> > > > > 12.08.2007
Samstag, 24. August 2019

René Jacobs

Deutsche Barockoper in Innsbruck

Lohn der Geduld

Das ist ein intelligenter Spaß. Das Stück ist geradezu absurd und die Musik ist so abwechslungsreich, dass meine Geduld zu sehen und zu hören jedenfalls nach fast vier Opernstunden nicht erschöpft war. Belohnt wurde sie ebenso wie die des antiken Philosophen Sokrates, der in dem so heiteren wie hintersinnigen Stück von seinen zwei Frauen Xantippe und Amitta zugleich umkämpft und umsorgt wird, was wiederum zu den herrlichsten Kampfszenen zwischen den vorzüglich singenden und spielenden Damen Inga Kalna und Kristina Hansson führt, die ansonsten sehr kurios in parallelen Wohn- und Küchenwelten agieren, hantieren und sogar synchron kochen können. Nur der stille und geduldige Herr des Hauses, den Marcos Fink augenzwinkernd historisch, stoisch und mit steilem Schädel gibt, kann letztlich nicht synchron genießen, sprich beispielsweise aus zwei Tassen zugleich schlürfen, was konkurrierende Hausfrauenhände ihm kredenzen.

Parallel zur häuslich-heiteren Philosophensituation kämpfen mit leidenschaftlichen Gesängen, liebenswerten Finten und herzerfrischenden Tänzen, Sunhae Im und Brigitte Christensen als Prinzessinnen Rodisette und Endronika um die Zuneigung des Prinzen Melito, der sich nicht entscheiden kann oder will. Er muss aber, denn sein sinnenfreudiger Papa und Feldherr Nicia handelt streng und gesetzestreu. Weil das Heer der Athener Nachschub braucht, muss nämlich in den Ehen mit doppelter Kraft produziert werden. Parallel zu den minimalistischen Balztänzen zweier Prinzessinnen der Herzen singt sich der andere Prinz namens Antippo das Herz aus dem Leibe, um wenigstens eine der beiden zu gewinnen. Beide sind sich aber darin wiederum einig, demselben konsequent die kalte Schulter zu zeigen und ihn mit seinen hohen Tönen auf verlorenem Posten stehen zu lassen.

Den Vater gibt Maarten Konigsberger als bunten Playboy, Donát Havár ist mit geschmeidigem Tenor und gepflegter Entscheidungsunfähigkeit der begehrte Prinz Melito, Matthias Rexroth mit weich und sicher geführtem Countertenor und präsentem Spiel der verschmähte Prinz Antippo.

Die barocke Operettensituation, deren Travestien und Parodien in der Innsbrucker Aufführung a lá Offenbach mit Augenzwinkern und fröhlichem Wiederholungstäterzwang präsentiert werden, wird komplettiert durch des Philosophen in Gesang und Spiel propere Meisterschüler Plato, Alcibiades und Xenophon (Michael Kranebitter, Sun-Hwan Ahn, Richard Klein), die kräftig von einer Feuerzangenbowle genascht haben müssen, einem herzlich gutpatschigen Gehilfen namens Pitho, in dessen Adern das Blut der Commedia dell´ arte und der Tiroler Almbubenkomödie fröhliche Vermischung feiern. In Lederhosen oder als große Flasche auf Beinen macht Daniel Jenz immer eine gute Figur. Alexey Kudrya als Gegner des Philosophen ist der Komödienschreiber Aristophanes, aufgeblasen und kariert, gespickt mit eigenen und fremden Federn. Sprachlich und musikalisch gehen pointierter deutscher Spaß und affektreiche italienische Gefühlsmelodik so gute Verbindungen ein, dass am Ende der geduldige Sokrates sich weiter durch weibliche Konkurrenz umkämpfen und umsorgen lassen wird, dieweil nach Abschaffung des Zweifrauengesetzes jedem Prinzen eine Prinzessin blüht, was so durch ein Urteil des Sokrates zustande kommt, das alles andere als sokratisch zu nennen wäre. Wirklich gut bedient, dazu im langbeinigen Doppelpack und ohne jeden Ton des Gesanges, ist Vater und Feldherr Nicia mit seinem spielfreudigen Zwillingspaar im garantiert bleifreien Barbielook.

Nigel Lowery und Amir Hosseinpour zeichnen verantwortlich für Regie, Ausstattung und Choreografie. Sie bescheren dem Publikum ein großes farbenreiches Spektakel, das munter durch die Zeiten purzelt und lustvoll mit den Weisheiten und Vergeblichkeiten dieses Stückes um einen Philosophen, der es nicht mal nötig hat die Hauptrolle zu übernehmen, spielt. In gegenwartsnaher Kleidung führen die Akteure barocke Affekte ebenso unterhaltsam aus wie in barocken Beinkleidern die gerade bei den wadenfreien Herren wiederum sehr gegenwärtig wirken. Affektreiche barocke Gebärden werden kombiniert mit minimalistischen Bewegungscodes aus dem Repertoire der Stewardessen und des aktuellen Tanztheaters. Überhaupt schaffen Bewegung und Tanz – sparsam und heiter verfremdet, aber immer aus der Musik gewonnen – den angenehmen Grundgestus dieser Produktion. Lowery und Hosseinpur gehen mit ihren Aktionen nie über das Maß der Musik hinaus, sie fabulieren mit dem Stück und nie dagegen.

So kommt natürlich der Musik das höchste Maß an Bewunderung zu. René Jacobs mit den Solisten und vor allem den Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin geben dem norddeutschen Spaß mit der südlichen Sehnsucht das so forsche wie fröhliche und erfreuliche Klangbild. Ob eine Oper, so sie denn Bach geschrieben hätte, so klänge, mag Spekulation bleiben, in einigen Arien, bezaubernd von obligaten Instrumenten begleitet, könnte man sich schon vorstellen, dass hier die fromme Seele nach dem Heiland lechzt. Aber bei Telemann bleibt das Lechzen sehr menschlich, was in Sachen Fröhlichkeit und Musikalität göttlich sein kann.  


Innsbrucker Festwochen 2007
Akt I, Angela Stöbener, Maarten Koningsberger (Nicia), Patricia Stöbener Akt I, Angela Stöbener, Maarten Koningsberger (Nicia) Akt I, Matthias Rexroth (Antippo)

Klicken Sie auf ein Bild von Innsbrucker Festwochen 2007, um die Fotostrecke zu starten (16 Bilder).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Innsbrucker Festwochen 2007: Telemann, Der geduldige Sokrates

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Georg Philipp Telemann

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Matthias Rexroth (Solist Gesang), Donat Havar (Solist Gesang), Maarten Koningsberger (Solist Gesang), Sunhae Im (Solist Gesang), Marcos Fink (Solist Gesang), Kristina Hansson (Solist Gesang), Inga Kalna (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich