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Mittwoch, 21. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Marcus Bosch debütiert in Dresden

Noch ein Höhepunkt zum Jahresende

Die Sächsische Staatskapelle spielt bislang eine fantastische Saison. Vielleicht ist es die Herausforderung in der Zeit ohne Chefdirigenten – Fabio Luisi wir das Orchester erst ab der nächsten Spielzeit übernehmen -, die das Orchester so beflügelt. Von der Tatsache, dass es in dieser Konzersaison mit 20 (!) Dirigenten eine ungewohnte Fülle an dirigentischen Handschriften gibt, scheint sich das Orchester inspirieren zu lassen.

Zwei Tage vor Heilig Abend musizierte man erstmals mit dem viel gelobten Aachener Generalmusikdirektor Marcus Bosch. Für sein Kapell-Debüt hatte dieser sich zwei Werke des einstigen Dresdner Hofkapellmeisters Richard Wagner und die erste Sinfonie von Anton Bruckner ausgewählt.

Wagner exemplarisch

Mit scheinbar leichter Hand inszenierter Marcus Bosch zu Beginn ein locker, luftiges ‚Siegfried-Idyll’, mit klarem melodischen Fluss, markanten dynamischen Bögen und immer wieder geradezu tänzerischen Passagen (Oboe). Ein Fest die klaren, homogen in die kammermusikalisch-leise Grundauffassung integrierten Bläsersoli, die immer wieder in die Nähe volksliedhafter Einfachheit kamen. Belebend die feine Ausformung des Spiels von kleinen crescendi und decrescedi, die gelegentlich selten so deutlich zu hörende Bezüge offen legten, wie etwa zur Johannistagsmusik aus den ‚Meisersingern’ in den Streicherläufen. In der Transparenz der Interpretation und des geschickten dramaturgischen Aufbaus, den Bosch mit den Kapellmusikern ohne Pathos und ohne romantischen Weichzeichner zu entwerefn wusste, wies das deutlich auf die Verwandtschaft zu Liszts Tondichtungen hin und selbst schon auf die entsprechenden Versuche des jungen Richard Strauss voraus.

Es folgten Wagners fünf ‚Wesendonck-Lieder’ in der Instrumentierung von Andreas N. Tarkmann aus dem Jahre 2003, die der gängigen Orchesterfassung von Felix Mottl ein transparenteres, geschärftes und weniger schwergewichtiges Klangbild entgegensetzt. Marcus Bosch greift diesen Gedanken einer Entschlackung auf und gewinnt der Kammerbesetzung große Lebendigkeit in der farbigen Ausgestaltung ab. Die Lieder werden zu komplexen Miniaturen, in die die Singstimme untrennbar verwoben ist. Anke Vondung verleiht dieser mit dem Färbungsspiel und der sinnlichen Leuchtkraft ihres Mezzosoprans Persönlichkeit, die im ’Stehe still!’ Autoritäre Größe erlangt. Anke Vondung ist eine vorzügliche Liedgestalterin, das hat sie in Dresden nun schon mehrmals zeigen können. Das ‚Treibhaus’ wird bei ihr zur wunderbar empfindsamen piano-Studie, mit belebender Höhe, persönlich im Ausdruck, intim in der Wirkung. Ihr gelingt dieses Stück als Lied über die Schönheit der Melancholie, kein falsches Opernpathos stört hier die atmosphärische Tiefe. Eine Interpretation, wie sie selten zu erleben ist. Mit dramatischer, risikoreicher Stimmöffnung gibt sie sich dann den Versen der ‚Schmerzen’ hin, ergreifend in der Direktheit ihrer expressiven Gestaltung. Eine Intensität, die sie in die abschließenden ‚Träume’ mit hinüber nimmt, um dort ohne Überbetonung mit feinen Differenzierungen die weiten Phrasierungen strömen zu lassen. Wenn diese exemplarische Interpretation überhaupt einen Wunsch offen lässt, so ist es der nach einem insgesamt etwas größeren Stimmvolumen der Vondung.

 

Gebändigter, moderner Bruckner

Nach der Pause dann Anton Bruckner selten im Konzertsaal zu hörende erste Sinfonie in der Linzer Erstfassung von 1865/66. Sie stellt in ihren ungewohnten Binnen-Proportionen und für die Zeit gewagten Harmonien besondere Herausforderungen an die Interpreten. Marcus Bosch begegnet dem zu nächst mit einem klaren Konzept der Strukturen. Exposition, Durchführungen, Finalbeschleunigungen, Stimmführung, all das ist klar zu verfolgen. Spannungen erzeugt er bereits mit dem konsequent ausgespielten crescendo des eröffnenden Marschthemas, dem wirkungsvolle terrassendynamische Effekte folgen. Die virtuosen, sicher intonierenden und flexibel reagierenden Bläser sind das Herzstück dieses ersten Satzes. Klang und Struktur erwachsen in dieser packenden Lesart auseinander heraus und so wird es zwar mitunter laut, jedoch nie lärmend. Geradezu aufmüpfig frech klingt das unter Bosch mitunter und mit energischem Nachdruck wird Bruckners Selbstbewusstheit in der Instrumentierung und Harmonik nicht nur in diesem Satz deutlich.

Wie Bosch dann im Adagio differenziert und zugleich mit klarem Ziel vor Augen durch die harmonische Entwicklung zum Hauptthema hinführt, zeigt dass eine konsequente analytische Arbeit dieser Interpretation vorausgegangen sein muss. Übersichtlich und fest geordnet breitet Bosch das musikalische Material aus ohne dabei den Zusammenhalt zu verlieren. Die stete Durchhörbarkeit des Orchestersatzes, die aktive Teilnahme von Neben- und Mittelstimmen an der Gestaltung schafft dialogische Momente, Binnenspannungen und formalen Zusammenhalt. Immer wieder faszinieren die Präzision und das Understatement mit dem Bosch und die Staatskapelle die Spannungsbögen entfalten. Das führt zu Passagen wunderbaren Pianospiels und scheinbarer Simplizität des Ausdrucks.

Markant, tänzerisch, rhythmisch akzentuiert dann das Scherzo, wild-wirbelnd im Spiel der Dynamik-Extreme, bevor im mit Bestimmtheit begonnenen Finalsatz die Klangballungen des tutti-Beginns auch hier vorübergehend in eine tänzerische Leichtigkeit münden. Das Blech setzt stechend präzise Akzente und dann beginnt das Wunder der bis in die Bass-Pizzicati hinein durchhörbaren Tutti-Stellen. Bruckners kontrapunktische Waghalsigkeiten erklingen in einer Stimm-Transparenz und -Balance, die nur ganz große Interpretationen möglich machen. Dabei entsteht ein Schwung der sich in der Finalsteigerung zum Furor steigert, dann mit präzisen Zurücknahmen erneut aufgeladen wird und schließlich mit noch gewaltigerer Schleuderkraft Abschied von den Gesetzen der Romantik zu nehmen. Ein Werk, das nach vorne blickt. Großer Jubel für Marcus Bosch und die Sächsische Staatskapelle. 

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Kritik von Uwe Schneider



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Sächsische Staatskapelle - 2. Aufführungsabend:

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner, Anton Bruckner

Mitwirkende: Marcus Bosch (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Anke Vondung (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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