> > > > > 20.12.2003
Freitag, 4. Dezember 2020

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Andrey Boreyko dirigiert unvollendete Symphonien

Jurassic Park III: Beethovens Zehnte rekonstuiert

Viele Mythen ranken sich um jene nicht vollendeten Werke, die die großen Komponisten ihrer Nachwelt hinterlassen haben – man denke nur einmal an Bachs ‘Kunst der Fuge’ oder an Mozarts ‘Requiem’. Besonders aber im symphonischen Genre wimmelt es nur so von skizzenhaft und bruchstückartig notierten musikalischen Entwürfen für ein großes orchestrales Werk. Unter dieser Leitidee stand das Programm dieser Aufführung mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Andrey Boreyko: Sätze aus drei unvollständigen Symphonien waren zu hören, namentlich aus Mahlers und Beethovens Zehnter, sowie aus Schuberts h-Moll-Symphonie. Das gedankliche Präludium wurde jedoch einem kurzen Orchesterstück von Charles Ives mit dem programmatischen Titel ‘The Unanswered Questions’ überlassen: Dieses Stück stellt einerseits – in seiner eigentlichen Idee – die Frage nach dem Sinn des Seins; andererseits steht es hier jedoch auch für das unlösbare Rätsel, das sich in den fragmentarischen Symphonien verbirgt: Wie hätten die Werke geklungen, wenn die Komponisten sie vollendet hätten?

Eine spekulative Antwort darauf geben die Rekonstruktionsversuche, die sich auf überlieferte Skizzen berufen. Mahler hinterließ den Partiturentwurf eines ersten Satzes und Teilskizzen zu vier weiteren. Zu hören war hier der erste Satz in der Reinschrift von Ernst Krenek. Schubert hingegen stellte von seiner h-Moll-Symphonie zwar die ersten beiden Sätze fertig, das begonnene Scherzo aber blieb unvollendet. Das Orchester gab dem Usus entsprechend die zwei vollständigen Sätze. Von Beethovens Zehnter schließlich sind aber nur wenige fragmentarische Takte überliefert, die Barry Cooper zu einem ersten Satz auskomponiert hat. Diesen mit ‘Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 10, 1. Satz, Rekonstruktion’ zu betiteln, ist jedoch eine grobe Anmaßung. Es ist so, als wollte man das Berliner Stadtschloss wieder aufbauen und müsste sich dabei an den Ruinen der Kellergewölbe orientieren. Jene Musik kann eben nicht mehr sein als ein klassischer Kopfsatz nach Fragmenten und im Stil von Beethoven. Der frankensteinartige Versuch, das Skelett des Dinosauriers zum Leben zu erwecken, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt.

Nichtsdestotrotz konnte dieser Konzertabend in seiner Ausführung zum großen Teil überzeugen. Vor allem in der Musik Mahlers und Schuberts stellte Andrey Boreyko seine Qualitäten als Dirigent unter Beweis; er leitete das Orchester mit großen, sprechenden Gesten und schien mehr Regie zu führen als den Takt anzugeben. Das Orchester schien diese kleinen Freiheiten durchaus zu begrüßen und blühte klanglich auf. Besonders im Kopfsatz von Schuberts ‘Unvollendeter’ zeigte es sich von seiner dynamisch kraftvollen Seite. Einzig in Ives’ einleitendem ‘Unanswered Questions’ gelangen den Streichern die Liegetöne nicht ideal, wie auch den Bläsern ein Einwurf in dem Mahler-Satz missriet. Und der vermeintliche Beethoven? Auch das Orchester schien von dem Kompositionsexperiment Barry Coopers nicht besonders überzeugt. Überlassen wir also die Fragmente seiner Zehnten besser wieder der Musikforschung und halten wir uns als Hörer doch lieber an die neun vorhandenen.

Kritik von Torsten Roeder



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The Unanswered Question: Berliner Sinfonie-Orchester, Andrey Boreyko

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Charles Ives, Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert

Mitwirkende: Gary Cooper (Bearbeitung), Andrey Boreyko (Dirigent), Berliner Sinfonie-Orchester (Orchester)

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