> > > > > 31.10.2006
Dienstag, 9. August 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

‚Arabella’-Wiederaufnahme an der Semperoper

Die Sänger machen die Oper

Zu den besten Inszenierungen der Dresdner Semperoper gehörte sie noch nie, Hans Hollmanns ‚Arabella’ von 1992. In Hans Hoffers Bühnenraum mit platter Freud-Symbolik und den hitorisierenden Kostümen Monika von Zallingers spielt diese ‚Arabella’ irgendwo zwischen Fin de Siècle, Art Deco und dem, was das Produktionsteam als Freud’sche Männerphantasiesymbolik ausgemacht hat: eine überdimensionale rote Treppe, ein überdimensionales Schlüsselloch, mehrere sechs Meter hohe Pferdestatuen, nackte, nur als helle Silhouette wahrnehmbare Menschenfiguren und der gleichen mehr. Das alles läuft seit 1992 ins Leere, weil es nur ausgestellt wird, nicht aber in die recht harmlosen Personenarrangements mit einbezogen wird. Um welche Konflikte, um welche Zeitumstände es hier tatsächlich geht, erfährt man nicht. Hugo von Hofmannsthals lyrischer Komödie über eine vergangene Zeit, in der der Adel plötzlich die bürgerliche Komödie der Verkleidung spielt, fehlt bei Hollmann die dramatische Zuspitzung in der Umsetzung.

Erfahrung

So lebte diese Produktion seit Anbeginn an von ihren Protagonisten und dem Fabelklang der Sächsischen Staatskapelle. Höhen und Tiefen waren da naturgemäß in den Besetzungen zu erleben. Nun, zur Wiederaufnahme des Stücks für drei Herbstvorstellungen, singt Nancy Gustafson zum ersten Mal die Titelpartie in Dresden.

Seit über 20 Jahren ist sie eine international gefragte Sängerin; die Arabella hat sie unter anderem schon an der Mailänder Scala gegeben. Die Intensität ihres Vortrags ist bis heute ungebrochen. Doch sie ist keine jugendliche Arabella mehr. Fast schon etwas zu abgeklärt und reif entströmen ihr die Gefühlregungen der Partie. Das klingt mehr nach dem Wissenden  der erfahrenen Frau, als dem Abschied von der ‚Jungmädchenzeit’, von dem Hofmannsthals Text spricht. Trotzdem, die stimmliche Fülle und Entfaltung verfehlt ihre Wirkung nicht, dort wo es in der Höhe bereits zaghaft zu flattern beginnt, kann sie technisch gut abstützen, dort wo das Orchester zum mächtigen Dialogpartner wird, die weiten Strauss-Bögen entfalten und mit beseelten Klangfarben dagegenhalten. Ihre Text-Musik Handhabung ist vorbildlich und wird von ihrer darstellerischen Präsenz kongenial unterstützt.

Ereignis des Abends war jedoch der Mandryka Hans-Joachim Ketelsens, einem der wenigen Sänger auf der Bühne, der seit Beginn der Produktion dabei sind. Ketelsen hatte einen stimmlich großen Abend: von der voluminösen Robustheit des Landmenschen, der das Unbekannte in der Großstadt zu suchen aufgebrochen ist, über die kräftigen, weit gespannten Lyrismen der Duette mit Arabella bis hin zum glaubhaft Polternden des vermeintlich Betrogenen. Ketelsen beeindruckt immer wieder mit großer Genauigkeit und einfühlsamer Interpretation. Der Mandryka ist sicherlich eine seiner Glanzpartien, da sie sowohl seinem sängerdarstellerischen Talent entgegenkommt, als auch den gut projizierenden Körper seiner Stimme in diversen Schattierungen zu Geltung bringen kann.

Nachwuchs und Ensemble

Junge, interessante, der Semperoper verbundene Sänger, als zweites Paar. Agnete Munk Rasmussen, mit jugendlichem Sopran, technisch sicher, sauber in der Höhe und zu großen Hoffnungen Anlass gebend, erntete verdienten Beifall als Arabellas verheimlichte Schwester. Dass ihre Zdenka noch Entwicklungsmöglichkeiten in den Höhenausbrüchen des ersten Aktes hat, wo die Stimme bei voller Öffnung noch nicht ganz frei entfaltet klingt und auch gegen das große Strauss-Orchester nicht den leichtesten Stand hat, soll die Leistung nicht schmälern. Die frische Note, gerade in dieser Partie, tut der Produktion gut. Spätestens, wenn im letzten Akt dann aus dem Zdenko die Zdenka geworden ist und Agnete Munk Rasmussen mit jungendlich-lyrischem Unschuldssopran strahlen darf, kann man sicher sein, dass man von ihr noch oft und viel hören wird.

Als Matteo war erstmals Oliver Ringelhahn zu hören. Er hat sich in den letzten Spielzeiten kontinuierlich von kleinen zu größeren Partien gesungen (darunter ein sehr achtbarer Pedrillo) und ist nun dabei erste Schritte vom Charaktertenor hin zu heldischeren Aufgaben zu unternehmen. Vor wenigen Tagen noch das ordentliche Debut als Cassio in Verdis ‚Otello’, nun der immer wieder viel Kraft abverlangende Matteo. Ringelhahn begeht nicht den Fehler zu Forcieren, sicher lässt er seinen Tenor strömen, achtet auf Präzision in der Umsetzung, artikuliert klar und macht dabei eine sympathische Figur. Dass der Matteo freilich eine Grenzpartie für ihn ist, wird er wissen. Für die großen leidenschaftlichen Ausbrüche fehlen  ihm das nötige natürliche Volumen und auch der strahlende Glanz des Tenors. Dass er dennoch mehr als nur eine akzeptable Lösung und bei weitem nicht der schlechteste Sänger dieser Partie seit der Premiere ist, ist erfreulich. Das ist ja ein wesentlicher Vorteil des Ensemblegedankens, dass Sänger auch einmal ihre Fachgrenzen erkunden können. Und wenn man das mit solcher Qualität tut, wie Oliver Ringelhahn an diesem Abend, muss man erfreut und zufrieden sein.

Ergänzt wurde das Ensemble durch den vollmundigen und herrlich im Dialekt singenden Michael Eder als Graf Waldner und die wieder mit ihrem üppigen Material prunkende Christa Mayer als ungewohnt jugendliche Adelaide. Dazu die Höhen und Durchschnittlichkeiten einer normalen Repertoireaufführung: Martin Homrichs Graf Elemer, dem die Eleganz und Klangschönheit abging, Jürgen Hartfiel (Graf Dominik) und Matthias Henneberg (Graf Lamoral) als zuverlässige Ensemblestützen und die nicht mehr ganz so koloraturfrische Roxana Incontrera als Fiakermilli.

Am Pult der Staatskapelle stand mit großer Erfahrung Peter Schneider, der es versteht dem Orchester den für Dresden so typischen Strauss-Klang zu entlocken, zu formen und zu steigern. Das klingt bei Schneider nicht vordergründig, klangexzessiv, sondern klug entwickelt, immer wieder brillant illustrierend, gelegentlich in eine Art Konversationston verfallend, um dann wieder effektsicher mit großer Klangtransparenz zu neuen Höhenflügen anzusetzen. Es ist kein rauschhafter Strauss der vordergründigen Emotionen, sondern ein theatralisch gedachter, mit den Sängern kommunizierender Strauss. Das sorgt für Klarheit und dramaturgische Konsequenz und gewinnt der Partitur eine lebendige Mischung aus Lyrischem und Komödienhaften ab, die Strauss und Hofmannsthal in ihren Aufzeichnungen vorgeschwebt haben muss.

Glücklich ein Opernhaus, dass solche Strauss-Aufführungen im Repertoirebetrieb erleben darf.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Strauss: Arabella: Dirgent: P.Schneider

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Peter Schneider (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Jürgen Hartfiel (Solist Gesang), Martin Homrich (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang), Michael Eder (Solist Gesang), Oliver Ringelhahn (Solist Gesang), Agnete Munk Rassumussen (Solist Gesang), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Matthias Henneberg (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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