> > > > > 29.03.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Neue Männer im Dresdner Otello

Ein Abend für Anja Harteros als Desdemona

Zur Premiere im Oktober letzten Jahres schlugen die Wogen der Entrüstung hoch, starke Ablehnung für die allzu vordergründige, dabei handwerklich dürftige Inszenierung von Vera Nemirova. Die Wogen der Begeisterung schlugen hoch für die musikalische Seite der Aufführung. Die größte Woge der Begeisterung galt Anja Harteros in der Partie der Desdemona. Unverändert ist sie der Mittelpunkt der nunmehr achten Aufführung. Ihr Gesang ist tief empfunden und in der Art ihrer Vermittlung erschütternder Emotionen kann sie dazu auf jede Art von Äußerlichkeiten verzichten. Die Sängerin gestaltet einen Monolog, der sich über die unterschiedlich gestalteten vier Akte aufbaut und sich im verstörend verletzlich gesungenen Lied von der Weide mit dem anschließenden Ave Maria vollendet.


Was Anja Harteros gelingt fällt dem Dirigenten Massimo Zanetti nicht so leicht, nämlich die Spannung über den ganzen Abend zu halten, bzw. einen Spannungsbogen aufzubauen. Der Abend zerfällt in Einzelteile. Manchmal, wie etwa beim Huldigungsgesang für Desdemona im zweiten Akt, zerfällt auch der Zusammenhang zwischen Bühne und Instrumenten, denn die ungeschickte Verfremdung einer überlauten, dazu technisch fragwürdig eingespielten Mandolinenbegleitung erschließt sich nicht.


Neu besetzt sind die Titelpartie und die des Jago. Für den einsamen Intriganten bringt Alexey Markov eine szenisch interessante Voraussetzung. Da steht nämlich ein sehr junger Mann auf der Bühne dessen Ehrgeiz und Verlustempfinden aus innerer Unsicherheit, ganz parallel zur Psychotragik des Otello, interessante Aspekte für die Gestaltung bedeuten könnte. Aber Markov bleibt Gast auf Zypern und der Eindruck den sein Gesang hinterlässt bleibt eher flüchtig, denn noch scheint es dem jungen Bariton mit schöner, jugendlich gerundeter Stimme aus St. Petersburg an Volumen, Kraft und Mut zu interpretatorischer Schärfe zu mangeln.
Clifton Forbis ist ein Otello der Kraft. Der amerikanische Tenor ist viel unterwegs und absolviert die Heldenpartien im italienischen, deutschen und französischen Fach quer durch Europa. Gelegentlich schlägt sein Gesang um in starkes Forcieren, das geht dann zulasten der Feinheiten, der Facetten und der emotionalen Vielschichtigkeit des eifersüchtigen Außenseiters mit tödlichem Kontrollverlust. Grundsätzlich aber steht er den Abend durch, hat dabei auch immer wieder Momente, die sehr imponierend sind, was das Publikum mit starkem Applaus honoriert.


Aus dem Dresdner Ensemble klingt wieder der junge Tenor Wookyung Kim als Cassio durch die strahlende, offen und frei erklingende Höhe heraus. Es gibt eine Veränderung in der Aufführung seit der Premiere. Eine zusätzliche Pause bereits nach dem knappen ersten Akt, nach dem ebenfalls kurzen zweiten Akt dann schon die nächste. Die erste Pause verhindert zwar die unsinnige Unruhe der ungeschickten Pantomime, die Vera Nemirova sich für die Komparserie vor dem Zwischenvorhang ausgedacht hatte, aber behindert zusätzlich den Spannungsaufbau.                                   

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Giuseppe Verdi, Otello

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Massimo Zanetti (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Vera Nemirova (Regie), Anja Harteros (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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