmann und Arika Togawa in ihren lustigen grünen Tutu-Scheiben-Röckchen durch den Raum ebenso wie die Tänzer Maximilian Genow und Jón Vallejo deren immer wieder weit schwingende Arme zu Flügeln werden und sich von den Körpern zu lösen scheinen. Das Stück heißt ‘The vertiginous thrill of exactitude”. So heitere Seelenvögel hat man selten gesehen.

Visionäre Freudentänze

Der dritte Teil des Abends führt ins Halbdunkel und er beginnt mit Tanz aus der Stille. Das Geheimnis, ob wir in eine Traumwelt blicken, ob es gar eine Albtraumwelt ist in der vier Tänzerinnen und vier Tänzer sich zart bewegen, sich einander annähern um wieder auf Distanz zu gehen, stehen zu bleiben und neue Bewegung finden, wird nicht gelöst. Zerbrechlich ist das Geschehen, verharrend die Atmosphäre. In wechselnden Konstellationen sind die Protagonistinnen und Protagonisten Muriel Romero, Ana Presta, Raquel Martinéz Anna Merkulova sowie Randy Castillo, Masayu Kimoto, Maik Hildebrandt und Jón Vallejo behutsam zueinander, mit sich selbst auch, ihre Behutsamkeit gilt dem Raum und der Luft.
Der Tanz atmet heitere Würde, unterlegt mit den spirituellen Klängen einer Bachbearbeitung von Helga Thoene. Zur Ciaconna für Violine Solo aus der d-Moll Partita, BWV 1004, fügt sie vier Singstimmen mit dem Osterchoral ‘Christ lag in Todesbanden’ als Cantus firmus. So führt uns der belgische Choreograf mit seinen sensiblen Tänzern zur Ahnung visionärer Freudentänze deren Halleluja in der Schönheit des Tanzes anklingt.
Dieses Stück heißt ‘Vertigo maze’, es macht schwindeln und verwirrt, es hat labyrinthische Gefahren, letztlich aber in Klang und Bewegung die Ahnung jener Kraft, die davor bewahren wird im Schwindel zu stürzen oder sich in den Labyrinthen zu verirren.

Das Licht scheint in der Finsternis

Eine Reverenz wird erwiesen. Ein Ritual der Bedankung, der Verehrung, ein Ausdruck der Freude. Der Tanz kennt aus seinen höfischen und klassischen Quellen die Reverenzen der Tänzer vor den Partnern, vor dem Publikum, vor ihren Meistern und Trainern. In der Tradition steht für den Tänzer und die Tänzerin in der übernommenen Ausführung klassischer Reverenzgesten auch das Innehalten und die Verneigung vor einer umfassenden Lebensmacht, die durch jeden Menschen hindurchscheint, und der letztlich jeder Tanz, ein Freudentanz besonders, gilt.


Der Dresdner Hauschoreograf David Dawson nennt seine 2005 für das Ballett des St. Petersburger Maiinsky Theaters geschaffene Choreografie ‘Reverenz’. Seit gestern ist sie, von Aaron S. Watkin einstudiert, in Deutschland zu sehen. Als Musik wählte er das Streichquartett Nr. 3 von Gavin Bryers. Sechs Menschen werden von Bryers feingliedriger Musik in einem von schwarzen Wänden umgrenzten Raum, auf dessen Boden ein diffuser Lichtkreis scheint, bewegt. Ein Kosmos bewegt sich in wechselnden Korrespondenzen der drei Paare. Einsame Bahnen werden gezogen, es gibt Begegnungen, die Menschen verfügen ihre Körper immer wieder in die Dimensionen der Höhe, es wird auf Spitze getanzt, es gibt virtuose Sprünge, Pirouetten und als Zeichen des Gegensatzes von Endlichkeit und Unendlichkeit die Haltungen der Attitude und der Arabesque. Heben, Tragen, Gehen in der Zweisamkeit, die immer wieder zerbricht und den Einzelnen oder die Einzelne in eine Art der Wanderschaft führt. Der Gegensatz von Fremdem und Vertrautem könnte ein Thema sein, aber es kann auch eine Kette von Assoziationen zum Gegensatz von Zeit und Zeitlosigkeit sein. Dawson führt die Paare Natalia Sologub und Jiri Bubenìcek, Andrea Parkyn und Raphael Coumes-Marquet, Yumiko Takeshima und Victor Mateos-Arellano immer wieder in existenzielle Situationen, ins Licht, in die Dämmerung, ins Dunkel.                             

Jetzt erschließt sich die kluge Konzeption des Abends. Das Licht der überirdischen Ordnung vom hellen Anfang des klassischen Tanzes ist selbst auf diesem zärtlich beglänzten Heimweg nicht gänzlich verloschen.


dresden SemperOper ballett
Natalia Sologub & Jiri Bubenicek Yumiko Takeshima Jiri Bubenicek

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett: Ballettabend "Freudentänze"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Daniel Francois Auber, Franz Schubert, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: David Dawson (Choreographie), William Forsythe (Choreographie), Sächsische Staatskapelle Dresden (Chor), Hans E. Zimmer (Dirigent)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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