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Montag, 19. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ben Heppner macht Station in Dresden

Wagner, klar und deutlich

Ein Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle machte es möglich, dass der kanadische Startenor Ben Heppner mit seiner aktuellen Wagner-Tournee auch in Dresdens Station machte. In der unverständlicherweise nicht ausverkauften Semperoper präsentierte er sein Programm, das unter dem Titel ‚Siegfrieds Leben’ Ausschnitte aus Wagner ‚Ring des Nibelungen’ enthält und bereits vor Kurzem vom Sänger mit der Sächsischen Staatskapelle für die CD festgehalten wurde. Dirigent damals wie jetzt: Peter Schneider.

Traumtenor und Wunderharfe

Ben Heppner ist eine Ausnahmeerscheinung. Gerade noch an der New Yorker Met als Mozarts Idomeneo erfolgreich, nun mit Siegmund und Siegfried in Deutschland unterwegs. Das spricht zunächst einmal für eine hervorragende Stimmtechnik - aber auch dafür, dass die Stimmkrise, mit der er vor einigen Jahren zu kämpfen hatte, längst überwunden und vergessen ist. Nun, nach zwei hervorragenden Dresdner Liederabenden, präsentierte sich der Kanadier zum ersten Mal live mit der sächsischen „Wunderharfe“, wie Wagner selbst das Orchester einst bezeichnete.

Das Konzert begann irdisch. Ohne feine Pianoabstufungen zu suchen begann Peter Schneider die Konzertfassung von ‚Vorspiel und Liebestod’ aus ‚Tristan und Isolde’. Der ungewohnt im mezzoforte angesiedelte Beginn machte erst Sinn, als mit dem ‚Liebestod’ die leisen und leisesten Töne dazukamen. Die Entwicklung des ‚Mild und leise’-Motivs gewinnt dadurch an Herausgehobenheit und Eindringlichkeit. Eine clevere, ja mutige Variante der Interpretation, die durch das angezogene Tempo im Schlussteil noch an Stärke gewann. Was Schneider vor allem kann, ist die Musik in Bewegung zu setzen und im Fluss zu halten. Er formt vor allem immer wieder im dynamischen Bereich und in der klugen Tempowahl (‚Trauermarsch’ aus der ‚Götterdämmerung’). Hier kommen Erfahrung und auch Routine zum Tragen. Wie Peter Schneider den ganzen Abend über hinweg die Stimmbalance inszeniert, die Phrasen strukturiert und selbst in den Tutti-Passagen für größtmögliche Transparenz sorgt, ohne sich in selbstdarstellerischen Klangexzessen zu verlieren, ist die ganz große ‚alte Schule’. Selbst in Lorin Maazels vordergründigem Arrangement von ‚Walkürenritt – Wotans Abschied - Feuerzauber’ aus der ‚Walküre’, das freilich mehr nach der Filmmusik zu ‚Star Wars’, denn Richard Wagner klingt, gelingt das.

Sobald Ben Heppner beteiligt ist, wird dieses im besten Sinne routinierte Orchestergeschehen – ohne an Eigenständigkeit oder Glanz zu verlieren - zum sicheren Fundament und Dialogpartner für den Sänger. Heppners Darbietungen sind tatsächlich Interpretationen, nicht einfach herunter gesungene Highlights. Das beginnt bei Heppners ungewöhnlich deutlicher Textverständlichkeit und klaren Artikulation, die so manchen deutschsprachigen Sänger neidisch machen könnte. Heppner kämpft nicht gegen das Orchester an, sondern ist erfahren und intelligent genug, zu wissen, wie die Gesangslinie sich ins Gesamtgeschehen einzugliedern hat, um präsent zu bleiben. Das ist umso erstaunlicher, als Ben Heppner nicht unbedingt eine typische gestählte Heldentenorstimme mitbringt. Ganz im Gegenteil: sein heller, in Ansätzen fast lyrischer Tenor, gestaltet die Feinheiten, mischt die Stimmregister, wendet die Phrasen, kennt die richtigen Hebungen und die zu setzenden Akzente. Obwohl es ihm an Möglichkeiten eines kontrollierten Stimmvolumens nicht mangelt, sind es nicht die Kraftausbrüche des typischen Wagnertenors, sondern die Leichtigkeit des mit dem Lied erfahrenen Sängers, die das so überzeugend zu gestalten weiß. Nirgends ist das so augenfällig wie in Siegfrieds monologischen Szenen (‚Dass der mein Vater nicht ist’, ‚Noch einmal, liebes Vögelein’ und ‚Selige Öde auf sonniger Höh!’), die man wohl selten so präzise und zugleich eindringlich erzählend hören kann.

Dass Ben Heppner aber durchaus auch zu klugen, nachdrücklichen Ausbrüchen fähig ist und zu imponierend exponierten Tönen, zeigte er als Siegmund. Wie schon nach ‚Brünnhilde, heilige Braut’ (‚Götterdämmerung’) bringt er mit der Zugabe von ‚Siegmund heiß ich’ (‚Walküre’) das Haus vor Begeisterung zum Toben. Hier zeigt sich auch, wie schon zu Beginn des Konzertes (‚Ein Schwert verhieß mir der Vater’ und ‚Winterstürme wichen dem Wonnemond’, beides aus der ‚Walküre’), dass Heppner über ein hervorragend projizierendes Tiefenregister verfügt, das nicht erkämpft klingt, sondern in der Intensität der Tonproduktion in seine Gestaltungskraft integriert ist.

In Dresden würde man Ben Heppner, den derzeit vielleicht komplettesten Wagnertenor, bald in einer ganzen Partie auf der Bühne erleben. Der Tradition des Hauses und der Qualität des Orchesters wäre das allemal angemessen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Sonderkonzert: Ben Heppner: Ausschnitte aus "Ring des Nibelungen"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Peter Schneider (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Ben Heppner (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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