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Montag, 14. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ein Klangfest in Dresden

Hört her, wir sind´s, so klingt „Nabucco“

Am Abend zuvor, zur Premiere ‘Hänsel und Gretel’ hing der Haussegen schief in der Dresdner Semperoper. Michael Hofstetter und die Staatskapelle konnten gar nicht zusammenkommen, der Graben war wohl zu tief. Unverständlich. Dabei dürfte doch gerade dieses Orchester prädestiniert sein Humperdincks Partitur zum Klingen zu bringen. Fließen hier doch die besten romantischen Traditionen zusammen. Man kennt sich aus bei Wagner und seinen Nachfolgern. Einen Tag später nur, in einer Repertoirevorstellung, breiten sich Glanz und Segen pur aus in der Sächsischen Staatsoper.


Seit 1996 steht Verdis ‘Nabucco’ in einer Inszenierung von Peter Konwitschny auf dem Spielplan. Konwitschnys Modernisierung des Werkes wurde seinerzeit kontrovers aufgenommen. Noch immer verunsichert seine aktualisierte Sicht auf die Konflikte des Volkes Israel mit dem Babylonierkönig gehörig. Letztlich aber ist der provozierte Widerspruch produktiv, führt er doch in eine politische, religiös verbrämte Gemengelage, durch die sich zudem persönliche und erotische Beziehungsstränge winden, und den daraus entstehenden Konflikten, deren tödliche Unlösbarkeit jeden einigermaßen sensiblen Zeitgenossen betroffen macht.


Die 29. Aufführung seit der Premiere wird ein großer Abend. Als wollten die Mitglieder der Staatskapelle zu verstehen geben, hört her, wir sind´s, werfen sie sich voll hinein in den noch recht ungestümen musikalischen Ausbruch Giuseppe Verdis. Herrlich die schmetternden Einsätze der Banda, die kämpferischen Kaskaden des Orchesters und die glutvollen Passagen der Streicher. Die Gruppen der Instrumente können gegeneinander auftrumpfen um dann wieder in der den Dresdnern eigenen Eleganz groß aufblühender Klangflächen die Gemeinsamkeit zelebrieren.                    
Natürlich hat ein solcher Abend viel mit dem Dirigenten zu tun. Marko Letonja tritt zum ersten Mal ans Pult der Staatskapelle und es beginnt zu knistern. Da geht ein Dirigent ans Werk, der weiß was er will. Seine Gesten sind knapp aber genau. Er spürt das dieses Orchester bereit ist Feuer, Verzweiflung, schönste Kantilenen, den mächtigen Ausbruch, knisterndes Flackern und leidenschaftliches Glühen zu entfachen. Im gegenseitigen Geben und Nehmen entsteht Spannung von der ersten bis zur letzten Minute in einem Werk das nicht zu Verdis dramaturgisch geschicktesten gehört. Vorzüglich das Zusammenspiel mit dem fulminanten Chor in den mitreißenden Ensembleszenen, und dann, tausendmal gehört, ‘Va pensiero, sull´ ali dorate’ – der Gefangenenchor – unsentimental doch berührend mit einem Piano des ganzen Chores am Ende das erschauern lässt.

Die enorm fordernden Hauptpartien sind glänzend besetzt. Paolo Gavanelli als Nabucco überzeugt durch die Kraft seiner Gestaltung, grotesk ist sein Hochmut, tragisch sein Wahnsinn, erbarmungswürdig die Einsamkeit des Tyrannen. Wookyung Kim als Ismaele ist erneut das Tenorglück der Semperoper. Immer neue Facetten bietet der junge Sänger, sein so jugendliches wie heldisch-lyrisches Strahlen gewinnt immer stärker an Kontur und Charakter. Voller Noblesse und hoheitsvoller, priesterlicher Unnahbarkeit singt und spielt Georg Zeppenfeld den Zaccaria. Sein Ton ist gerundet, dunkel ja, aber ohne Schwärze, die Helligkeit der Jugend bestimmt die reiche Scala seiner Farben, die es ihm ermöglichen der geforderten Reife der Figur Form und Klang zu geben. Und die wunderbaren Damen! Hasmik Papian als Abigaille kennt keine Furcht vor den Abgründen dieser Wahnsinnspartie. Sie nimmt uns mit auf eine Reise in ihre zerrissene Seelenlandschaft mit einer Veilzahl von betörend schönen und ebenso vielen mutig der Grundierung geschuldeten Verzweiflungstönen. Christa Mayer gibt der Fenena sehr herzliche, zerbrechliche Klänge. Ihr sinnlicher Mezzosopran hat Kraft und Wärme. Die Frauen überzeugen mit Temperament und Leidenschaft, vor allem stimmlicher Präsenz in allen Lagen. Mit Birgit Fandrey, Rainer Büsching, Gerald Hupach als Anna, Oberpriester und Abdallo ist das Nabucco-Ensemble einer Dresdner Repertoirevorstellung perfekt. Verdi und Dresden, das ist eine Tradition. Es ist aber, eine solche Aufführung beweist es, keine verklärende Rückschau, es ist eine Tatsache. Was die Zukunft der Italiener in Dresden angeht, ist das Fundament gelegt für schönste Visionen.  

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Dresden, Semperoper: Guiseppe Verdi, Nabucco

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Marko Letonja (Dirigent), Peter Konwitschny (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Gerald Hupach (Solist Gesang), Rainer Büsching (Solist Gesang), Birgit Fandrey (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Paolo Gavanelli (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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