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Montag, 19. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Uraufführung einer Oper von G. Graewe in Dresden

Zwar quick, aber nicht silbern

‚Quicksilver’ nennt sich die neue, 45-minütige Oper von Georg Graewe (Jahrgang 1956), die in der Kleinen Szene der Semperoper Dresden zur Uraufführung kam. Das Beste was sich darüber berichten lässt ist, dass sie eine verdienstvolle Reihe fortsetzt, die jährlich Kooperationen mit künstlerischen Hochschulen Dresdens vorstellt. Diesmal stehen dabei drei Sängerinnen und zwei Sänger des Studiengangs ‘Jazz/Rock/Pop’ der Hochschule für Musik ‚Carl Maria von Weber’ im Mittelpunkt. Doch hier liegt auch schon eines der Probleme des Abends: was Georg Graewe für diese jungen Interpreten komponiert hat, geht an den Stimmmöglichkeiten der Studenten vorbei. Das ist nicht ihr Fehler, denn Graewes nicht sonderlich sangbare Komposition verlangt eigentlich Stimmen mit anderer Gesangsausbildung, nach großer Stimmprojektion, nach differenzierter Behandlung von Vokalen und Konsonanten und nach gesangstechnischen Möglichkeiten, die denen der Populärmusik nicht entsprechen. So wird es schwer, dem Text von Hans-Georg Wegner immer zu folgen, schon aus dynamischen Gründen, aber auch weil die Artikulation unter diesen Vorzeichen nicht immer Gelingen will.

Kunstmarktparabel mit schwacher Musik

Das Stück ist eine kleine Parabel über den Kunstmarkt und seine Persönlichkeitsprodukte. Drei Frauen (Anne Teschner, Lena Sundermeyer, Walburga Walde) stellen fest, dass der Komponist und Sänger Quick (Christoph Mangel) mit allen dreien ein Verhältnis hatte und allen dreien Geld schuldet. Sie beschließen sich zu rächen, indem sie ihn berühmt machen und vermarkten. Quick hingegen erfährt vom Arzt (Jan F. Kurth, auch in anderen Rollen), dass er tödlich krank ist und an der ‚Liebessseuche’ leidet. Quecksilber ist das einzige was ihm helfen kann. Die Nebenwirkungen schwächen ihn, die drei Frauen beuten ihn aus. Quick wird zum erfolgreichen Produkt, zur Marke – und sein Dasein verbessert die Welt. Als Quick stirbt, lebt das Bild, das die drei Frauen von ihm geschaffen haben fort; den Menschen Quick kennt niemand mehr.

Vielfältig sind die Bezüge die sich anbieten und die im etwas ungelenken Libretto durchscheinen, das Modell ‚Mozart’ und seine Vermarktung hat Pate gestanden, wird auch immer mal wieder durch Textbezüge anzitiert. Doch der kritische Ansatz auf den Kunstmarkt und seine Mechanismen kommt nicht sehr weit, reproduziert eigentlich nur Bekanntes, wie die Ausbeutung des Künstlers, die gemachte Sinnstiftung über das geschaffene Produkt, Medienrummel oder die Ungleichheit der Privatperson mit dem öffentlichem Bild des Künstlers. Die Metapher der tödlichen Krankheit, die der Unsterblichkeit des Künstlers entgegensteht ist ein dramaturgisch geschickter Kniff, doch leider in der Umsetzung durch die Musik nicht so zynisch wie ihr Gedanke. Man vermisst im gesamten Werk die Satire, die Ironie, die Absurdität, die Zuspitzung. Das Stück umkreist mehr sein Thema, als das es auf den Punkt kommen würde.

Das gilt auch in gewisser Weise für Georg Graewes Partitur. Er hat für ein kleines, von Christian Scheel geleitetes Orchester, in dem auch Musikstudenten sitzen, eine jener avantgardistischen Kammeropern-Partituren geschrieben, die allenfalls atmosphärisch auf den Zuhörer wirken. Schwer fasslich bleibt beim Hören das tonale Geflecht, das sich harmonisch frei gibt und aus Klangpartikeln besteht, deren Duktus seit einigen Jahrzehnten an deutschen Werkraumbühnen bekannt ist. Beim bloßen Hören lassen sich kaum übergreifende Zusammenhänge verfolgen. Gelegentliche Anklänge zu Spielarten des Modern Jazz lassen sich erkennen, zwischen den Szenen wird frei improvisiert - das ist die eigene Note Graewes. Die Knappheit des Öperchens würde nach stärkerer Charakterisierung sowie nach Prägnanz und Kommentar von Seiten des Orchesterparts verlangen, doch dieser scheint fast austauschbar, kann den sieben Szenen keine Individualität und keine Entwicklung abgewinnen. Auch die Chancen der Vorlage, in der es so dezidiert um ‚Musik’ geht, hat Georg Graewe nicht genutzt. Es gibt beispielsweise zwei exponierte Lieder des Sängers Quick, die eine besondere Attraktivität ausstrahlen müssten, doch sie unterscheiden sich stilistische nur in der instrumentalen Brechung durch Cembalo-Begleitung. Einprägsam-sangbar, so wie es die Handlung eigentlich will, sind sie nicht.

Jörg Behr, Jungregisseur mit ersten Erfolgen, hat das Ganze brav inszeniert, in klarer Szenenabfolge und mit einer grundlegend realistischen Bühnensprache, der er drei Studentinnen der ‚Palucca Schule – Hochschule für Tanz’ hinzugesellt, um Figuren zu doppeln. Unspektakulär bleibt das und fügt dem Werk nichts hinzu. Ebenso wie das drehbare Bühnenbild von Ariane Schwarz zwar für rasche Szenenwechsel sorgt, aber die Vorgänge unkommentiert lässt. Nicht die gelungenste Produktion der Kooperations-Reihe.

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Kritik von Uwe Schneider



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