> > > > > 19.03.2007
Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

“Capriccio“ im Dresdner Strauss-Marathon

Musik contra Langeweile

Die Fans sind hart. Sie sind treu und halten durch. Auch der siebte Abend im Dresdner Strauss-Marathon ist ausverkauft. Es gibt ‘Capriccio’ für die Einen, wie Eckhard Henscheid in seinem alternativen Opernführer, ‘die widerlichste Oper’, ‘suizidfördernd’ und höchstens zu hören, wenn man überhaupt nichts mehr wolle, für die Anderen höchster musikalischer Komödienton, vergeistigt, verfeinert, intelligent und – man staune – unterhaltsam. Henscheid könnte zu seinem Urteil nach Kenntnisnahme der Dresdner Inszenierung gekommen sein, die Vertreter der anderen Meinung dürften diese nie gesehen haben.

Dass es in diesem Konversationsstück für Musik aus dem Jahre 1942 darum gehen könnte, Kunst gegen Barbarei zu setzten, kann Marco Arturo Marellis Inszenierung von 1993 auch an diesem Festspielabend nicht vermitteln. Sogar das Programmheft bezeichnet das Werk ‘als Dokument ästhetischer Opposition gegen den Ungeist seiner Entstehungszeit’.


Auf der Bühne der Semperoper kämpft die Langeweile gegen die Musik. Den Figuren wurde so gut wie alles Leben ausgetrieben, dafür tragen sie Kostüme im Rokokodesign durch einen Raum, der entweder als schnell und billig eingerichtetes Finanzinstitut im Osten nach der Wende diente oder als Eingangsbereich eines nie gebauten Spaßbades gedacht war. Hier wird kein geistig blitzender Kampf ausgetragen und um die Frage nach der Vorherrschaft von Wort oder Ton gerungen, hier bleiben die tragischen Töne weit weg, die jene Gesellschaft umfloren, die in ein scheinbar von der Umwelt verschontes Idyll aus Abgeschiedenheit und Ästhetizismus geflohen ist und dabei in Gefahr ist, Schein und Sein zu verwechseln.


Unter der Leitung von Peter Schneider wird gediegen musiziert. Wunderbar erklingt das einleitende Streichsextett, Durchsichtigkeit gibt es in den kammermusikalischen Passagen, viel Freude an den Zitaten der eigenen und der fremden Einfälle, heiteres Pathos, leichtfüßige Lyrik und nächtlich schimmernde Klangbilder in der Mondscheinmusik zum Finale. Im Sängerensemble tragen Anke Vondung als Clairon und Soile Isokoski als Gräfin den Sieg davon. Gefolgt von Olaf Bär als Graf mit klarer Diktion und Wookyung Kim als überdrehter Italotenor. Die Herren Jan-Hendrik Rootering als Theaterdirektor La Roche, Markus Butter als Dichter Olivier und Martin Homrich als Musiker Flamand können da nicht ganz mithalten, sie verbreiten eher Ruhe als die Aufgeregtheit eines Streites, von erotischen Verwirrungen der beiden jungen Herren ganz zu schweigen. Die Talente sind vorhanden, es fehlt nur die Hilfe durch einen Regisseur den Protagonisten zu authentischer Auffassung und Darstellung ihrer Figuren zu helfen.  

In den beiden kleinen Partien der italienischen Sängerin und des Souffleurs Taupe, Roxana Incontrera und Tom Martinsen. Sophie Beever ist die junge Tänzerin. Von besonderer Schönheit und stark in der Berührung wieder Hajo Müller, der Haushofmeister. Müller war mal ein stattlicher Wotan. Jetzt geht der sehr hohe, alt gewordene, schlanke Sänger leicht gebeugt, langsam und vorsichtig am Stock. Am Ende schließt er den Vorhang, er tut es mit der Haltung, dass sich hier ein letzter Vorhang schließen könnte. Kurz hält er inne. Er fährt sich in kleiner Nachdenklichkeit mit der Hand vorsichtig übers Gesicht. Er blickt in den Spiegel, derselbe in den zuvor die Gräfin blickte. Erstaunen. Erschrecken. Ein Augenblick und die Wärme der Güte? Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod. Zwei mal vor dem Schlussakkord ferner Hörnerklang. Willkommen und Abschied.


Dresdner Festtage - Richard Strauss
Szenenfoto "Capriccio", Regie: Marco Marelli, Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli Szenenfoto "Capriccio", Regie: Marco Marelli, Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli Szenenfoto "Capriccio", Regie: Marco Marelli, Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresdner Festtage - Richard Strauss: Richard Strauss, Capriccio

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Peter Schneider (Dirigent), Marco Arturo Marelli (Inszenierung), Roxana Incontrera (Solist Gesang), Martin Homrich (Solist Gesang), Markus Butter (Solist Gesang), Jan-Hendrik Rootering (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Olaf Bär (Solist Gesang), Soile Isokoski (Solist Gesang), Anke Vondung (Solist Gesang), Tom Martinsen (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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