> > > > > 10.07.2007
Freitag, 19. August 2022

Giacomo Puccini

Puccinis

Nippon als Disneyland

Man muss den Mut der Südfranzosen bewundern: Noch eine halbe Stunde vor dem Beginn von Puccinis ‘Madama Butterfly’ lag eine Regenbank über dem Römertheater von Orange. Mit einer Viertelstunde Verspätung wagten die Organisatoren den Beginn und gewannen das Risiko. In diesem Sommer, der bislang auch im Midi Frankreichs keiner ist, gibt es dann noch den ‘Troubadour’. Für 2008 steht bei den ‘Chorégies’ von Orange zwar ‘nur’ wieder einmal eine ‘Carmen’ unter Michel Plasson (mit Béatrice Uria Monzon und Marco Alvarez) an; aber mit einer chinesischen Zweitbesetzung aus einer Kooperation mit der Oper von Schanghai (mit Ning Liang und Zhang Jianyi) beweist man in Orange ungewöhnlichen Zusammenarbeits-Mut.

Die Hartherzigkeit des amerikanischen Ehepaars Pinkerton der Geisha Cio-Cio-San gegenüber ist so abweisend-kalt wie das derzeitige Mistral-Wetter um das 2.000 Jahre alte Römertheater. Aus Puccinis aus diesem Kulturcrash gefertigter Liebestragödie ‘Madama Butterfly’ machte die Leiterin der Opéra Péniche an der Pariser Opéra Comique, Mireille Larroche, in ihrer Chorégies-Inszenierung ein stark symbolhaltiges, optisch griffiges, aber durchaus auch emotional anrührendes Spektakel. Die Gratwanderung zwischen Bilderbuch-Fernost und Emotionalisierung gelang Larroche außerordentlich gut, ohne dass sie ins Rührselige oder Kitschige abgeglitten wäre.

Die Pariser Regisseurin verstand sich mit weit auseinander gezogener Statisterie auf die hundert Meter Szenenbreite vor der ‘Grand Mûr’ des Chorégies-Römertheaters: Japanische Bauern, Familienclans mit Karate kämpfenden Kindern und ein ganzer Zug von Marinesoldaten Pinkterons füllten die Räume in warm beleuchteter Lichttönung. Mit später von innen beleuchteten Mini-Holzhäusern war Nagasaki angedeutet: Nippon als Disneyland.

Aber nicht nur: Die Ausstattung von Guy-Claude François gab mit Anleihen bei fernöstlicher Symbolik wesentlich mehr her als bloße Postkartenidylle. Etwa das Erglühen der riesigen Gongscheibe zu Bonzos Verfluchung der Geisha oder die Abnabelung ihres Sohnes vor dem Verzicht auf ihn mit dem aus dem Nabelband fallenden Mikado-Dolch. Die Selbsttötung der ‘Heldin’ geriet zur berührenden Sakralhandlung. Manches wirkte etwas verspielt wie das An- und Ausziehen des Kindes. Zuweilen verliebte sich die Regisseurin aus Paris (und einstige Ariane-Mnouchkine-Mitarbeiterin) Larroche in ihre eigenen Bilder und entging dann nicht ganz der Komik, wenn der Mistralwind den Kirschblütenzauber bis vor die Augustusstatue des Römertheaters hoch wirbelte. Aber viele Aperçus wie das Herumführen von Cio-Cio-Sans Sohn auf der Ballustrade des Orchestre de la Suisse Romande waren einfach stimmige ‘Oper zum Anfassen’ vor den 8.000 am Ende begeisterten Zuschauern und Hörern.   

Am Erfolg der meteorologisch ‘kalten’ Puccini-Abende hatte das unter dem Japaner Yutaka Sado feinziseliert und kultiviert aufspielende Orchestre de la Suisse Romande aus Genf den vielleicht größten Anteil. Sado machte keine lauthals passionierte Oper aus der Liebestragödie der Cio-Cio-San. Sondern erspürte ihren atmosphärischen Zauber, suchte und fand elastisch feine Zwischentöne, tönte pastellen ab, gab Raum für bedächtig minutiöse Schilderungen vor dem mächtigem Auftrumpfen.

Ganz in dieser Konzeption führte die Chilenin Veronica Villarroel ihren stabil gerundeten Sopran in der Titelrolle feinsinnig und inbrünstig; aus klangvoller Tiefe strahlte sie in der Höhe im dritten Akt dann leidenschaftlich aus. Auch der anfänglich etwas flache, wenig emphatische und im Parlando eher beiläufige Marco Berti ging als Pinkerton mehr und mehr aus sich heraus und setzte dann wirkungsvolle Belcanto-Akzente.

Klangvoll, nicht gerade wuchtig sang Anthony Michaels-Moore den Konsul Sharpless, dem er zusehends an stimmlicher Wärme verlieh. Nicht schneidend genug kamen die Verfluchungen Onkel Bonzos durch Wojtek Smilek. Mit satter Tiefe stattete Julia Gertsewa die Dienerin Suzuki aus, in klangvoller Beweglichkeit Gilles Ragon den Goro und in weicher Klangfülle warb der Yamadori von Paul Kong um Cio-Cio-San. Mit leisen Tönen gewagt und in starker Authentizität gewonnen, kann man als Fazit den diesjährigen Fernost-Puccini von Orange resümieren.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Nippon als Disneyland: Puccinis "Butterfly" im Römertheater von Orange

Ort: Chorégies d'Orange,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Yutaka Sado (Dirigent), Orchestre de la Suisse Romande (Orchester), Marco Berti (Solist Gesang), Veronica Villarroel (Solist Gesang), Anthony Micheals-Moore (Solist Gesang), Julia Gertseva (Solist Gesang), Paul Kong (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Chorégies d'Orange

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