> > > > > 13.08.2007
Dienstag, 20. August 2019

 Akademie für Alte Musik Berlin

Bach und Telemann im Spanischen Saal zu Innsbruck

Flotter Zweikampf. Zwei Gewinner.

Wer gewinnt, wer setzt sich durch im Streit der musikalischen Moden und Vorlieben, der Traditionen und Einflüsse, bei denen die deutschen Musiker und Komponisten des Barock sich entweder in Richtung Westen, und damit französisch, oder südlich und damit italienisch, orientieren.

‘Einer wird gewinnen’ – so der Titel eines Innsbrucker Festwochenkonzertes im stimmungsvollen Ambiente des Spanischen Saales auf Schloss Ambras. Die Mitglieder der Akademie für Alte Musik aus Berlin spielen Werke von Telemann und Bach. Am Abend zuvor bei der Premiere von Telemanns Oper ‘Der geduldige Sokrates’ brillierten die Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von René Jacobs und zeigten sich versiert in beiderlei musikalischen Richtungen, noch dazu in humoriger Brillanz, wenn es darum ging, eine (nord)deutsche Barockoper zu präsentieren, die sich gerne der Traditionen beider Einflüsse bediente um am Ende als ziemlich eigenständiges Werk überzeugte.

Jetzt beginnt der ästhetische Streit mit Telemanns Ouvertüre e-Moll für zwei Traversflöten, Streicher und Basso continuo, TWV 55: E1. Besonders schön und elegant die Passagen der zwei Flöten, die oftmals unisono geführt werden, Charme der Andeutung zunächst, aus der Ruhe mit Anklängen von Überlegenheit, mündend in leichte, tänzerische Beschwingtheit von Rondeau und Gigue nach einleitendem Lentement und mittlerem Réjouissance. Das Ensemble spielt unter der Leitung seiner Konzertmeisterin Midori Seiler, die jetzt den Solopart in Telemanns Fantasia Nr. 9 h-Moll per il Violino senza basso, TWV 44:20, übernimmt. Nicht technische Vehemenz oder verblüffende Raffinesse bestimmen das dreisätzige Werk, eher tändelndes Schweifen und Fantasieren in den zu Grunde gelegten eleganten Tanzpassagen der drei Sätze Siciliana, Vivace und Allegro. Midori Seiler vermeidet es, solistisch aufzutrumpfen, eher versonnenem Singen und Summen gleicht ihr Spiel. Im folgenden Stück von Telemann stehen sich das Soloinstrument und die Streichergruppe gespannter gegenüber. Christoph Huntgeburth ist der Solist im Concerto à 5 für Traversflöte, Streicher und Basso continuo TWV 51:D1. Von besonderer Schönheit das klagende Largo an dritter Stelle der Satzfolge und das forteilende Allegro zum Finale.

Nach der Pause dann von Johann Sebastian Bach das dritte Brandenburgische Konzert G-Dur BWV 1048 und das Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-Moll, BWV 1041, und davon umspielt Georg Philipp Telemanns Fantasie Nr. 12 g-Moll für Flöte Solo, deren knappe und bescheidene sechs Sätze der Solist Christoph Huntgeburth wie ein sanftes Memento zwischen die beiden üppiger und rasanter dimensionierten Werke setzt. Trefflich präsentieren sich die Mitglieder der Akademie für Alte Musik mit ihrer Konzertmeisterin in drei Streichergruppen nach Art eines Concerto grosso in äußerst lebendigem und bewegtem Klangbild zunächst im Brandenburgischen Konzert. Das Konzert, so bekannt und berühmt wie ungewöhnlich mit dem populären Kopfsatz und den verblüffenden zwei Adagio-Akkorden anstelle des ausgeführten Mittelsatzes dem das musizierfröhliche Finale schon folgt. Was man zu kennen meint, hört man neu, das ist das Verdienst uneitlen und unaufgeregten Musizierens dieser Spezialisten, die ihr Können nie ausstellen sondern immer in den Dienst der Musik stellen. Der Funke springt über.

In schöner Durchsichtigkeit dann das Violinkonzert zum Finale, dem spätestens im zweiten Satz ‘Andante’ ergreifende Grundierung eignet. Große Spannung, wenn hier die Solistin ihr mitunter einsam klagendes Instrument gegen den starren und beharrenden Bass führt, um im gemeinsamen Tanzrhythmus auszuklingen. Midori Seiler überzeugt mit präsentem Ton und angemessener Brillanz.

Als Zugabe, in der ‘großen’ Telemann-Besetzung, gemeinsam in der südlich durchglühten Temperatur des Bachspiels, gibt es als Zugabe einen Satz aus Telemanns Tafelmusik, und dieses rasante und charmante Spiel der Berliner Akademie für Alte Musik klingts so, als gäbe es doch einen Gewinner an diesem Abend, Telemann nämlich, hoch getragen auf Bachs klingenden Schwingen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Innsbrucker Festwochen 2007: Aklademie für Alte Musik Berlin

Ort: Schloss Ambras,

Werke von: Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Christoph Huntgeburth (Solist Instr.), Midori Seiler (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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