> > > > > 09.02.2007
Samstag, 22. Januar 2022

Johannes-Passion

Gott ist mächtig sauer

Aus Anlass des 250. Todestages Bachs beauftragte die Internationale Bachakademie Stuttgart vier Komponisten mit der Neuvertonung der Passionen der vier Evangelien. Sofia Gubaidulina übernahm das Johannesevangelium. Von den vier Evangelien erzählt es am wenigsten die Geschichte des Messias. Das Verhältnis hat sich, wie auch die Gestalt Jesus in der katholischen und evangelischen Kirchentradition, verkehrt: Jesus ist bloßes Werkzeug einer theologischen Intention. Ihre ,Johannes-Passion’ setzte Sofia Gubaidulina mit ,Johannes-Ostern’ fort. Beide Werke bilden eine Einheit und erklangen jetzt an zwei Tagen hintereinander in der Dresdner Frauenkirche zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens.

Sofia Gubaidulina montierte ihre umgestellte und gekürzte Textfassung des Evangeliums mit der Offenbarung des selben Autors. Für sie stellt sich die ,Evangeliengeschichte als horizontale Zeit dar und dazu expressiv die Offenbarung des Johannes als Vertikale’. Vielleicht wurde sie hier von der speziellen Relativitätstheorie inspiriert: im Minkowskiraum bewegt sich ,die Zeit’ in verschiedene Richtungen. Jedenfalls war die Dresdner Aufführung die erste in deutscher Sprache. Das ging allerdings weitgehend unter, der Text war größtenteils unverständlich. Die Frauenkirche stellt mit ihrer langen Nachhallzeit extreme Anforderungen an die Interpreten. Die Solisten mussten besonders leiden. Wie ein großer Schwamm saugte der Raum jeden einzelnen Ton des Sängerquartetts auf. Einzig der Bass Nicholas Isherwood, dem mit dem Evangeliumstext die größte Partie übertragen war, überwand mit beeindruckender Präsenz den Widerstand des Raums. Isherwood ging in seinen Rollen (er sang den Evangelisten, die Jünger, Jesus usw.) vollkommen auf. Lobende Erwähnung verdient auch der Kammerchor der Musikhochschule Trossingen und hier gerade die Soprane. 

Die ,Johannes-Passion’ vermochte musikalisch nicht wirklich zu beeindrucken. Man spürte, welche Bedeutung der Glauben für Sofia Gubaidulina hat, insofern war das Werk authentisch. Das Werk war weitgehend tonal gehalten, gefällig und ohne eigene unverwechselbare Sprache. Es gab einige klanglich interessante Stellen, wie die Antiphone zu Beginn, aber hier wie oft auch anderswo wurde zu lange an einer musikalischen Idee festgehalten und die Spannung riss ab. Der Schluss der ,Johannes-Passion’, hier ,die sieben Schalen des Zorns’ aus der Offenbarung, war gebraut aus den Schalen der Theatralik, des naiven Glaubens und des monumentalen Effekts. Unten tobten Chor und Orchester, von oben polterte ein mächtig saurer Gott in der Orgel. Ganz zum Schluss, anstelle des Applauses, erklang die Friedensglocke – die nun wie eine Zornesglocke wirkte.

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Kritik von Patrick Beck



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Konzerte in der Frauenkirche: Passion & Auferstehung Jesu Christi nach Johannes

Ort: Frauenkirche,

Werke von: Sofia Gubaidulina

Mitwirkende: Gächinger Kantorei Stuttgart (Chor), Helmuth Rilling (Dirigent), Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (Orchester), Corby Welch (Solist Gesang), Bernd Valentin (Solist Gesang), Nicholas Isherwood (Solist Gesang)

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