> > > > > 25.02.2007
Samstag, 22. Januar 2022

Barbara Hoene in McNallys ‚Meisterklasse’

Nur eine Geste

Seit 1995 ist Terence McNallys 'Masterclass' ein international viel gespielter Bühnenerfolg. Seine dichterisch freie Nachahmung einer jener legendären 24 Meisterklassen, die Maria Callas 1971 und 1972 an der New Yorker Julliard School gab, ist Grundlage für das Stück, das sich über die Biografie der Callas zum großen, abgründigen Drama über Künstlertum und Verzicht, über die Welt des verhängnisvollen Glamours der 60er Jahre und des Selbstbetrugs des Künstlers entwickelt. Die in Tonaufnahmen nachhörbaren realen Meisterklassen zeigen die Callas, selbst stimmlich ruiniert, als schonungslose Zuchtmeisterin der Studenten, mit teils sadistisch oder lächerlich erscheinender Kritik. Der 1939 geborene Callas-Fan McNally saß damals im Publikum.

34 Jahre im Ensemble der Semperoper

In Dresden hat die Semperoper nun einem ihrer treuesten Ensemblemitglieder, Barbara Hoene, zum 40jährigen Bühnenjubiläum diese Bravour-Rolle zum Geschenk gemacht. In der Kleinen Szene des Hauses spielt Barbara Hoene, die zu DDR-Zeiten mit einem breiten Repertoire zwischen Pamina, Konstanze, Musetta, Violetta, Sophie, Elsa, Rosalinde oder Donna Elvira als einer der ersten Soprane des Hauses galt, nun die fordernde Rolle des Callas-Mythos’. Die Semperoper blieb seit 1973, trotz mannigfacher Gastspiele, stets das Zentrum der Hoene. Eine große ‚West-Karriere’ wie ihren Kollegen Adam oder Schreier war ihr nicht vergönnt.

Nun nach 40 Jahren Konzertsaal und Opernbühne die Herausforderung der textintensiven Sprechrolle. - Wie sagt man nun einer so verdienten Künstlerin, dass das keine glückliche Wahl war? Wie erklärt man, dass nach soviel Bühnenerfahrung nur das steife, immer wieder unbeholfen wirkende, von wenig variablen Armbewegungen begleitete Spiel zu sehen ist? Wie, dass der Text über weite Passagen wie aufgesagt klingt, keine Lebendigkeit bekommt? Wie, dass Timing, Dynamik, Variation von Intensivierungen der Sprache kaum wahrzunehmen sind? Und wenn sie nicht spricht, ist sie so gut wie nicht existent, reagiert nur mit den immer gleichen passiven Versatzstücken von Minen- und Händespiel.

Das große Drama, der Anfang der 70er Jahre bereits künstlerisch und privat kaputten Künstlerin Callas, die sich in ihrer Kritik sadistisch an den jungen Nachwuchstalenten befriedigt und dabei über sich selbst, ihre Karriere und vor allem deren Bedingungen reflektiert, es findet in Dresden nicht statt. Keine Facetten eines ruinierten Charakters, keine ‚Prostituierung’ für und vor dem Publikum. Blass bleiben die Konfrontationen mit den Gesangs-Schülern, keine Abgründe der (Selbst-)Erkenntnis tun sich hier auf. Nichts wirkt wirklich existentiell. Stets muss die Hoene beherrscht bleiben, kaum ändert sie die Lautstärke ihrer Stimme, das Bewegungsrepertoire ist bald erschöpft. Eindimensional bleibt das. Die Hoene ist in ihrer Darstellung leider nie die charismatische Diva, lässt nicht unter die Textoberfläche gucken, präsentiert das Textmaterial und belässt es dabei. Dass es um mehr gehen könnte, als um die aufgerollte Callas-Biografie und die Meisterklassen-Situation, kann man allenfalls ahnen an diesem zwei Stunden langen Abend.

Regie? Fehlanzeige!

Sicherlich, eine so große, immer wieder von langen Sprech-Monologen geprägte Rolle ist etwas deutlich anderes als eine Opernpartie. Und die Regie, für die Angela Brandt verantwortlich zeichnet, hat die Darstellerin hilflos sich selbst überlassen. Kaum dass man von einem Arrangement sprechen mag, geschweige denn von Regie-Arbeit. Das Scheitern, wenn man es bei allem Respekt für die Künstlerin Barbara Hoene, denn so deutlich aussprechen will, es gehört zu den großen Künstlerinnen, auch das zeigt und lehrt ja das Callas-Stück McNallys.

Wie man einen Text spricht, wie man derb die Konsonanten der Gossensprache platzen lässt, wie Stimmfärbungen ins ordinäre Leben blicken lassen und wie das scheinbar beifällig Gesagte zur Wahrheit wird, das war lediglich in der eingespielten Stimme von Uwe Schönbeck als Aristoteles Onassis zu hören.

Der Produktion fehlt es in der nichts sagenden Ausstattung von Andreas Denk an Handwerk und an Analysefähigkeit. Keine der Bühnenfiguren wirkt natürlich. Wie man dann noch mit relativ viel projiziertem originalem Film- und Bild-Material der Callas der Darstellerin jegliche Chance zur Wirkung rauben kann, bleibt ein Rätsel. Gegen diese Bilder hat kaum jemand eine Chance, jemand der diese Callas kopieren will, anstatt einen eigenen Zugang zu den Vorgängen dieser fiktiven Callas-Figur zu finden, ohnehin nicht.

Lichtblick junger Talente

Der Lichtblick der Produktion sind die drei jungen Sänger und der Pianist des Abends. Auch wenn sie dazu verdammt sind (in den teils peinlich banalen Kostümen von Frauke Schernau)  Klischees geben zu müssen und folglich hölzern und unnatürlich im Dialog bleiben, so lassen ihre musikalischen Darbietungen aufhorchen. Maria Meckel schön gestaltend mit einer Arie aus Bellinis ‚Sonnambula’, Miki Stojanov mit Talent zum Komischen und einer schön schmachtvoll gesungenen ersten Cavaradossi -Arie aus ‚Tosca’. Dazu das einfühlsame, plastische Spiel von Evgeni Feldmann, der als schüchterner Korrepetitor zudem einen sympathischen Eindruck hinterlässt – das waren Höhepunkte des Abends.

Und dann – die Sensation des Abends – Stefanie Jonas aus dem Opernchorstudio der Semperoper als Gesangsschülerin  mit einer glanzvollen, risikofreudig angegangenen Auftrittsarie von Verdis Lady Macbeth, die jene berühmte Kollegin, die das noch vor einigen Monaten auf der großen Bühne der Semperoper sang, zumindest in der cabaletta erblassen lassen müsste. Stefanie Jonas stiehlt mit dieser Arie Barbara Hoene alias Maria Callas die Show – und genau darum geht das Stück: der alte Star, der Mythos trifft auf eine neue, teils überlegene Sängergeneration. Hier ist die Fallhöhe, das Konfliktpotential, der Analyseansatz ins Allgemeine der Erkenntnis. Zu dumm nur, dass die Regisseurin Angela Brandt dies nicht erkannt, geschweige denn inszeniert hat.

So blieb der freundlich beklatschte Premierenabend nur eine Geste an Barbara Hoene, für 40 Jahre Treue und als Anerkennung für eine Karriere, deren Höhepunkt naturgemäß schon  vergangen ist. Genau hier hätte ein weiterer packender, individueller Ansatzpunkt für die Inszenierung gelegen: Die Karriere der Barbara Hoene mit ihren ganz eigenen Bedingungen hinter dem ‚eisernen Vorhang’ und die Konfrontation mit jungen Talenten der Jetztzeit und ihren ganz anderen Möglichkeiten  – doch diesen Mut, genau das zu thematisieren, hatte leider keiner. Schade.

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Kritik von Uwe Schneider



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