> > > > > 21.03.2007
Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

“Elektra“ bei Dresdner Festtagen Richard Strauss

Hundertfünf Minuten Hochdruck

Keine Inszenierung hat sich bislang im Spielplan der 1985 wiedererstandenen Semperoper so lange gehalten wie ‘Elektra’. Vor nunmehr fast 21 Jahren von Ruth Berghaus inszeniert, nährt auch die 77. Aufführung im Rahmen der Fasttage die Hoffnung diese Produktion noch lange erleben zu können

Ein großes und seltenes Erlebnis ist schon die Szene. Das riesige Orchester mit weit über 100 Spielern auf der Bühne, aus der Mitte des musikalischen Fundaments heraus erhebt sich eine Konstruktion, die an Kommandobrücken auf großen Schiffen erinnert. Gänzlich gibt das Gebilde mit seinen Betonkanten, seinen leer bleibenden Räumen, seinen Winkeln und Treppen sein Geheimnis nicht preis. Nur dass hier niemand, der in diesem Turm gefangen scheint, bzw. an ihn gebunden, entkommen kann. In Korrespondenz zu einer Figur der Iphigenie im linken Portal der Opernbühne sitzt eine Nachbildung der Feuerbachschen Iphigenie – das Land der Griechen mit der Seele suchend – auf dem am weitesten in den Raum laufenden Brückenteil. Immer wieder nehmen auch die Protagonisten wartende, suchende Haltungen ein, blicken in unbestimmte Fernen. Was 1986 in der DDR so subversiv war, das Warten, die Suche über den eigenen Horizont hinaus, es hat an Aktualität, an Breite der Assoziationsmöglichkeiten nichts verloren. Es bleibt ein lebensgefährliches Spiel zwischen Himmel und Erde.

Es bleibt eine Tragödie der Macht die noch immer in verblüffender Weise bis an die Grenzen des Erträglichen geht und dies unter Ausreizung klanglicher Mittel eines vielgestaltigen Klangkörpers in dessen sich vielmals überschneidende Motivstränge menschliche Stimmen eingebunden sind. Peter Schneider tritt für den erkrankten Michael Boder ans Pult und formt den unerbittlichen Verlauf einer Tragödie die unter ihrer Wucht alles mitreißt, was sich ihr in den Weg stellen könnte, um uns am Ende erst einmal mit unerlöstem Krachen ins Nichts, in ein emotionales Vakuum, zu entlassen.

Für die hochkomplexe Aufführung steht ein angemessenes bis ausgezeichnetes Sängerensemble zur Verfügung. Engagiert bewegt sich das gesamte Aufgebot des dienenden Personals durch die Aufführung, deren ritualisierte und choreographierte Handlungen mitunter aber leider sehr ‘auswendiggelernt und abgeliefert’ wirken.Die Eindrücke der Herren Günter Neumann und Markus Marquardt als Orest und Aegist bleiben hintere denen, die Nancy Gustafson als Chrysothemis, Renate Behle als Klytämnestra und vor allem Gabriele Schnaut in der Titelpartie hinterlassen, zurück. Gabriele Schnaut entfacht hochdramatischen Furor, bleibt in permanenter Hochspannung und ungebrochener Klangfülle bis zum Finale. Ihre Stimme hat viel Wärme, auch expressive Töne bleiben gerundet, hier wird gesungen und nicht deklamiert. Gleiches lässt sich von Nancy Gustafson sagen, deren heller und klarer Sopran sich aber mitunter in den Klangmassen des Orchesters auflöst. Auch die Partie der Klytämnestra wird von Renate Behle gesungen, dabei besticht sie mit der Klarheit ihrer Diktion und wirkt trotz kranker Leber und schrecklichen Alpträumen, von denen sie singt, recht jugendlich.


Und weil zur Verblüffung oder zur Verwunderung aus der düsteren Elektramusik auch immer wieder sehr helle und versöhnliche Klänge rinnen, ja fast schon Hauchzeichen dessen, was dann im Rosenkavalier aufblühen wird, folgt der Tragödie zum Finale des Strauss Festes auch jene Komödie für Musik.


Dresdner Festtage - Richard Strauss
Gabriele Schnaut, Elektra Renate Behle, Klytämnestra Gabriele Schnaut, Elektra

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresdner Festtage - Richard Strauss: Richard Strauss, Elektra

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Peter Schneider (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Ruth Berghaus (Regie), Günter Neuhold (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Gabriele Schnaut (Solist Gesang), Renate Behle (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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