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Freitag, 6. Dezember 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Strauss' ?Danae? im Dresdner Repertoirealltag

Besser als auf dem Papier

Richard Strauss? vorletzte Oper ?Die Liebe der Danae? (1945) gehört zwar zu den unbekannteren Werken des Komponisten, sicherlich aber nicht zu seinen schwächsten. Auch wenn der erste Zugang zu diesem humanistisch inspirierten, mythologisch-intellektuellen Spiel auf die Zeitumstände der Entstehungsjahre keinen leichten Zugang bieten mag, so wächst die Faszination an dieser Partitur, je besser man mit ihr vertraut wird. Strauss hat es seinem Publikum trotz groß-aufblühendem Orchesterklang und weiter Melodielinien nicht einfach gemacht.

Danae im Repertoirealltag ? eine angenehme Überraschung

In Dresden, wo man sich aus aufführungsgeschichtlicher Tradition dem Werk von Richard Strauss verpflichtet fühlt, kann man dieses Werk nun seit über einem Jahr in hochkarätigen Aufführungen erleben. Über die Premierenserie hatte klassik.com im November 2005 berichtet, dort findet sich auch eine ausführliche Kritik der Inszenierung des Teams Günter Krämer (Regie), Gisbert Jäkel (Bühne), Falk Bauer (Kostüme) und Jan Seeger (Licht).

Dabei hat das Stück inzwischen den Repertoirebetrieb und damit auch eine teilweise neue Besetzung der Hauptpartien erreicht. Das Inszenierungskonzept, so ist zunächst festzuhalten,  trägt noch immer. Optisch starke, stimmungsvolle Bilder voller Wärme, pointierte szenische Einfälle (wie die Königinnen in Badekostümen oder beim Eislauf, Merkur aus der Mittelloge singend) und eine Dramaturgie des Kreislaufs der Ereignisse, sorgen für die nötige Deutlichkeit beim Erzählen der Fabel. Ansätze zu politischen und philosophischen Deutungen des Werkes sind vorhanden, jedoch nicht konsequent zu Ende gedacht. All das ergibt für den, der sich darauf einlässt, einen reizvollen, anregenden Opernabend, nicht ohne szenische Sinnlichkeit und inhaltliche Tiefe.

Die neue Danae der Dezemberserie war Susan Anthony. Sie präsentierte sich in erstaunlich guter Verfassung, mit sicheren Registern und kluger Phrasierung der weitläufigen Gesangslinie ihrer Partie. Auch wenn ihr die sich frei entfaltende, silbrig strahlende Höhe ihrer Rollenvorgängerin fehlt, so wusste sie doch mit dem herben Aufblühen ihres Soprans in der oberen Stimmregion Eindruck zu machen. Die angenehmste Überraschung jedoch war ihr Umgang mit dem Text-Musik-Bezug der Partie, eine Qualität die der Künstlerin nicht in jeder ihrer Partien gegeben ist. Ihr gelang es, Danaes Verlangen und Entsagungskraft stimmlich wie szenisch glaubhaft darzustellen. Eine sehr respektable Darbietung, die, verglichen mit anderen Auftritten, aber auch von den Qualitätsschwankungen Susan Anthonys erzählt.

Donald Kaasch ist als Midas mehr Charakter-, denn Heldentenor. Als alternative Rollenauffassung zu seinem kraftvollen Vorgänger eine durchaus interessante Variante, auch wenn die Partie immer wieder Passagen kennt, die eine größere Durchschlagkraft verlangen. Doch Kaasch versteht es durchaus Spannung zu erzeugen, sich sicher in der obern Region seiner Partie zu bewegen und durch Charakterisierungskunst den erforderlichen, groß dahinströmenden Ton fast vergessen zu machen. Vor allem im letzten Akt hat das seine Stärken. Mit merklicher Hingabe stürzt er sich in seine anspruchsvolle Partie, stemmt sie phasenweise mehr, als dass er sich dem Schöngesang verschreiben würde, vergisst dabei jedoch niemals die Magie des Ausdruck.

Hans-Joachim Ketelsen, schon in der Premierenserie dabei, war einmal mehr den enormen Anforderungen des Jupiters gewachsen. Kraftvoll intonierend spannt er die weiten Bögen, mit zunehmender Interpretationstiefe gelingen ihm die großen Monologe und auch die stimmliche Farbgestaltung scheint noch einmal an Intensität gewonnen zu haben.

Umgeben waren diese drei Zentralfiguren vom hervorragend disponierten Dresdner Sängerensemble, aus dem die vier Königinnen einmal mehr angenehm individuell gestaltend herausstachen (Agnete Munk Rasmussen, Kyung-Hae Kang, Anke Vondung und Christa Mayer). Wunderbar die Sicherheit aller Beteiligten im rhythmisch vertrackten, großen Ensemble des ersten Aktes mit den klaren Stimmen der vier Könige (Timothy Oliver, Oliver Ringelhahn, Christoph Pohl und Jürgen Commichau). Roxana Incontrera stieg zuverlässig zu den Höhen der Xanthe auf, Martin Homrich beschränkte sich als Merkur leider zu sehr auf reine Vokalproduktion in nicht sonderlich attraktiv klingenden Mischregistern. Eine Zumutung allerdings ? und das sei mit aller Deutlichkeit gesagt! ? ist das nasal-quietschende, gepresste Geplärre von Douglas Nasrawi (Pollux). So eine Leistung gehört auf keine Bühne dieser Welt.

Am Pult stand in dieser Serie erstmals Johannes Fritzsch, in den Jahren um die Wende vielbeschäftigter Kapellmeister der Sächsischen Staatsoper, mittlerweile mit Chefpositionen in Nürnberg und Graz betraut. In den letzten Spielzeiten fiel er in Dresden eher durch die Belanglosigkeit seiner Dirigate im Repertoire auf, die ?Danae? jedoch gelang ihm vorzüglich. Fritzsch findet für die Partitur rasch einen großen, fast schwelgerischen Grundton, den er vor allem in den Klangfarben, aber auch in der dynamischen Entfaltung überzeugend zu variieren weiß. Auch wenn die letzten Finessen (noch?) fehlen mögen (wie im Goldregen oder den Strophen der Königinnen), so gelingt ihm über den Abend hinweg eine große dramatische Entwicklung. Die Balance der Stimmen klang selbst in den tutti-Passagen sehr ansprechend und klar geführt, stets wahrte er die Übersicht über die musikalischen Vorgänge und überzeugte mit der Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben.

Manchmal sind Aufführungen dann eben doch besser, als sie auf dem Papier aussehen. Und das ist für die Repertoireaufführung eines in der Realisierung so anspruchsvollen Werkes wie Richard Strauss? ?Danae? dann sogar noch mehr Lob, als für das Standardrepertoire. Wäre nur das Dresdner Opernpublikum neugieriger und zahlreicher erschienen, es müsste merken, welch großartiges Spätwerk des Münchners es da in gelungenen Aufführungen zu entdecken gibt.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Strauss: Die Liebe der Danae: Insz.: G.Krämer, Dirigent: J.Fritzsch

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Johannes Fritzsch (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Douglas Nasrawis (Solist Gesang), Martin Homrich (Solist Gesang), Roxana Incontrera (Solist Gesang), Jürgen Commichau (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), Oliver Ringelhahn (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang), Kyung-Hae Kang (Solist Gesang), Anke Vondung (Solist Gesang), Agnete Munk Rassumussen (Solist Gesang), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Donald Kaasch (Solist Gesang), Susan Anthony (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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