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Montag, 19. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Sächsische Staatskapelle mit deutschem Repertoire

Pultautorität und Violintalent

Seit 2001 arbeitet der koreanische Dirigent Myung-Whun Chung regelmäßig mit der Sächsischen Staatskapelle zusammen. Seine Handschrift ist stets deutlich, oft eigenwillig und wirft trotz aller Stringenz auch manche Frage auf. Auffällig sein harter, energischer Schlag, der auch mal weit ausholend oder flink sein kann, der aber immer Strenge und Disziplin fordert. Das prägt den Abend. Das Ergebnis ist denn auch ein strenger, sehr geordneter Ablauf im Orchester. Das ist nicht der große, volle, schwelgerische Ton der deutschen Romantik, sondern ein sezierendes Aufteilen der Orchesterstimmen und der musikalischen Abläufe.

Violinfaszination

Spannend wird das, wenn ihm Kontra geboten wird. So wie vom jungen, international aufstrebenden Violinisten Daishin Kashimoto (Jahrgang 1979), der schon seit Jahren eine Exklusivvertrag mit Sony in der Tasche hat und dabei ist, sich in den bedeutenden Konzertsäle der Welt vorzustellen. Er ist tatsächlich ein außergewöhnliches Talent, das schon weit in der eigenen musikalischen Aussage ist. Mit Johannes Brahms’ Violinkonzert stellte er sich in Dresden vor.

Rein von der Körperhaltung und -bewegung her, wird Kashimoto keinen Schönheitspreis gewinnen wollen, eckig, abrupt ist sein Gestik. Doch von seiner Tongebung geht ungeheure Faszination aus. Es ist eine voller, großer Ton, mehr hartnäckig beharrend, als einer schwelgerischen, deutsch-romantischen Tradition verpflichtet. Dem von Chung zurückgenommenen, schlanken Orchester des ersten Satzes setzt er zarteste Pianoabstufungen und genaueste, kraftvolle Triller entgegen. Der mechanischen Tutti-Rhythmik Chungs in den Forte-Passagen begegnet Kashimoto mit einer Härte des Tons die in den Bereich verzweifelter Verlorenheit hineinreicht. Entschlossen, fest, unerbittlich folgt die Kadenz, fingerflink, ein Virtuose großen Maßstabs. Verklärter gestaltet er dann des Finale des ersten Satzes, ein Dialog mit den Holzbläsern als Epilog.

Chungs große Momente sind die einzelnen Momente, nicht aber die musikalische Entwicklung als solche. Wenn die unendlich zart geblasene Oboe zu Beginn des zweiten Satzes mit dem dagegen pulsierenden Fagott gemischt wird und ein kammermusikalischer Holzbläsersatz sich zu entwickeln beginnt, dann sind das die entscheidenden Eindrücke des Abends, die Chung hinzaubert. Mit bestimmt-singendem Ton gesellt sich die Violine Kashimotos dazu. Die heile Welt der Brahms’schen Satztechnik kommt bei Chung nicht ins Wanken, mit der Genauigkeit eines Uhrwerks entfaltet er den Klang in einzelnen Episoden. Für den sinfonischen Zusammenhalt sorgt aber Daishin Kashimoto, dem, intensiv bis ins Mark und mit ungetrübter Klarheit des Tons, der satzgreifende Ausdruck gelingt.

Der dritte Satz, den Chung im Rhythmus gröber nimmt, offenbart dann das Problem der Orchesterleitung anschaulich: dem organisierten Orchester fehlt die Freiheit zum ‚Nachatmen’, zum Nachklingen. In der akkuraten Leitung Chungs ist diese Klang- und Sinnqualität nicht vorgesehen. Der Orchestersatz klingt penibel aufgeräumt. Doch Kashimoto entfacht sein Feuerwerk der Spielweisen, lässt das ungareske Thema überborden, trumpft mit Ausdruck und technischer Gewandtheit auf und reißt das Publikum mit, das mit großem Applaus dankt.

Präzisionsbeethoven

Nach der Pause dann Beethovens populäre 5. Sinfonie, von Chung energievoll, ohne Kompromisse zu immer neuen Klangballungen angeführt. Eine starke Betonung der Streicher ist auffällig, das deckt im Tutti das Geschehen im Holz schon mal zu. Unerbittlich entwickelt sich die Textur, doch ohne Dämonie und natürliche Größe, denn wieder ist alles genau geplant und vorausschauend ausgeformt. Das Empfinde von Spontaneität, des unmittelbaren Entstehens der Musik aus dem Augenblick heraus, stellt sich nicht ein.

Und zugleich gilt, wie schon im Brahms: es gibt Episoden von großer Klarheit und bezwingender musikalischer Aussagekraft, es ist eine jener Interpretationen, in der man im Orchester Dinge wahrnehmen kann, die man noch nie gehört hat. Doch die Bindungen, die Querbezüge, die satzgreifende Binnenspannung, die konsequente Entwicklung, all das bleibt auf der Strecke. Es bleibt bei der Addition von Episoden, wirkt in der Gesamtarchitektur kleinteilig.

Es folgen dynamische Höhepunkte auf dynamische Höhepunkte, es fehlt Raum und Zeit für das Eigenleben der Phrasen. Streng wie ein Kondukt, hätte Mahler wohl über Chungs Lesart des zweiten Satzes geschrieben, bei dem die Einsätze der Musiker nicht gefühlt wirken, sondern auf Kommando kommen. Auch das trägt dazu bei, dass die Satzarchitektur mehr konstruiert wirkt, als dass sie sich wirkungsästhetisch unmittelbar einstellen würde. Eine Vielzahl von riterdandi tut ein Übriges.

Mit den Klangqualitäten der Sächsischen Staatskapelle kann man das bis zu einem gewissen Grad machen. Man kann, wie Chung, das Holz kompakt halten, die Hauptstimme hervorheben, die Mittel- und Nebenstimmen immer wieder (nur) partiell beleuchten (wie im fugierten Teil des 3. Satzes), man kann den großen Orchestereffekt mit Brillanz inszenieren (wie das große Crescendo zu Beginn des 4. Satzes) und immer wieder auf die Größe der Klangballung des Orchesters setzen. Man wird damit das Publikum gewinnen. Wenn aber die individuellen Qualitäten einzelner Stimmen sich dem gestrengen Regiment des Herren am Pult zu sehr unterordnen müssen, dann raubt man ihnen auch einen gehörigen Teil ihrer Qualitäten. Dirigenten wie Haitink oder Colin Davis haben mit diesem Orchester regelmäßig gezeigt, dass Autorität nicht Überformung bedeutet.

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Kritik von Uwe Schneider



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Sächsische Staatskapelle - 3. Sinfoniekonzert: D. Kashimoto (Violine), Dir.: Myung-Whun Chung

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Johannes Brahms, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Myung-Whun Chung (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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