> > > > > 13.01.2007
Dienstag, 25. Januar 2022

Kulturpalast Dresden, Copyright: Mister No

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Hugh Wolff bei der Dresdner Philharmonie

Neue Akzente

Die Konzertprogramme der Dresdner Philharmonie sind nicht gerade von der Moderne geprägt. So ist es schon bemerkenswert, wenn sich innerhalb eines Programms Werke von Bartok und Strawinsky finden – auch wenn diese bereits über ein halbes Jahrhundert alt sind.

Hugh Wolff, der international gefragte amerikanische Dirigent, der sich in Deutschland vor allem als Chefdirigent des RSO Frankfurt (1997 bis 2006) einen Namen machte, war der zu recht gefeierte Gast, der die Dresdner war nicht auf völlig neue, aber doch nicht ganz so gewohnte Pfade führte.

Klarheit und Prägnanz

Zu Beginn gab es erst einmal Mendelssohn-Bartholdys Dritte Sinfonie, auch mit dem Beinamen „Schottische“ bekannt. Wolffs Tugenden traten schon in den ersten Takten hervor: die klare Formung des ersten Motivs, der effektvoll gesetzte Kontrast der hohen unisono-Streicher, die sorgfältige Steigerung zu dramatischer Aufgeladenheit, die transparente Stimmführung. Binnenstrukturen werden deutlich modelliert, musikalische Episoden werden forciert, ein pulsierender Grundton unterstützt den natürlichen Fluss der Entwicklung, steuert auf kleine Steigerungen zu und gibt im entscheidenden Moment flexibel nach. Im schlank-romantischen Klangbild ohne Pathos organisiert Wolff dialogisches Denken zwischen den Stimmgruppen, man hört und reagiert auf einander, steigert sich zu einer bestechenden Prägnanz des Ausdrucks. Unaufdringlich dann die homogen entwickelten Anklänge an Wagners „Holländer“ in der Sturmepisode, das Holz regiert spielfreudig die Szenerie, elastisch bleibt der Klang und transparent bis in die letzte Nebenstimme. Im Scherzo dann bekommt das Violinenthema Zeit zur Entwicklung, das leichte, sorgfältig darunter gemischte Pizzicato sorgt dafür, dass sich das Hauptthema nicht in Belanglosigkeiten verliert. Der Bläsersatz glänzt mit schlichter Eleganz, nichts klingt größer, als es muss. Und so kann ein einsetzendes Tutti große Kontur haben, ohne lärmen zu müssen. Dann bricht das Andante cantabile markant hervor, mit großem Schwung steuern die Stimmen auf ihre Akzente zu, der spielerische Umgang zwischen piano und forte sorgt ebenso für Lebendigkeit, wie die klar herausgearbeitete Frage-Antwort-Struktur in den Stimmen.

Die Interpretation der gesamten Sinfonie ist eine Meisterleistung an Stimmbalance, an Tempovariationen und Dynamikkontrolle. Deutlich folgt Hugh Wolff seinem Konzept, doch niemals wirkt es aufgezwungen oder fremd. Die Dresdner Philharmonie klingt in diesem Mendelssohn nach einer schwungvollen Leichtigkeit, wie man in den letzten Jahren gerne öfter gehört hätte. Große Ovationen bereits zur Pause.

Impulse und Spielfreude

Bartoks sperriges und  erst posthum von Tibor Serly aus den Skizzen vollendetes Violakonzert leitet den zweiten Teil ein. Julian Rachlin beginnt gleich mit prächtig kraftvollem Ton, bringt seine ganze Persönlichkeit mit ein und beschert zwanzig Minuten höchst konzentrierten Spiels. Hugh Wolff schafft einen schwierigen Balanceakt: das Orchester, obwohl stets klar strukturierend und stets dialogbereit, ist in den Kleinteiligkeit der Begleitung dynamisch dezent zurückgenommen, zugleich bleibt es aber auch wichtiger Impulsgeber. Rachlin zaubert bündige Übergänge in die Zerrissenheit des Soloparts, zeigt einen kraftvollen Willen zur Formung. Mit Energie geladen ist seine Tonkontrolle, den kurzen, teils höchst virtuosen Episoden gewinnt er Charakter ab und fügt sie zu einem Ganzen. Julian Rachlin, der keine technischen Grenzen zu kennen scheint, vielleicht aber ein etwas zu selbstbewusster Arbeiter auf dem Steg ist, spielt sich von selbst in den Mittelpunkt. Hugh Wolff folgt ihm mit dem Orchester ebenso flexibel wie hellhörig. Der Sprödigkeit des Konzertes gewinnt er mit rhythmischer Exaktheit klare Formen ab und entdeckt in der sorgfältigen Abmischung der Stimmen ein eigenes Universum von Klangfarben.

Igor Strawinskys ‚Sinfonie in 3 Sätzen’ von 1946 beendet das Programm. Wolff setzt auf großen Klang und kräftige, klar konturierte Rhythmik, die gelegentlich gar zur Motorik wird, nie jedoch zum Automatismus wird. Mit federnder Transparenz überzeugen die klassizistischen Anklänge, zügig ist der Tempofluss organisiert, klare Zäsuren gliedern ohne zu unterbrechen. Die Blechbläser sind in Hochform. Alles hat eine unangestrengte Selbstverständlichkeit, so wie die Pointen durch die Stimmen wandern, so wie es an allen Ecken im Orchester pulsiert, so wie die dynamische Formung im Detail die Klangfarben unterstützt. Der Streicherklang ist ausdrucksstark, ja sinnlich aufgeladen. Wolff, so hat man den Eindruck, macht alles in dieser Partitur hörbar, die Motive wandern und die Rhythmen springen durch die Instrumentengruppen, dass es eine wahre Freude ist.

Übersichtlich wie in einem Kammerorchester leiten die Anklänge an Strawinskys „Rake’s Progress“ das Andante ein. Legere, biegsam leichte Streicherpassagen leiten zur luziden Einfachheit des Klangbildes im Zusammenspiel von Flöte, Harfe und Solostreichern. Streichsextett und Streichtrio vollführen - organisch in die Satzarchitektur integriert - kammermusikalische Exkurse, bevor sich homogen das aufmüpfige Finale voller Spielfreude anschließt.

Eines der besten Konzerte der Dresdner Philharmonie in dieser Saison – und Hugh Wolff würde man bald gerne wieder am Pult des Orchesters erleben. Wird da nicht auch perspektivisch ein Nachfolger für den Chefdirigenten des Orchesters, Rafael Frühbeck de Burgos, gesucht? Hugh Wolff jedenfalls wäre ein Kandidat, der die so dringend nötigen neuen Akzente einbringen könnte…


Dresdner Philharmonie - 4. Philharm. Konzert
Hugh Wolff und die Dresdner Philharmonie Hugh Wolff und die Dresdner Philharmonie Hugh Wolff und die Dresdner Philharmonie

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Dresdner Philharmonie - 4. Philharm. Konzert: Hugh Wolff/Julian Rachlin

Ort: Kulturpalast,

Werke von: Felix Mendelssohn Bartholdy, Béla Bartók, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Hugh Wolff (Dirigent), Dresdner Philharmonie (Orchester), Julian Rachlin (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Philharmonie

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