> > > > > 20.07.2007
Mittwoch, 29. Juni 2022

Richard Wagner

“Parsifal“ am siebten Tag in Erl

Erstarrung statt Erlösung

Das Werk in sieben Teilen ist vollendet, zum Ausklang Richard Wagners ‘Parsifal’ im Passionsspielhaus von Erl, in dem im kommenden Jahr weder Werke von Wagner noch Strauss zur Aufführung kommen werden, sondern gemäß der ältesten Tradition dieser Art in Österreich aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, das Spiel vom Leiden und Sterben unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Jener Erlösungstod gibt ein Hauptmotiv für Wagners letztes Werk, in dem er wiederum um Erlösung ringend, noch einmal neue Wege geht.

Weniger die Motive sind es und deren Verknüpfung, denn die einzelnen bleiben eigentlich immer recht klar hörbar, mehr die dem feierlichen Grundduktus geschuldete Instrumentierung, die oft dem großen Klang einer reich zu registrierenden Orgel gleicht und die Einsetzung hymnischer und liturgisch gefärbter Chorsszenen ist es, die dem Werk seine Unverwechselbarkeit gibt. Das gilt in besonderer Weise für den ersten und den dritten Aufzug. Für den zweiten, in Klingsors Reich, mit den äußerst erregten Szenen Klingsors und Kundrys und der Begegnung Parsifals mit der verführten Verführerin, verwendet Wagner noch einmal expressive Klänge, die Spannung vor allem durch Gegensätzlichkeit erzeugen. So ahnt man im Gesang der Blumenmädchen den Operettenklang des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Wunder von Erl ist das Orchester

Zum großen Sängeraufgebot kommt das eines Orchesters, das höchsten Ansprüchen genügen muss. Der Gesamteindruck muss letztlich sehr gut sein, Kompromisse sind nicht denkbar. Sowohl die großen Gruppen der Streicher als auch der Bläser, im Holz und im Blech, haben für sich und immer wieder im vollen Klang den ganzen Reichtum ihres facettenreichen Spieles auszuloten. Wagners Erlösungsideen sind ja mehr Klangvisionen in der Sehnsucht und klingende Verstörungen im Misslingen als eindeutig gesungene Botschaften. Wo die im Grunde recht menschliche und mitunter auch naive Geschichte versagt und in die brüchige Vorläufigkeit allen menschlichen Lebens führt, weist die Musik doch darüber hinaus.

Die im Wesentlichen leere Parsifalbühne gibt den Blick auf das große Orchester mit 130 Mitgliedern frei, diesmal kein Gazevorhang, nur einige schlanke Säulen, dann vor weißem Rundhorizont, dessen Farben im Lichte wechseln, das ‘Gold’ des Ringes und das ‘Heiligtum’ des ‘Parsifal’. Kein Bühnengral kann heller strahlen oder erregender erglühen als dieses Instrument, zu dem das Ensemble mit den vornehmlich sehr jungen Musikerinnen und Musikern aus vielen Ländern im Prozess kontinuierlicher Arbeit unter der Leitung von Gustav Kuhn geworden ist.

Die Machtzentrale der Erlösung 

Die Szene wird beherrscht vom massigen Tisch wie man ihn seit den Reformen des zweiten Vatikanischen Konzils in den römisch-katholischen Kirchen, auch in der Pfarrkirche zu Erl findet. Daran wird ein Erlösungsritus verwaltet, mitunter mutiert der Altar zum Sitzungstisch einer Zentrale. Es gibt einen alten, müden Mann in roten Schuhen, der nicht sterben kann, und dessen Vater sogar, der noch im Grabe lebt und daraus mahnt den Ritus ja zu achten. Fast vermittelnd versucht ein alt gewordener, treuer Diener seiner Tradition diese in der Manier braver Dorfschulmeisterei gütig und streng am leben zu halten. Das ist das traurige Hauptpersonal im Bereich des Grals, dem Kelch, der des Erlösers Blut bewahrt, und den ortsüblichen Reliquien gleich, im Innern des Altar- und Sitzungstisches ruht und regelmäßiger Enthüllung harrt.

Lasst Blumen singen

Nebenan im Reiche Kingsors gibt es Enthüllungen anderer Art, da kommt das Fleisch zum Blut, und brachte das Blut manch frommen Ritters schon dermaßen in Wallung, dass er Gral und zukünftige Erlösungen vergaß und im Augenblick mit beiden Händen nach der Himmelfahrt im Fleische griff. Selbst Amfortas, jener müder Oberhüter in roten Schuhen, erlag dem Zauber jener Mädchen mit den weit offenen Blumenkelchen, und hat sich selbst bestraft durch eigenhändige Entmannung, was den Sünder zum Märtyrer macht. Ganz wunderbar, wie es Wagner gelingt die Facetten der Unfreiheit in den Zentralen der verwalteten Freiheit und Erlösung aufzuzeigen, von deren Gefahren für Leib und Seele ganz zu schweigen.

Eigentlich ist es ganz einfach

Zwei Wandernde zwischen den Welten gibt es, an deren Spitzen Männer stehen, entweder umgeben von Männerbünden oder umgeben von dienstbaren Frauen, die Prinzipien der Macht sind ähnlich. Kundry, in Klingsors Macht, mit dem unstillbaren Geschmack von selbstbestimmter Freiheit in der schönen Seele, und Parsifal der frische, freie Tor, ohne Religion und Bindung an Sitte und Recht. Zwei schuldlos Schuldige, sie in der Männerwelt nach den Vorgaben der Moral, er nach den scheinheiligen Gesetzten der Askese ein Frevler am Leben, weil sein Pfeil einen Schwan tötete. Parsifal, der Erhoffte, der reine Tor, der durch Mitleid wissend wird, wird zur Erlösergestalt erkoren. Er widersteht in Klingsors Reich Kundrys Werben, was sie zur großen Umkehr führt, in die Freiheit des Dienens und die Verschiebung möglicher Glücksansprüche in ein fernes Jenseits.

Klingsor kann Parsifal nicht unschädlich machen, seinen Speer fängt er im Fluge, er gleicht jenem genau, den der ungestüme Siegfried noch dem Wanderer zerschlug, jetzt ist die Waffe wieder heil, des Amfortas Wunder geschlossen, die Legitimation seiner Macht gänzlich dahin. Kundry wird zur Ikone, ihre Büßergestalt mit erhobenen Armen kann kleine Heiligenbildchen zieren, Parsifal waltet eines Amtes, der junge Mann trägt dezenten Anzug und etwas Gel im Haar, er sitzt auf dem Platz von Gurnemanz, und schaut wirklich so aus, als hätte er es sehr nötig, endlich erlöst zu werden, während dieser sich nun wirklich auf seiner Alm zur Ruhe setzt, den Frühling genießt und begriffen hat, dass eine klare Gebirgsquelle wahre Wunder wirken kann.

Die Erlösung geht weiter

Die Gläubigen stehen wie Gruppen auf einer Schulung für Erlösungsbeamte oder im raunenden Gebet derzeit beliebter charismatischen Gruppen, die selbst den Katholizismus unterwandern. Da wird Gustav Kuhn wohl, wenn er im Jahre 2009 wieder zu den Festspielen nach Erl ruft, erneut den Wagner befragen müssen, wie es mit der Kunst der Erlösung steht. Er wird Nürnbergs Meistersinger in Streit und Eintracht führen, Kunst und Liebe werden den Sieg erringen.

Die Meistersinger im Parsifal

Meisterlich gesungen wurde in diesem ‘Parsifal’ wiederum. Michael Baba in der Titelrolle hat im Verlauf eines Jahres recht zugelegt was das Volumen und die Präsenz seines leicht dunkel grundierten Tenors angeht, gerade die Erregtheiten des zweiten Aufzuges meistert er trefflich ohne Probleme in den Höhen, fest in der Mittellage und vor allem gut verständlich der Text. Da hat die in ihrem Spiel wirklich expressive und attraktive Martina Tomcic noch ein paar schwierige Passagen, die zu verbessern sind. Zu bewundern ist, wie sie es vermag die Gegensätze der extremen Partie zu gestalten, immer existenziell zu bleiben und dem Klischee zu entgehen. Energiegeladen Michael Kupfer als Klingsor, klare Diktion, Frechheit und Gier, in der musikalischen Gestaltung, stark im großen Ausbruch. Für Manfred Hemm als Gurnemanz liegt die Stärke in der Ruhe, und für Thomas Gazheli als Amfortas in der anhaltenden Erregtheit. Dem Klang der jungen und klaren Bassstimme nach, lebt Michael Doumas als dessen Vater Titurel nicht schlecht im Grabe. Das große Ensemble bekommt großen Beifall, immer wieder Bravi und Jubelrufe am Ende, die in gleicher Weise wie den genannten Sängerinnen und Sängern den hervorragenden Blumenmädchen, Susanne Geb, Anahita Ahsef, Hale Al Orfali, Joo Cho, Junko Saito, Taeka Hino, den Rittern und Knappen, Giorgio Valenta, Johannes Wimmer, Jae Hee Kim, Dinah Berowska, Paul Schweinester, Marwan Shamiyeh, der Altsolistin Emanuela Barazia, der Schwanentänzerin Claudia Czyz, den Wiltener Sängerknaben und dem Chor der Festspiele gelten.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


10. Tiroler Festspiele Erl : Richard Wagner, Parsifal

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Ina Reuter (Bühnenbild), Wiener Mozart Sängerknaben (Chor), Gustav Kuhn (Dirigent), Lenka Radecky (Kostüme), Orchester der Tiroler Festspiele (Orchester), Gustav Kuhn (Regie), Johannes Wimmer (Solist Gesang), Taeka Hino (Solist Gesang), Junko Saito (Solist Gesang), Anahita Ahsef (Solist Gesang), Susanne Geb (Solist Gesang), Manfred Hemm (Solist Gesang), Michael Kupfer (Solist Gesang), Martina Tomcic (Solist Gesang), Michael Baba (Solist Gesang), Dinah Berowska (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich