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Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

La Gruberova singt Bellinis letzte Oper in Dresden

Wo ist Beatrice?

„Beatrice di Tenda”, Bellinis vorletzte Oper, erfreut sich nicht gerade eines lebendigen Bühnenlebens. Das Werk, das um eine Viererkonstellation von Macht, Liebe und Verrat kreist, findet meist nur Interesse, wenn eine Künstlerin des Belcanto sich für die Titelpartie erwärmt. Eine von ihnen ist Edita Gruberova, die die Oper nun zum wiederholten Male konzertant aufführt. Diesmal in der Dresdner Semperoper.

Belcanto-Event mit Gesangsstar

Es sind Anlässe, bei denen das Publikum gerne feiert: die Sängerin mit dem Attribut Weltstar – und irgendwie auch sich selbst. Adorno wusste es bereits. Dass Edita Gruberova die große Karriere im Heimatland des italienischen Belcanto versagt blieb, wen interessiert das an diesem Abend? Doch dass dem so ist, ist kein Zufall. Ihre Sprachbehandlung und Artikulation ist abenteuerlich, Konsonanten scheint es über weite Stecken ebenso wenig zu geben wie einen Textinhalt. Alles ist der Formung und dem Spiel mit den Notenwerten und Phrasierungen unterworfen. Schon die ersten wenigen Rezitativsätze werden verklärt, gewendet, klingen nach einem Entrückungszustand, so als setze sie zu einer finalen Wahnsinnsszene an. Doch nichts davon im Text, ganz im Gegenteil: es geht ums Aufatmen, um ein Gefühl momentaner Befreiung. So geht es unter dem Beifall des Publikums weiter: kaum eine Note, kaum eine Phrase die nicht musikalisch gewendet wird, durch mehrere Dynamikebenen geht, anschwillt, abebbt. Bellini besteht aus Vokalen, könnte man meinen, während die Gruberova bei jeder noch so bedeutungslosen Zeile das Kinn nach oben nimmt und den Blick noch höher. Aus diesem Mund, aus dieser Kehle strömt Kunst. Jede Geste, jeder Atemzug bedeutet das dem Publikum.

Kein Manierismus, keine vokale Freiheit, kein Kunststück wird ausgelassen. Wieso einen Charakter zeichnen, entwickeln, steigern – wenn er gleich in jenem Belcanto-Klischee-Zustand sonnambulen Wahnsinns gelegt werden kann? Ob Maria Stuarda, eine Elisabetta oder eine Elvira – es gibt keine Rollenidividualitäten mehr bei der Gruberova. Vor 20 Jahren, als sie in Wien eine tragische Maria Stuarda sang oder in Bregenz in den „Puritani“ durch Gefühls- und Sinneszustände wandelte, war das noch anders. Heut scheinen ihre Belcanto-Figuren die selben Geschichten, die selben Leiden, die selben Zustände zu durchsingen. Die Libretti taugen angeblich ja nichts. Bellinis Beatrice, so wie sie einst die Gencer, die Sutherland oder später die Negri, die Gulin oder die Nicolseco sangen und wie die Devia sie immer noch singt, das hat hier in der Gruberova-Technik-Show wenig zu suchen.

Ja, die Gruberova kann das technisch, das ist stupend, sicherlich (auch wenn nicht mehr alles so sicher klappt). Und diese Höhenpiani? Einmalig. Natürlich, sie kann technisch fast alles. Immer wieder schwillt es in höchster Höhe an, fast unhörbare Piani folgen, da eine Roulade, da ein Vorschlag, wieder ein Piano, Verzierung inklusive, eine Koloraturkette noch – und dann darf der Dirigent die Coda der Arie einleiten. Natürlich mit darüber gelegten Finalton der Gruberova. Bravo, tönt es von überall. Bellini ist tot, es lebe die Gruberova. Was für ein Event in der Semperoper. Seit ihrem Besuch an der Met hat die Dame hinter mir so etwas nicht mehr erlebt, sagt sie zu ihrer Nachbarin und fügt hinzu: aber besser angezogen war das Publikum da auch nicht.

Worum ging es gleich noch mal in der Arie? In „Beatrice di Tenda“? Es bleibt unwichtig, den ganz Abend über. Hauptsache die Gruberova führt ihre Künste vor. Stehende Ovationen bereits zur Pause, man ist begeistert. Dass sie im großen Duett mit Paolo Gavanelli, wenn sie die Tiefe bedienen und kräftig dagegenhalten muss, Probleme mit der Kraft hat und der Ausdruck überhaupt nichts mit der Situation zu tun hat, dass sie schlichtweg nicht dagegenhalten kann, das ist für das Publikum uninteressant. Überhaupt Stilistik? Ist das wichtig?

Und dann doch: Belcanto-Oper

Wer die Opern des Belcanto liebt, so wie ihn die Aufnahmen der Vergangenheit in ihren besten Momenten festgehalten haben, als lebendige, spannungsgeladene, spontane, manchmal überdrehte, jedoch immer emotional reiche Abende, der findet bei Roberto Rizzi Brignoli am Pult der famos aufspielenden Sächsischen Staatskapelle seinen Ersatz. Roberto Rizzi Brignoli geht gleich in die Vollen. Martialisch der Beginn, variable Pizzicato-Figuren folgen, lebendig atmen die Phrasierungen der Melodien im Holz. Raffinesse der Variabilität. Dramatisch dreinfahrend die knappe Coda des kurzen Vorspiels. Die Szene ist bereitet für diese konzertante Aufführung. Theatralik geht an diesem Abend ganz klar vom Dirigenten aus, er setzt die Akzente, er erzählt eine Geschichte, er zeigt Entwicklungen auf und er zeigt, dass Bellinis Partitur alles andere als der x-te Aufguss der ewiggleichen Oper ist. Sein Umgang mit der Agogik, mit federnden Begleitfiguren, mit den Einwürfen der Bläser ist stilistisch genau auf den Punkt gebracht. Er atmet mit, entlockt dem Orchesterapparat packende Effekte, inszeniert präzise und melodiefreudig, gestalte plastisch die Nachspiele der Nummern. Ihm gelingt auch der Zusammenhang der Einzelteile und ein überzeugender Spannungsbogen in den weit gefassten Aktfinals. Das hat eine Qualität, die man nicht oft erleben darf. Und das reißt mit.

Paolo Gavanelli hat als Filippo einen guten Premierenabend erwischt. Seine Legato-Kultur kann zur vollen Geltung kommen und über leichte Brüchigkeiten zu Beginn geschickt hinweghelfen. Auch er zelebriert die Kunst des Ausdrucksgesanges – jedoch stets im Bezug zum Text und der dramatischen Szene. Seine große Szene und Arie im zweiten Akt wird der heimliche Höhepunkt der Aufführung: ein prägnantes Rezitativ, ein gefühlvoll vorgetragenes Adagio und dann die Phrasierungen des leidenden Bösewichts, gemeinsam mit den Vorgängen im Orchester entwickelt. Klarheit der Linie, Kultur des Legatos. Abgeschlossen mit einer Stretta, die Kraft aus der rhythmisch-federnden Struktur bezieht, gelungene Registersprünge. Die Gesangstechnik im Dienste des Ausdrucks. Belcanto. Gavanelli ist stets in Interaktion, hört auf seine mitsingenden Kollegen.

Von diesen hat Raúl Hernandez als Orombello eine feine, kleine Stimme mit edlem Timbre und kultiviertem Stimmansatz. Doch er ist mehr ein tenore leggiero, denn einer, der auch lyrisch-dramatische Szenen zu gestalten versteht. Seine Forte hat fast stählernen Charakter, doch in der Höhe, die sicher klingt (auch wenn sie mehr erarbeitet ist, denn frei strömend),  neigt er zur Verengung und zum Nachdrücken. Letzteres muss er leider, da seine Stimme nur beschränkt ins Auditorium projiziert. Kyung-Hae Kang hat als Agnese einige schöne Momente, deutet auch an, dass sie verstanden hat, wie diese undankbare Partie anzugehen ist, doch ihr fehlt es dann letztlich an Erfahrung und Persönlichkeit, um sich in den Ensembles durchzusetzen. Wookyung Kim muss sich leider mit der kleinen Partie des Anichino begnügen, die außer tenoraler Stütze in den Ensembles kaum etwas beitragen darf. Ihn hätte man gerne als Orombello gehört.

Erst die unschuldige Büßerin des Finales passt zur Tonfarbe der Gruberova. Hier kann sie entrückt um Gottes Kraft bitten und sich den Weg in die Hinrichtung besingen. Der letzte Ton ist noch nicht verklungen, schon nimmt die Gruberova, die niemals authentisch in ihrer Rolle war, lächelnd den Beifall entgegen. Sängerinnen, die sich in ihren Charakter steigern, sehen nach solchen Partien anders aus.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Bellini: Beatrice di Tenda: konzertante Aufführung

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Vincenzo Bellini

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Edita Gruberova (Solist Gesang), Paolo Gavanelli (Solist Gesang), Raúl Hernández (Solist Gesang), Kyung-Hae Kang (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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