> > > > > 21.07.2007
Mittwoch, 23. September 2020

Johannes Brahms

Nach Wagner Klangfinessen mit Brahms und Rihm

Nachklang in Erl

So schließt sich ein Ring der anderen Art in der zweiten Aufführungsserie der Tiroler Festspiele in ihrem Jubiläumsjahr. Mit Brahms und Klängen der Gegenwart hatte diese begonnen, es folgte Gustav Kuhns Ringversion in sieben Teilen, und am Ende wiederum Brahms und die Gegenwart.

Im Auftrag der Tiroler Festspiele und dem Internationalen Klavierwettbewerb Ferruccio Busoni – Bolzano Festival-Bozen 2007 und dem Luzerner Sinfonieorchester schuf Wolfgang Rihm ein Capriccio für Klavier und kleines Sinfonieorchester. „Sotto Voce 2“ wurde mit dem Solisten Nicolas Hodges und dem Haydn Orchester Bozen-Trient unter der Leitung von Tito Ceccherini uraufgeführt. Das Stück für den Wettbewerb gedacht, soll jungen Pianistinnen und Pianisten die Gelegenheit geben, ihre zumeist starke Verbundenheit mit der Romantik in heitere Korrespondenz zur Moderne, die ihnen wiederum zumeist fremder ist, zu setzten.

Das Stück klingt zunächst ganz schön nach Brahms, hat am Ende ein minimales Busoni-Zitat verarbeitet und könnte auch ansonsten generell in Anführungszeichen gesetzt werden, denn auf indirekte Weise kommen etliche Traditionen der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts zum Klingen. Das alles kommt mit wunderbarer Leichtigkeit und Humor daher, die Virtuosität des Soloparts wirkt nicht aufgesetzt, es gibt spannende Dialoge zwischen dem Pianisten und dem klein besetzten Orchester, immer wieder Augenzwinkern, etwa wenn gekonnt und charmant der Wiener Schmäh zu seinem Recht kommt. Tito Ceccherini gibt dem kleinen Werk als Dirigent Spannung und Dynamik, der Solist ist präsent, fügt sich dazu ohne sich einzuordnen, die Dominanzen wechseln, die Symbiose gelingt sowohl zwischen Soloinstrument und Orchester als auch zwischen den Klangwelten des späten 19. und des 20. am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Starker Beifall für diese weitere Uraufführung bei den diesjährigen Tiroler Festspielen.
Gustav Kuhn setzt nach den Großaufgeboten der letzten Tage jetzt mit dem „kleinen“ Orchester noch einen Glanzpunkt des Festivals. Poetisch, verträumt auch, ebenmäßig im Fluss der Melodik lässt er die dritte Sinfonie von Johannes Brahms spielen. Das Spiel der unterschiedlichen Instrumentalgruppen wird immer wieder zu einer harmonischen Art des sich Findens, der Weitergabe, der Übernahme und der Veränderung musikalischer Themen und Figuren. Das empfindungsreiche Stück wird insgesamt in dahineilender Leichtigkeit musiziert. Von den Bedrohungen der friedlichen Klangbilder ist schon zu hören, aber der generell lebensbejahende und die Natur verehrende Klangduktus des Werkes wird voll ausmusiziert. Da bleibt auch eine gewisse Strenge vernehmbar, was an der stets filigranen, dabei auch sehr direkten  Spielweise des Orchesters liegt und an Kuhns durchaus romantischer Auffassung, die aber von großer Klarheit durchzogen ist.

Groß und weit beginnt die vierte Sinfonie von Brahms, fanfarenhafte Trompetenklänge feiern die beschworene Harmonie, können aber der Aufbruch von Gegenbewegungen nicht verhindern. Auf das große Finale des ersten Satzes folgen schweifende Gedanken, und auch im Folgenden klingen in dieser Sinfonie Schmerz und Zerrissenheit stärker hervor als in den zuvor vernommenen. Brahms riskiert ungewohnt spröde Klänge, und Kuhn betont diese mit den so wunderbar exakt reagierenden Musikern des Orchesters. Die Musik hat grüblerische und quälende Passagen, die den Eindruck erwecken, der Komponist sei auf der dringenden Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, und die spannende Aufführung legt nahe, dass einige Passagen nicht nur das kommende Jahrhundert ankündigen, sondern längst darin angekommen sind.

Wagner umhüllt von den Klängen der vier Sinfonien von Johannes Brahms, eine romantische Korrespondenz, erhellend und spannend zugleich. Festspielwürdig.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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10. Tiroler Festspiele Erl: Brahms und Rihm

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Johannes Brahms, Wolfgang Rihm

Mitwirkende: Gustav Kuhn (Dirigent), Tito Ceccherini (Dirigent), Haydn Orchester von Bozen und Trient (Orchester), Nicolas Hodges (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

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