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Montag, 19. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Liederabend Angelika Kirchschlager, Helmut Deutsch

Weltstars in Dresden. Wo sind die Dresdner?

Ein denkwürdiger Abend. Angelika Kirchschlager und Helmut Deutsch geben in der Reihe ‘Liederabende mit Weltstars’ ihr Debüt in der Semperoper. Die Dresdner zögern. Das Interesse hält sich in Grenzen, Parkett und erster Rang nur besetzt, mit Lücken. Drei Ränge geschlossen! Glück für alle, die so in den Genuss kommen, die Plätze wechseln zu ‘müssen’ – Pech für alle, die nicht da sind. 
Im Gegensatz zu vergangenen Liederabenden ist die Atmosphäre intensiv, Konzentration breitet sich aus. Verständlichem weil begeistertem, aber dennoch störendem, Applaus nach ersten einzelnen Liedern wehrt die Künstlerin charmant und bestimmt ab. Es klappt. Gehustet wird sensibel. Frau Kirchschlager macht’s ja vor.

Überhaupt ihr Auftreten, ihre Erscheinung. Ein Star gewiss, aber nicht Kraft der Hochglanzseiten von Magazinen oder Klatschblättern. Die Ausstrahlung der attraktiven Frau mit der lässigen Eleganz so zeitgemäßer wie selbstverständlicher Weiblichkeit gründet in der Authentizität ihrer Wirkung. Natürliches Selbstbewusstsein siegt über eingeübtes Kalkül.   

Angelika Kirchschlager gehört seit 1993 zum Ensemble der Wiener Staatsoper. Anzutreffen ist sie auf den Opernbühnen und Konzertpodium rund um die Welt. Ihr Repertoire als Mezzosopranistin umfasst Partien bei Händel, Mozart, Strauss, Offenbach, und Debussy. Auch in Opern von Pfitzner, Puccini und Gounod ist sie erfolgreich. Eine Oper über Sophie Scholl ‘Sophie´s Choice’ von Nicolas Maw wurde für sie komponiert und in London vor einigen Jahren uraufgeführt. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang, ihre Discographie erstaunlich, weit spannt sich ihr Bogen stilistischer Möglichkeiten, von Bach bis Korngold und Mahler bis zu populären Aufnahmen wie ‘When Night Falls’, berührend gesungene Wiegenlieder.


Helmut Deutsch steht ganz oben auf der Liste so gesuchter wie geschätzter Pianisten, wenn es darum geht, Liederprogramme zu erarbeiten und aufzuführen. Von einem Begleiter zu sprechen ist unangemessen, einen Liederabend mit Helmut Deutsch zu geben bedeutet immer gemeinsames, gleichrangiges Musizieren, Geben und Nehmen, Halten und Lassen. Unwahrscheinlich, wie Helmut Deutsch es versteht, mitunter durch die wenigen Töne oder Taktes eines Nachklanges, uns erlöst zu entlassen oder das Feuer weiterführender Gedanken zu entfachen.           


Lieder von Robert Schumann und Franz Schubert standen auf dem Programm, und es wurde ein Abend des erfüllten Liedgesanges. Jedes Lied ein Klangbild, im Ganzen eine Galerie von Stimmungsbildern und Seelenlandschaften, für die die Sängerin jeweils Klangfarben und Abstufungen der Vermittlungsintensität zur Wahl hat, die uns hineinbitten, in das Labyrinth der Gefühlswege aus Worten und Melodien. Angelika Kirchschlager bezwingt nicht, sie überwältigt nicht, bei aller Intensität ihres makellosen Gesanges berührt sie niemals die Grenzen der Sentimentalität. Überrumpelungen sind ihre Sache nicht, sie muss nicht auftrumpfen oder dick auftragen. Groß ist ihre Kunst des Liedgesanges weil sie versteht Maß zu halten. Es sind die Nuancen, die Feinheiten ihres Singens, immer direkt zu sein, die Natürlichkeit der Tongebung zu bevorzugen, zartes Piano kann sie sich in allen Lagen erlauben, kräftige Töne und dramatische Passagen entstehen aus der Notwendigkeit des Zusammenklanges von Musik und Text, den man durchweg bestens versteht.    

 
Beide Teile des Liederabends folgen einer klugen Dramaturgie. Die Auswahl der Schubertlieder beginnt mit bewegtem Auftakt ‘Freisinn’, nach Goethe, über ‘Erstes Grün’ nach Kerner mit der Wandlung von Frühlingsfreude zur Andeutung unausgesprochenen Leides, das sich im Lied aus Geibels Spanischen Liebesliedern ‘Hoch, hoch sind die Berge’ fortsetzt und mit Mörikes ‘Die Soldatenbraut’ eine romantisch-ironische Brechung erfährt. Wieder zum Thema Sehnsucht und unerfüllte Liebe: Goethes ‘Liebeslied’, Mörikes ‘Das verlassene Mägdelein’ und Kerners ‘Stille Tränen’ bei dem die Sängerin so intensive Töne findet, dass sich das besungene ‘Wunderblau des Himmels’ um uns auszubreiten scheint.
Eine so ungewöhnliche wie dramatische Szene von surrealer Bildkraft ist Schumanns Lied ‘Die Löwenbraut’ nach Chamisso, der eine fiebernd aufwühlend gesungene ‘Lust der Sturmnacht’ nach Kerner folgt, dann Heines ‘Morgen steh ich auf und frage’ mit der Abkehr in schlaflose Träume und tägliches Tramwandeln. Der Weg führt über romantischen Naturtrost in Eichendorffs ‘Der Einsiedler’ zum abschließenden Abendlied Kinkels, dem die Sängerin jene Intensität zu geben vermag, dass wir die Stille hören, und spüren wo ‘der Engel Füße gehen’.

Franz Schubert gehört der zweite Teil, von ihm auch drei Zugaben, ‘Du bist die Ruh’, ‘Heideröslein’ und ‘Frühlingsglaube’. Wieder zu Beginn mit Goethe, ‘Auf dem See’ in eine Tag, Traum und Natursymbolik, dann die heitere Szene ‘Das Echo’ von Castelli. Mit ‘Des Mädchens Klage’ , wie später auch in den Liedern ‘Der Pilgrim’ und ‘Sehnsucht’ nach Schiller tauchen wir ein in die musikalische Bild- und Gefühlswelt der Winterreise, dazwischen mit Seidls ‘Bei dir allein’ und Goethes ‘Wiegenlied’ in die Zwischenwelten aus Wünschen und Schlummergefühl. Für das tiefromantische Nachtgefühl im ‘Lied des Florindo’ hat die Sängerin dunkle Töne voller Schmerz, die sie mitnimmt in Goethes ‘An den Mond’ um sie in lichtere Klänge aus Zuversicht und Hoffnung zu verwandeln und mit Schobers ‘An die Musik’ ihrem und unseren Dank an die heilsamste aller Künste schönsten Ausdruck zu geben. 


Die Dankesrosen an den Pianisten und die Sängerin zu überreichen lässt sich der Hausherr, Intendant Prof. Gerd Uecker, nicht nehmen. Seine Dankesworte und die Erwiderungen der Sängerin, die wir nicht hören können, sind intensiv. Etwa eine Einladung? Die Opernsängerin Angelika Kirchschlager würden wir gerne in Dresden hören und sehen.           

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: Liederabend Angelika Kirchschlager

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Franz Schubert, Robert Schumann

Mitwirkende: Angelika Kirchschlager (Solist Gesang), Helmut Deutsch (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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